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Medizin und Gesundheit

14. Dezember 2017 | 16:22 Uhr

Neue Form des Rauchens : Die Fluppe danach

vom
Aus der Onlineredaktion

Tabakkonzerne haben ein Nachwuchsproblem: Rauchen ist out, zumindest in der westlichen Welt. Ihre Hoffnung ruht auf einem Stick, der Tabak verdampft, statt ihn zu verbrennen.

svz.de von
erstellt am 21.Jan.2017 | 16:00 Uhr

Der verschwitzte Cowboy hoch zu Ross mit Kippe im Mundwinkel: Der Marlboro-Mann hat über Jahre die Zigarettenwerbung dominiert. Damit ist jetzt Schluss: Die neue Zigarettenwelt des Marlboro-Mutterkonzerns Philip Morris ist kühl, sauber und modern. Der Raucher von heute ist eher ein Hipster – und er raucht nicht mehr, sondern er genießt. „Die neue Art Tabak zu genießen“ heißt es auf Werbeplakaten in nüchterner Bildsprache, die derzeit an Litfaßsäulen in Berlin, München und Frankfurt zu finden sind.

Denn in den drei deutschen Metropolen hat das neue Zigaretten-Zeitalter, das Philip Morris ausrufen möchte, schon begonnen: In modern und reduziert eingerichteten Flagship-Stores, die ein wenig an die Läden des iPhone-Konzerns Apple erinnern, vertreibt der Tabakkonzern seine Weltneuheit namens iQOS, einen elektronischen Halter, in den ein Tabakstift – der „Marlboro HeatStick“ – eingesetzt wird. Zuerst hatte der Zigarettenkonzern seine Innovation in den Testmärkten Japan und Italien sowie der Schweiz eingeführt. Nach Abschluss der Testphase ist das Produkt nun auch hierzulande erhältlich.


Der Tabak wird auf 350 Grad Celsius erhitzt


Während der Tabak bei herkömmlichen Zigaretten bei Temperaturen von etwa 800 Grad Celsius verglüht, erhitzt ihn das iQOS-Gerät nur auf etwa 350 Grad Celsius – und dabei verbrennt er nicht, sondern „es entsteht Dampf, der nach Tabak schmeckt“, heißt es bei Philip Morris. „Die Nikotinaufnahme ist wie bei einer herkömmlichen Zigarette.“ Das Aerosol soll aber weniger gesundheitsschädlich sein als normaler Zigarettenrauch – und nicht mehr so stark riechen.

Für die Tabakkonzerne hat die Suche nach Alternativen zum herkömmlichen Glimmstängel höchste Priorität. Langsam verzieht sich der Rauch, vor allem in der westlichen Welt – der Zigarettenkonsum geht immer weiter zurück: Wurden 2002 noch etwa 145 Milliarden Zigaretten in Deutschland verkauft, waren es laut Angaben des Statistischen Bundesamtes 2015 nur noch rund 81 Milliarden. Besonders alarmierend für die Tabakindustrie ist dabei ihr Nachwuchsproblem: Die Zahl der Jugendlichen, die spätestens bis zum 18. Lebensjahr zu Rauchern werden, geht massiv zurück. Nicht einmal jeder Zehnte in dieser Altersgruppe greift heutzutage noch regelmäßig zur Zigarette – 2001 war es noch fast jeder Dritte (28 Prozent).


Seit 2007 gibt es sogenannte E-Zigaretten


Doch auch die E-Zigarette, die seit 2007 in ihrer heutigen Version hergestellt und von diversen kleineren Anbietern, aber auch von Tabakkonzernen, vertrieben wird, hat den Durchbruch noch nicht so recht geschafft. Es gibt in diesem Bereich eine Vielzahl unterschiedlicher auf dem Markt befindlicher Geräte, die sich in technischen Details unterscheiden, aber eine wichtige Gemeinsamkeit haben: Es wird nichts verbrannt – und Tabak enthalten sie auch nicht. Stattdessen wird das sogenannte Liquid, eine aromatisierte Flüssigkeit, die vielfach auch Nikotin enthält, mithilfe von Verdampfern erhitzt.

In den Verdampfern befindet sich ein Verdampferkopf mit einer oder mehreren Heizspiralen, die von einem Akku mit Energie versorgt werden. Das Liquid gelangt durch Kapillarwirkung in den Verdampferkopf, wird erhitzt und vernebelt. Im Verdampfer befindet sich zudem ein Luftströmungskanal. Sobald der Benutzer am Mundstück zieht und den Knopf zum Beheizen der Heizspule drückt, wird mit dem Luftstrom der produzierte Dampf transportiert und kann inhaliert oder gepafft werden.

