Lesertelefon : Demenzkranke brauchen geregelten Tag

Die Diagnose Demenz kann das Leben einer ganzen Familie durcheinanderbringen. Gesten und Nähe helfen im Umgang mit Betroffenen.
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Die Diagnose Demenz kann das Leben einer ganzen Familie durcheinanderbringen. Gesten und Nähe helfen im Umgang mit Betroffenen.

Wenn die Vergesslichkeit nicht mehr harmlos ist: Expertinnen beantworteten Fragen unserer Leser zu Demenzerkrankungen.

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23. September 2015, 12:00 Uhr

Ich habe von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft gehört. Gibt es auch in Mecklenburg eine Selbsthilfeorganisation, die Betroffene, Angehörige und Professionelle bündelt?
Der Landesverband Mecklenburg-Vorpommern der Deutschen Alzheimer Gesellschaft hat seinen Sitz in Rostock. Sie können sich unter www.alzheimer-mv.de oder am Telefon unter der Rufnummer 0381/8008220 informieren. Außerdem können Sie sich direkt an die bundesweite Information der Deutschen Alzheimergesellschaft in Berlin wenden (Tel. 01803 171017).

Das Thema Demenz wird in den Medien immer häufiger aufgegriffen. Ich höre dort immer von Alzheimer und Demenz oder Alzheimerdemenz. Gibt es da einen Unterschied? Was heißt das?
Demenz ist der Oberbegriff für Erkrankungsbilder, die mit einem Verlust der geistigen Funktionen wie Denken, Erinnern, Orientierung und Verknüpfen von Denkinhalten einhergehen. Die Erkrankungen führen dazu, dass alltägliche Aktivitäten im Verlauf der Erkrankung nicht mehr eigenständig bewältigt werden können. Zudem sind Gedächtnisstörungen, Sprachstörungen, Veränderungen der Stimmungskontrolle sowie der sozialen Verhaltensweisen zu erkennen. Der Erkrankte ist dabei bei klarem Bewusstsein.

Übersetzt bedeutet Demenz „weg vom Geist“ oder auch „ohne Geist“. Demenzerkrankungen können viele Ursachen haben. Es sind etwa 100 verschiedene Ursachen bekannt. Die Alzheimer-Krankheit ist mit rund 60 Prozent aller Demenzen die häufigste Form. Hierbei kommt es ohne äußerlich erkennbare Ursache zum Untergang von Nervenzellen und Nervenzellkontakten im Gehirn.

Insofern gilt: Jeder Alzheimer-Kranke ist dement, aber nicht jeder demente Mensch muss eine Alzheimer-Demenz haben. Darüber hinaus gibt es auch unter anderem noch die vaskuläre Demenz oder die frontotemporale Demenz.

Wir merken, dass unser Onkel zunehmend vergesslicher wird und sich anders verhält als früher. Er ist aber schon 86 Jahre alt. Warum sollen wir noch zu vielen Ärzten laufen?
Es ist zu empfehlen, dass ihr Onkel dem Hausarzt bzw. einem Facharzt vorgestellt wird, um eine eindeutige Diagnose erheben zu können. Die Diagnosestellung ist wichtig um festzustellen, ob überhaupt eine Demenz und nicht eine andere Erkrankung vorliegt. Im zweiten Schritt sollte dann untersucht werden, um welche Form der Demenz es sich handelt. Es sind Demenzformen bekannt, deren Ursachen auf andere Grunderkrankungen zurückzuführen sind.

Zu einer sorgfältigen Diagnoseerhebung zählt eine umfassende Untersuchung des körperlichen und geistigen Zustandes. Es werden psychologische Tests eingesetzt, um Gedächtnis, Denkvermögen, Sprache und Wahrnehmung zu prüfen. Neben der körperlichen Untersuchung werden ebenfalls Laborbestimmungen und bildgebende Verfahren wie Computer-Tomographie oder Kernspinn-Tomographie (MRT) für eine Diagnosebestimmung hinzugezogen. Je früher eine Diagnose gestellt wird, umso früher können dann entsprechende Therapien eingeleitet werden, die für den Verlauf der Erkrankung entscheidend sein können.

