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Gesundheit : Erkältungszeit: Was ist Unsinn, was hilft wirklich?

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Die Nase läuft, der Husten quält: Um Beschwerden zu lindern, greifen viele Erkältete schnell in den Medizinschrank. Dabei sind Wasser und Ruhe sehr viel hilfreicher als Hustenlöser und Vitamin C. Welche Arzneien versprechen wirklich Linderung? Ein Interview zum Start in die Infektsaison.

svz.de von
erstellt am 09.Nov.2017 | 12:00 Uhr

Mit der dunklen Jahreszeit nehmen Erkältungen und grippale Infekte zu. Die Virensaison ist eröffnet. Wie kann man sich schützen und wie lassen sich Symptome bekämpfen? Im Interview gibt Professor Bernd Mühlbauer Tipps, rät von bestimmten Präparaten ab und erklärt, warum ein guter Apotheker auch einfach mal Schmerzmittel statt Lutschpastillen empfiehlt. Der Spezialist für Arzneimittel ist Leiter des Instituts für Pharmakologie am Klinikum Bremen-Mitte und gilt als kritischer Forscher zu Medikamenten, deren Nutzen für Patienten er gerne hinterfragt.

Herr Mühlbauer, Auslöser für Erkältungen sind meist Viren. Kann man sich überhaupt gegen sie schützen?
Viren, die Erkrankungen der oberen Atemwege auslösen, werden über die Luft und über die Hände übertragen. Wer sich nicht anstecken will, sollte dichtes Menschengedränge meiden, in dem man angehustet und angeniest wird. Wer täglich in der vollen U-Bahn fahren muss, hat natürlich schlechte Karten. Wer in öffentlichen Gebäuden unterwegs ist, viele Hände schüttelt und Türklinken drückt, sollte versuchen, sich nicht ins Gesicht zu fassen. Das machen wir unbewusst sehr oft. Auch regelmäßiges Händewaschen ist dann sinnvoll. 

Reichen die bekannten 30 Sekunden und normale Seife?
Ja, das ist absolut ausreichend. Dann sind die Hände zwar nicht steril und man dürfte beispielsweise nicht operieren. Aber um normale Erkältungsviren loszuwerden, reicht es völlig. Auch bei Viren kommt es bei der Ansteckung auf die Menge an, der Menschen ausgesetzt sind. Die wird beim Händewaschen ordentlich minimiert.

Ist ein fitter Körper eher in der Lage, einen Infekt abzuwehren?
Wer fit und aktiv ist, hat in der Regel auch bessere Abwehrkräfte als jemand, der bei Heizungsluft in der Wohnung sitzt. Man kann keine speziellen Fitnessübungen machen, um sich gegen Erkältungen zu schützen – etwa ein gezieltes Lungenfunktionstraining. Das wäre Quatsch. Aber regelmäßig rausgehen, dem Körper frische Luft und Bewegung gönnen: Das kann wahre Wunder bewirken.

Welche Rolle spielt die Ernährung?
Eine ausgewogene Ernährung trägt dazu bei, dass das Immunsystem gestärkt wird. Wer in deutschen Supermärkten einkauft, bekommt alles, was der Körper braucht. Dabei sollte man auch regelmäßig ins Obst- und Gemüsefach greifen. Immer mal wieder gibt es Hypewellen, in denen beispielsweise hochdosiertes Vitamin C als wirksame Erkältungsprophylaxe propagiert wird. Es gibt aber keine klinischen Studien, die diesen Wirkungsnachweis erbringen.

Von Nahrungsergänzungsmitteln wie Vitamin C, Zink und anderen Spurenelementen raten Sie also ab?
Ganz klar, ja. Einzige Ausnahme ist, wenn bei einem Patienten ein ärztlich diagnostizierter Mangelzustand herrscht. Dann können Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll sein. Alle anderen Menschen brauchen sie schlicht nicht. Das Geld können sie sich sparen.

Welcher prominente Irrtum beim Thema Erkältungsvorbeugung begegnet Ihnen immer wieder?
Sehr viele Patienten glauben immer noch, dass sie mit der Grippeschutzimpfung auch vor Erkältungen und grippalen Infekten gefeit sind. Ich würde schätzen, dass 90 Prozent der Bevölkerung diesem Irrtum aufsitzen. Die Grippeimpfung schützt ausschließlich vor der pandemischen Grippe, der Influenza, die von Osten nach Westen über den Kontinent schwappt und ihren Höhepunkt bei uns im späten Winter erreicht.

Wer sollte sich gegen die Grippe impfen lassen?
Zu unterscheiden ist zwischen Fremd- und Eigenschutz. Bevölkerungsgruppen, die etwa im Klinik-, Pflege- und Betreuungsbereich eng mit Menschen zusammenarbeiten, sollten sich impfen lassen. Sie könnten als Überträger der Grippe fungieren, selbst wenn die Krankheit bei ihnen selbst nicht ausbricht. Wichtig ist die Impfung außerdem für immungeschwächte Patientengruppen. Für Krebspatienten oder Organtransplantierte kann eine echte Grippe eine ernste bis tödliche Gefahr darstellen. Bei älteren Menschen würde ich nach dem biologischen und nicht nach dem faktischen Alter gehen. Wer mit 75 noch fit und aktiv ist, braucht die Impfung nicht unbedingt. Wer jünger, aber schon bettlägerig und geschwächt ist, sollte die Impfung in Erwägung ziehen. 

