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Einseitige Sehschwäche : Daddeln für gesunde Augen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Computerprogramm behebt Sehschwäche bei Kindern – Barmer übernimmt Kosten

svz.de von
erstellt am 29.Sep.2014 | 11:17 Uhr

Ben muss jeden Tag eine halbe Stunde lang am Computer spielen, drei Monate lang. Sein Augenarzt hat es ihm verschrieben. Der Neunjährige leidet an einer einseitigen Sehschwäche, die bei Kindern durchaus häufig vorkommt, aber oft nicht erkannt wird. „Man selbst merkt es ja gar nicht, wenn das Auge wegrutscht“, sagt Ben. „Es ist, als ob es sich ganz kurz abschaltet und dann wieder an.“ Manche Kinder stolpern viel, halten beim Malen die Linien nicht oder bekommen Kopfschmerzen. Bei Ben fiel es nur durch Zufall auf, dass er als Zweijähriger stark schielte. Seine Mutter Yvonne Uecker war sehr beunruhigt, als der Augenarzt ihr sagte, dass eine Behandlung schon längst nötig gewesen wäre. Im Rahmen der Vorsorge-Untersuchungen beim Kinderarzt war nie etwas aufgefallen. „Deshalb wäre es sicher besser, wenn man mit den Kleinen auch zum Augenarzt geschickt würde“, meint Yvonne Uecker. Die Barmer hat inzwischen die Vorsorgeuntersuchung für Kleinkinder erweitert und eine ausführliche Augenuntersuchung mit den Augenärzten in Mecklenburg-Vorpommern vereinbart. „Bei Ben wäre dann die Sehschwäche wahrscheinlich schon früher entdeckt worden“, sagt Bens Mutter. Diese Meinung teilt Dörte Reihwald, Orthoptistin in einer großen Rostocker Praxis. „Die Entwicklung der Sehkraft eines Kindes passiert hauptsächlich bis zum dritten Lebensjahr. Das heißt, Schwächen sollten am besten vorher ausgeglichen werden.“

Auch danach noch kann eine Brille helfen, bei der das gesunde Auge abgeklebt wird, um das schwächere zu fördern. Aber bei manchen kleinen Patienten reicht diese herkömmliche Methode nicht aus. Dann kommt die sogenannte Caterna-Schulung ins Spiel – im wahrsten Sinne, denn bei dieser Therapie spielen die Kinder am Computer. Die jungen Patienten können unter zehn Spielen und jeweils unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden wählen. Da werden zum Beispiel Bälle geschossen, Luftballons zerstochen, Autorennen gefahren, Tetris, Ping-Pong oder Memory gespielt, wobei das gesunde Auge abgedeckt ist. Das System – seit 2012 auf dem Markt - eignet sich für Kinder, die schon mit Computer und Maus umgehen können, oder die älter als zehn Jahre sind, weil bei denen die Pflastertherapie nicht mehr anschlägt. Der Effekt: Im Hintergrund flirren schwarz-weiße Muster – „Mama und Papa wird davon schusselig“, wie Ben sagt. Diese Hintergründe aktivieren einen bestimmten Punkt im Auge, der das scharfe Sehen ermöglicht, und werden für jeden Patienten eigens abgestimmt – abhängig davon, worin die Sehschwäche begründet ist. Zu Hause gebraucht werden ein internetfähiger Computer und ein nicht zu kleiner Bildschirm. 90 Tage lang sollte das Kind dann jeden Tag mindestens eine halbe Stunde üben. Zwischenkontrollen beim Augenarzt zeigen, ob die Therapie anschlägt. Den Eltern von Ben wurde diese Behandlung schon vor Jahren für ihren Sohn angeboten, sie war aber mit 700 Euro zu teuer. „Seit April dieses Jahres übernimmt unsere Krankenkasse jedoch die Kosten, sodass wir die Therapie machen konnten“, berichtet die Mutter. Damit ist die Barmer Ersatzkasse die einzige, die diese Behandlung bezahlt.

Inzwischen hat Ben seine drei Monate Daddelzeit fast geschafft – und ist wirklich froh darüber. „So langsam nervt es. Man kennt jetzt alle Spiele, bei manchen bin ich schon fünf Mal durch. Mama musste mich schon manchmal antreiben, es wirklich zu machen.“ Aber es hat geholfen. Ben erreicht auch auf dem schwächeren Auge schon fast 100 Prozent Sehkraft.
 

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