Gesundheit : Das Geheimnis des Schmerzes

Dr. phil. Dr. med. Eva Kreikenbaum erforscht chronische Schmerzen und gibt Tipps für den Umgang mit ihnen

Chronischer Schmerz ist ein gesellschaftliches Problem, dass weiß die Medizinerin Dr. Dr. Eva Kreikenbaum aus ihrer täglichen Arbeit. Bis zu 50 Prozent der Deutschen leiden darunter und häufig reicht die Schulmedizin einfach nicht aus, um ihr Leiden zu lindern. In ihrem Praktischen Jahr, einem Bestandteil ihrer medizinischen Ausbildung, kam Eva Kreikenbaum mit diesem Thema erstmals in Berührung. „Die Mittel, die den Ärzten zur Verfügung stehen, bringen sehr viel und den meisten Patienten kann man damit sehr gut helfen, aber es bleibt immer ein Teil übrig und ich hatte das Gefühl die Patienten damit allein zu lassen“, erklärt die 33-Jährige, die im Moment ihre Facharztausbildung macht.

Schnell war klar, sie wolle noch etwas neben der Medizin machen: „Ich habe in meinem letzten Semester ein Philosophie-Seminar an der Uni Rostock besucht. Dafür bin ich dann immer zwischen Rostock und Berlin gependelt. So bin ich zur Philosophie gekommen“, sagt Eva Kreikenbaum. Nach einer anfänglichen Probierphase war klar, dass das Thema „Schmerz“ eine wundervolle Verbindung zwischen Philosophie und Medizin sein könnte. Ein Stipendium der Interdisziplinären Fakultät in Rostock ermöglichte Eva Kreikenbaum schließlich eine entsprechende Doktorarbeit. Im Gespräch mit Caroline Weißert erklärt sie das Geheimnis vom neuen Umgang mit dem Schmerz.

Frau Dr. Dr. Kreikenbaum, um welche Art von Schmerz handelt es sich bei Ihren Forschungen?

Kreikenbaum: Es geht hier insbesondere um chronischen Schmerz. Im Allgemeinen spricht man von chronischen Schmerzen immer dann, wenn der Schmerz länger als drei Monate andauert – dies trifft auf 50 Prozent aller Deutschen zu.

Was unterscheidet den chronischen Schmerz von anderen Schmerzarten?

Bei chronischen Schmerzen passen die subjektiven Empfindungen und die objektiven Befunde nicht zusammen. Dabei ist es häufig nicht möglich eine Ursache für die Symptome zu finden und das führt zur Resignation der Patienten.

Welche Möglichkeiten hat man in solchen Fällen?

Man kann natürlich immer weiter nach Ursachen suchen, wenn aber nichts gefunden wird, resigniert der Patient und natürlich steht auch immer dieser unaussprechliche Vorwurf des Simulierens im Raum. Dort setzt die Phänomenologie an.

Was steckt hinter der Phänomenologie des Schmerzes?

In erster Linie ist sie eine Entlastung sowohl für den Arzt als auch für den Patienten, denn niemandem wird die Schuld an der Situation zugewiesen. Die Phänomenologie ist sozusagen eine Handlungsaufforderung an den Patienten, sich bewusst mit dem Schmerz zu befassen. Dabei sollen die Gedanken jedoch nicht darum kreisen, wie man den Schmerz loswerden kann.

Warum sollte man gerade über das Loswerden des Schmerzes nicht nachdenken?

Je mehr man versucht den Schmerz loszuwerden, desto schlimmer wird er erfahrungsgemäß. Die Patienten sollen sich bewusst erlauben den Schmerz zu spüren – das braucht natürlich viel Übung, aber nur so kann man in sich hinein horchen und spürt auch bewusster, wann und wie es nicht weh tut.

Was bewirkt dieser neue Umgang schließlich bei dem Schmerzpatienten?

Das ist ein bisschen so, als ob man sich selbst erforscht. Viele Patienten fühlen sich dem Schmerz ausgeliefert und mit dieser Methode haben sie die Möglichkeit wieder die Oberhand zu gewinnen. So lernen sie schließlich was ihnen gut tut und was nicht. Dabei ist es wichtig aktiv Freude ins eigene Leben zu bringen – ob nun mit einer wohltuenden Dusche oder einem Spaziergang ist dabei dem Patienten überlassen. Richtig ist, was hilft.

Und wie können die Betroffenen das erlernen?

Dazu gehört tatsächlich viel Training und dafür gibt es sogenannte Achtsamkeitskurse – auch Mindfulness Based Stress Reduction (MBSR, Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion). Dort lernen die Patienten ihre Aufmerksamkeit mit Hilfe von Meditations-, Atem- und Yogaübungen gezielt zu lenken.

Welche praktischen Erfahrungen haben Sie mit dieser Methode?

Ich habe die Ausbildung zur MBSR-Lehrerin gemacht und arbeite in der Klinik genau mit diesen Fällen. Im Moment leite ich in Basel eine Studie zu diesem Thema und finde es unglaublich spannend, wie die Menschen mit ihrem Schmerz umgehen. So erzählte mir einer meiner Patienten der Schmerz sei für ihn so etwas wie ein Kumpel – nicht unbedingt der beste Kumpel – sie kommen miteinander aus. Er sei aber auch nicht böse, wenn der Kumpel irgendwann nicht mehr da wäre. Genau darum geht es bei dieser Methode.

Die Achtsamkeitskurse funktionieren übrigens auch bei Stress einem weiteren großen Problem in Deutschland. Leider ist im Nordosten das Angebot etwas dünn gesät – für Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg kann ich da leider keinen Kurs uneingeschränkt empfehlen.

Können die Schmerzpatienten dann auf die Schulmedizin verzichten?

Nein. Das ist ein Begleitprogramm zur herkömmlichen Theraphie und keine Alternative. MBSR ist eine Methode, den Patienten aus der Hilflosigkeit heraus zu helfen und ihnen Möglichkeiten aufzeigen mit ihrem Schmerz zu leben. So sollten es auch die behandelnden Ärzte verstehen, denn MBSR kann für beide Seiten eine Entlastung sein.

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