Raten Sie zum Drei- oder Vierfach-Impfstoff?
Ich rate Patienten, mit ihrem Arzt über den Impfstoff zu sprechen. Mit der Vierfach-Impfung wird ein möglicher Grippevirenstamm mehr abgedeckt. Die Impfstoffe werden Jahr für Jahr neu entwickelt, je nachdem, welche Virenstämme in Asien auftreten, wo die Erkrankungswelle schon im Frühjahr beginnt. Im Dreifach-Impfstoff sind sogenannte Adjuvanzien enthalten. Das sind Hilfsstoffe, die das Immunsystem aktivieren und so zu einer schnelleren Bildung von Antikörpern beitragen können. Diese Immunbooster führen aber teilweise auch zu einer Verstärkung der Impfnebenwirkungen.

Welche sind das?
Nach einer Grippeimpfung können grippeähnliche Symptome auftreten. Es wird ein Lebendimpfstoff verabreicht. Viele Patienten verstehen dann nicht, dass sie sich mit einer gefühlten Erkrankung herumschlagen müssen, die sie ja eigentlich bekämpfen wollten. Aber sie sollten beruhigt sein. Die auftretenden Nebenwirkungen sind nicht vergleichbar mit einer echten Influenza.

Kommen wir zurück zur Erkältung. Wenn sie einmal ausgebrochen ist: Wie kann man denn die Symptome lindern?
Das ist schon mal ein wichtiger Hinweis: Es gibt keine kurative Therapie im Sinne einer medikamentösen Behandlung, die Heilung verspricht. Es lassen sich lediglich die Symptome verbessern. Wirklich helfen können zum Beispiel abschwellende Nasentropfen. Sie sollten nicht länger als eine Woche genutzt werden, weil sich die Schleimhäute sonst an die Gabe gewöhnen und sofort wieder zuschwellen. Aber wenn die Nase akut zusitzt, versprechen Nasentropfen eine wirkliche Linderung.

Was ist von Husten- und Schleimlösern zu halten?
Es gibt keine klinischen Studien, die die Wirksamkeit von Hustenlösern belegen könnten. Es gab Untersuchungen, in denen Schleimlöser mit Wasser und ohne Wasser gegeben wurden. Ohne Wasser blieben die Schleimlöser wirkungslos. Das Fazit: Wasser ist der beste Hustenlöser. Patienten mit Husten sollten viel trinken. Geld für schleimlösende Medikamente können sie sich sparen.

Was empfehlen Sie bei Halsschmerzen?
Die meisten Menschen lassen sich in der Apotheke Lutschpastillen geben. Diese wirken aber nur oberflächlich und äußerst kurz. Man könnte sagen, die Wirkung verpufft, sobald die Pastille sich im Mund aufgelöst hat. Bei stärkeren Schluckbeschwerden können einfache systemische Schmerzmittel wie Diclofenac helfen. Ein guter Apotheker empfiehlt auch einfach mal ein Schmerzmittel statt der teuren Pastillen.

Ihre Meinung zu Kombinationspräparaten?
Pharmakologen raten von Kombipräparaten ab und ich schließe mich dem an. Bei einem Infekt der oberen Atemwege hat man nie alle Symptome gleichzeitig. Wick MediNait, Grippostad C und wie sie alle heißen beinhalten jedoch Wirkstoffe für sämtliche Erkältungssymptome. Ich rate davon ab, Substanzen einzunehmen, die man gar nicht braucht. Dann lieber die Symptome einzeln bekämpfen.

Die Medikamente führen ja dazu, dass man sich fitter fühlt, als man eigentlich ist. Viele Patienten wünschen diesen Effekt, weil sie beispielsweise bei der Arbeit nicht fehlen wollen.
Bei einem ausgeprägten grippalen Infekt sollte man nicht zur Arbeit gehen, sondern sich dringend die Ruhe gönnen, die der Körper braucht. Das ist auch den Kollegen gegenüber fairer, die man nicht anstecken sollte. Wer seinen Körper mit Kombipräparaten durch die enthaltenen Schmerzmittel in eine Art gedopten Zustand versetzt, um arbeiten zu können, tut sich keinen Gefallen.

Es gibt Patienten, die enttäuscht reagieren, wenn ihr Arzt kein Antibiotikum verschreibt. Kennen Sie diese Reaktion?
Das ist nach wie vor ein häufiges Missverständnis. Diese Patienten wissen nicht, dass weit über 90 Prozent der grippalen Infekte durch Viren ausgelöst werden. Da sind Antibiotika wirkungslos und eine Gabe würde nur zur weiteren Verbreitung von Resistenzen beitragen. Die Gabe eines Antibiotikums ist nur in Ausnahmefällen angezeigt.

Welche Fälle sind das?
Wenn sich beispielsweise eine bakterielle Infektion auf den schon bestehenden viralen Infekt draufsetzt. Wir sprechen dann von einer Superinfektion. Typisch für den Verlauf einer viralen Infektion sind als Vorboten Glieder- oder Augenschmerzen, danach die eigentliche Infektionssymptomatik, oft mit leichter Temperaturerhöhung. Nach wenigen Tagen stellt sich dann die Besserungstendenz ein. Wenn dies nicht der Fall ist und sich der Gesundheitszustand eher verschlechtert, sollte man zum Arzt gehen. Übrigens auch, wenn bereits zu Beginn hohes Fieber auftritt. Wenn die klinischen Zeichen für eine bakterielle Infektion sprechen, wird ein Antibiotikum verschrieben.

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