Empfehlenswert ist es, dass der Hausarzt sie entweder in eine Spezialsprechstunde oder zu einem ambulant praktizierenden Neurologen überweist. Spezialsprechstunden sind „Gedächtnissprechstunden“ bzw. „Memory-Kliniken“, die auf die Diagnostik von Demenzerkrankungen spezialisiert sind. Im Nordosten finden Sie diese Sprechstunden in Schwerin (Helios-Kliniken), Rostock (Universitätsklinik), Greifswald (Krankenhaus Bethanien), Wismar (Sana Hanse-Klinikum) und Stralsund (Memo Clinic).

Wie lange kann ich meinen demenzkranken Vater noch zu Hause pflegen und betreuen? Wie und wo kann ich Unterstützung erhalten?
Die Frage, wie lange Menschen mit einer Demenz in der Häuslichkeit versorgt werden können, ist pauschal nicht zu beantworten. Für den Erkrankten ist es wichtig so lange in seiner gewohnten Umgebung leben zu können, so lange er diese als sein „zu Hause“ erkennt. Dafür können Sie bei der Pflegekasse Leistungen für Betreuung und Pflege beantragen. Sie können dann die Unterstützung zum Beispiel durch einen ambulanten Pflegedienst, andere niederschwellige Angebote (Unterstützung durch ehrenamtliche Helferinnen und Helfer) oder auch einer Tagespflege in Anspruch nehmen.

Die Tagespflegeeinrichtung kann täglich oder nur an bestimmten Tagen genutzt werden. Der Vorteil einer Tagespflegepflege besteht darin, dass der Erkrankte abends und am Wochenende wieder in seiner gewohnten häuslichen Umgebung ist. Eine Übersicht von Tagespflegeeinrichtungen in ihrer Nähe erhalten sie bei ihrer Krankenkasse. Darüber hinaus gibt es viele Einrichtungen, die eine stundenweise Betreuung in der Häuslichkeit anbieten. Eine Übersicht der Anbieter erhalten sie ebenfalls bei ihrer Krankenkasse.

Sollte eine Pflege und Betreuung zu Hause nicht mehr möglich sein, ist jedoch ein Umzug in einen geschützten Wohnbereich einer stationären Pflegeeinrichtung vorzunehmen.

Die Haftpflichtversicherung meiner demenzkranken Mutter will aufgrund der Demenz die Leistung verweigern. Darf sie das?
Mit einer Demenzerkrankung steigt auch das Schadensrisiko. Die Haftpflichtversicherung sollte daher unbedingt über die „nachträgliche Gefahrenerhöhung“ informiert werden. Haben Sie das versäumt, darf der Versicherer den Vertrag fristlos kündigen und die Leistungen im Schadensfall verweigern. Die meisten Versicherungen gehen davon aus, dass das Gefahrenrisiko durch eine Demenz steigt und verlangen dann einen höheren Beitrag. War dem Versicherungsunternehmen zum Zeitpunkt des Neuabschlusses die Demenzerkrankung bekannt, haftet das Unternehmen für die vertraglich versicherten Schäden, die der Erkrankte verursacht.

Ich habe gehört, dass ab dem Jahr 2017 neue Begutachtungsrichtlinien zur Einstufung in eine Pflegestufe in Kraft treten. Was bedeutet das eigentlich?
Ja, das ist richtig. Statt der bisherigen drei Pflegestufen soll es künftig fünf Pflegegrade geben, die der individuellen Pflegebedürftigkeit besser gerecht werden. Bei der Feststellung der Pflegebedürftigkeit durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen soll nicht mehr zwischen körperlichen, geistigen und psychischen Beeinträchtigungen unterschieden werden. Ausschlaggebend für die Einschätzung, ob jemand pflegebedürftig ist, ist vielmehr der Grad der Selbstständigkeit. Es wird also geprüft, was derjenige noch alleine kann bzw. wo er oder sie Unterstützung benötigt.