Das Problem dabei: Wirklich gesund sind die oftmals als „gesunde Alternative zur Zigarette“ vermarkteten Produkte nicht. Forscher und Gesundheitsorganisationen warnen vor den Gefahren der aromatisierten Liquids. „Die große Gefahr bei E-Zigaretten ist das tiefe und häufige Inhalieren eines Chemiecocktails, von dem niemand genau weiß, was drin ist“, sagt Martina Pötschke-Langer vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg.Passionierten Rauchern fehlt darüber hinaus mangels Tabak der Tabakgeschmack.


Zwischending zwischen Glimmstängel und E-Zigarette


An diesem Punkt setzt Philip Morris mit iQOS an: Wenn man so will, handelt es sich um ein Zwischending zwischen herkömmlichem Glimmstängel und E-Zigarette, weshalb auch schon mal von Hybridzigaretten die Rede ist. Wer die neue, angeblich so hippe Art zu rauchen einmal ausprobieren möchte, muss zunächst die nötige Hardware dafür erwerben: Das iQOS-Gerät, bestehend aus Verdampfer und Ladekabel, kostet 65 Euro. Befüllt wird es mit einem rund fünf Zentimeter langen Tabakstift mit Filter – eine Packung mit 20 Marlboro HeatSticks kostet sechs Euro.

Die Heat Sticks sind in zwei „Regular“- sowie und einer Mentholvariante erhältlich. Die Funktionsweise des iQOS-Geräts ist ähnlich wie bei E-Zigaretten: Eine Heizspirale erhitzt die Tabakstäbchen mit ihrem stark komprimierten Tabak auf Knopfdruck auf eine Temperatur von etwa 350 Grad Celsius erhitzt, das dabei entstehende Gas kann der Nutzer über das iQOS-Gerät inhalieren oder paffen. Weil in den iQOS-Geräten nichts verbrannt wird, entsteht auch keine Asche – der gute, alte Aschenbecher ist also obsolet.


Studien hätten zudem gezeigt, dass es den Konsumenten ähnlich viel und schnell Nikotin wie eine herkömmliche Zigarette liefere.

„Wir wollen erwachsenen Rauchern ein Tabakprodukt anbieten, das potenziell weniger schädlich ist als die Zigarette“, heißt es bei Philip Morris zu dem neuen Produkt. Rund 3,5 Milliarden US-Dollar (umgerechnet etwa 3,1 Milliarden Euro) hat der Tabakkonzern in den vergangenen zehn Jahren laut eigenen Angaben in die Entwicklung risikoreduzierter Tabakprodukte investiert. Unter anderem wurde im italienischen Bologna eigens eine Fabrik für die Produktion der Tabakstäbchen aus dem Boden gestampft. Rund 30 Milliarden HeatSticks sollen dort zukünftig produziert werden – jedes Jahr.

Wie viel sich Philip Morris von iQOS und den zugehörigen HeatSticks verspricht, zeigen die Prognosen, die der Zigarettenkonzern jüngst seinen Anteilseignern präsentiert hat: Schon in drei bis vier Jahren soll iQOS Gewinne bringen. In der Marktforschung hätten zwölf Prozent der italienischen und 30 Prozent der japanischen Tester gesagt, sie wollten die Zigarette aufgeben und durch das neue Produkt ersetzen, erklärte Philip Morris. Studien hätten zudem gezeigt, dass es den Konsumenten ähnlich viel und schnell Nikotin wie eine herkömmliche Zigarette liefere. Die Menge an Schadstoffen wie Formaldehyd, Acetaldehyd oder Benzopyren im eingeatmeten Aerosol liegt hingegen laut Unternehmensangaben um etwa 80 Prozent niedriger.


Tabaksteuer fällt auch bei iQOS und HeatSticks an


Im Testmarkt Japan eroberte das System auf Anhieb einen Marktanteil von fünf Prozent. Sollte das auch in Europa gelingen, könnte der Konzern die Umsatzrückgänge, die durch immer weniger Raucher und eine schärfere Regulierung seitens der Behörden ausgelöst wurden, zumindest teilweise kompensieren. Dem Staat entgehen dadurch keine Einnahmen: Weil es sich bei den HeatSticks um ein Tabakprodukt handelt, unterliegen sie auch der EU-Tabakrichtlinie – und es fällt Tabaksteuer an.

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