Gesundheit : Das Bett kann auch eine Falle sein

Weitverbreiteter Irrglauben: Bettruhe ist oftmals nicht die beste Medizin.
Weitverbreiteter Irrglauben: Bettruhe ist oftmals nicht die beste Medizin.

Studien zeigen: Fast keine Krankheit wird durchs Liegen tatsächlich besser. Sogar Muskelprobleme drohen

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05. März 2018, 20:45 Uhr

„Wir müssen davon ausgehen, dass immer noch viele Ärzte zur Bettruhe raten“, berichtet Annette Becker von in der Philipps-Universität in Marburg. Manchmal, so die Leiterin der Allgemeinmedizinischen Abteilung weiter, geschehe dies nur im Nebensatz. Nicht selten werde dabei jedoch auch eine konkrete therapeutische Absicht verfolgt. Und die werde von der Vorstellung getragen: „Da ist etwas kaputt, also muss ich den Patienten schonen.“ Wenn man den Körper tage- oder sogar wochenlang inaktiviere, habe das weitreichende Konsequenzen für ihn, so Becker.

So schwächt die dauerhafte Immobilisation den Blutdruck und die Durchblutung der Organe. Dies merkt der Patient beispielsweise daran, dass ihm – etwa bei einem Toilettengang – schwindelig wird, was dann zum Anlass genommen wird, sich gleich wieder hinzulegen, sodass der Kreislauf weiter an Schwung verliert. Zudem erhöht ein schwacher Blutfluss das Risiko für eine Thrombose.

Von zentraler Bedeutung ist zudem der Muskelverlust, er beträgt schon zu Beginn der Bettruhe rund 15 Prozent pro Woche. Was den Patienten nicht nur weiter schwächt, sondern auch seine Bewegungen unsicherer macht, wenn er sich mal aus dem Bett erhebt.

In einer Studie der Yale University im US-amerikanischen New Haven zeigte sich: Das Risiko stationärer Patienten auf eine Pflegebedürftigkeit steigt um das Sechzigfache, wenn man sie vier Wochen lang mehr oder weniger im Bett hält. Es beträgt jedoch gerade mal das Fünffache, wenn man sie aus ihrem Krankenzimmer herausholt, um sich zu bewegen. Im Falle akuter Rückenschmerzen wie dem Hexenschuss verstärkt Bettruhe oft genau das, was die Beschwerden auslöst. Denn wenn sich der Patient ins Bett legt, werden die Schmerzen zwar erst einmal nachlassen, doch sofern er sich erhebt, werden sie wieder da sein und ihn in eine Schonhaltung zwingen, die über ihren Einfluss auf die Muskulatur die Schmerzen weiter verschlimmert. „Diese Zunahme an Schmerzen verstärkt wiederum das Bedürfnis nach mehr Schonung“, erläutert Becker.

„Die Schonung wird damit zum Grund des Krankseins und das Kranksein zum Grund des Schonens.“ Am Ende steckt der Patient in einem Teufelskreis, in dem der Schmerz geradezu zwangsläufig chronisch wird.

Insgesamt gibt es nur noch sehr wenige Krankheiten, bei denen man die Bettruhe gemäß wissenschaftlicher Datenlage als hilfreich einstufen kann. Dazu zählt neben instabilen Knochenbrüchen der akute Herzinfarkt, bei dem aber auch in der Regel zwölf bis 24 Stunden Immobilisation ausreichen. Selbst nach Operationen sollte der Patienten möglichst schnell wieder in Bewegung kommen, wobei dies naturgemäß umso leichter klappt, je besser vorher seine körperliche Fitness gewesen ist.

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