Um den Grad der Selbstständigkeit einer Person zu messen, werden Aktivitäten in sechs pflegerelevanten Bereichen untersucht. Das Verfahren berücksichtigt erstmals auch den besonderen Hilfe- und Betreuungsbedarf von Menschen mit kognitiven oder psychischen Einschränkungen und insbesondere Menschen mit Demenz. Bei dem neuen Begutachtungsverfahren wird nicht wie bei der bisher geltenden Methode die Zeit gemessen, die zur Pflege der jeweiligen Person durch einen Familienangehörigen oder eine andere nicht als Pflegekraft ausgebildete Pflegeperson benötigt wird, sondern es werden Punkte vergeben, die abbilden, wie weit die Selbstständigkeit einer Person eingeschränkt ist.

Anhand der Ergebnisse der Prüfung werden die Pflegebedürftigen in einen der fünf Pflegegrade eingeordnet. Wer bereits Leistungen der Pflegeversicherung bezieht, wird automatisch in das neue System übergeleitet. Alle, die bereits Leistungen von der Pflegeversicherung erhalten, erhalten diese auch weiterhin mindestens in gleichem Umfang, die allermeisten erhalten sogar deutlich mehr.

Wie können wir die unmittelbare Umgebung unseres demenzkranken Opas „demenzgerechter“ gestalten?
Zunächst ist es wichtig, dass der Tagesablauf ihres Opas beständig ist und eine gewisse Routine aufweist. Für ihn ist es hilfreich, wenn sie einfache Regeln und feste Gewohnheiten festlegen. Sollen Veränderungen vorgenommen werden, sollte diese so langsam wie möglich umgesetzt werden. Uhren sowie Beschriftungen für Räume oder auch Schränke können ihm helfen, sich zu orientieren. Wichtig ist auch, dass die Räume ausreichend beleuchtet sind. Bauliche Veränderungen wie zum Beispiel ein Badumbau können ebenfalls vorgenommen werden. Dazu gibt es von der Pflegekasse einen Zuschuss von bis zu 4000 Euro. Bei Menschen mit Demenz sollten so wenige Veränderungen wie möglich vorgenommen werden.

Welche Möglichkeit gibt es, wenn Demenzerkrankte wichtige Entscheidungen nicht mehr selbst treffen können?
Wenn der Betroffene bereits „in gesunden Zeiten“ eine Vorsorgevollmacht ausgestellt hat, ist dann der Zeitpunkt gekommen, dass der Bevollmächtigte dem Betroffenen die Entscheidungen abnimmt, zu denen er selbst nicht mehr in der Lage ist. Eine rechtliche Betreuung über das Amtsgericht muss nur dann eingerichtet werden, wenn keine Vorsorgevollmacht vorliegt. Bei bestimmten Entscheidungen wie zum Beispiel freiheitsentziehende Maßnahmen und bei medizinischen Eingriffen, bei denen Lebensgefahr oder ein schwerer gesundheitlicher Schaden nicht unwahrscheinlich ist, wird in jedem Fall eine richterliche Genehmigung benötigt.

Seit drei Jahren ist mein Mann an Demenz erkrankt. Mittlerweile kann ich ihn nicht mehr allein lassen. Ich muss unbedingt mal raus hier. Ich möchte so gern mit meinen Freundinnen ein Wochenende in Berlin verbringen. Können Sie mir helfen?
Dafür steht die Leistung der Urlaubs- und Verhinderungspflege zur Verfügung. Sie könnten Ihren Mann für diese Zeit in einer Kurzzeitpflegeeinrichtung unterbringen oder sie finden eine Pflegeperson, die sie in der Häuslichkeit vertreten kann. Pro Jahr stehen Pflegebedürftigen 1612 Euro zur Verfügung. Eine Übersicht der Anbieter von Kurzzeitpflegeplätzen in Ihrer Region können Sie bei Ihrer Pflegeversicherung erhalten.

Ich bin zwar erst 50 Jahre alt, mache mir aber viele Gedanken zum Krankheitsbild Demenz. Gibt es Möglichkeiten, einer Demenz vorzubeugen zum Beispiel durch Gedächtnistraining?
Wer bewusst und gesund lebt, kann das Demenz-Risiko zumindest senken. Eine wesentliche Rolle spielen eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige Bewegung. Genauso wichtig ist es, dem Gehirn Reize und Anstöße zu bieten zum Beispiel durch regelmäßiges Gedächtnistraining. Denn das Gehirn kann mit einem Muskel verglichen werden, der trainiert werden muss, um in guter Form zu bleiben.

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