Gesundheit : Bedrohung aus dem Bad

Mikroplastik – das sind Kunststoffteilchen mit einer Größe von unter fünf Millimetern.
Mikroplastik – das sind Kunststoffteilchen mit einer Größe von unter fünf Millimetern.

Hunderte Kosmetikartikel enthalten kleine Plastik-Teilchen. Nach der Anwendung gelangen sie in die Umwelt – und werden zur Gefahr. Auch für den Menschen.

svz.de von
14. November 2015, 16:00 Uhr

Mit Plastik das Gesicht eincremen, die Haare waschen oder das Badewasser fürs Baby anreichern – das würde wohl kaum jemand freiwillig machen. Dennoch macht es fast jeder täglich. Ob Duschgel, Waschlotion oder Make-up: Hunderte Kosmetikartikel, mit denen wir uns pflegen, enthalten Plastik in fester oder flüssiger Form. Die Partikel sind so winzig klein, dass sie mit dem menschlichen Auge kaum erfasst werden können. Genau das macht Mikroplastik so gefährlich: Es ist so gut wie unsichtbar, stellt aber ein gigantisches Umweltproblem dar.

Jedes Mal, wenn wir uns mit Mikroplastik-Kosmetik waschen, spülen wir Plastik den Abfluss herunter. Die Filter in den Kläranlagen schaffen es nicht, die feinen Partikel aus dem Wasser zu fischen, und so landen sie schließlich in unseren Flüssen und Meeren – und über den Konsum von Fisch und Meeresfrüchten schließlich auch in unseren Mägen. Gelangen sie einmal in die Umwelt, sind sie nicht wieder zu entfernen. Mikroplastik löst sich nicht auf, sondern bleibt für immer im System. Heute lässt es sich bereits in Meerestieren sowie im Sediment finden. In Experimenten wurde gezeigt, dass verzehrtes Mikroplastik sogar in das Zellgewebe von Muscheln verlagert wird. Und selbst in Trinkwasser und Honig wurde bereits Mikroplastik entdeckt.

Laut Umweltbundesamt werden bundesweit rund 500 Tonnen Mikroplastik jährlich in Kosmetika eingesetzt. Bei manchen Produkten beträgt der Anteil am Gesamtinhalt bis zu zehn Prozent. Es dient als Schleifmittel in Peelings, als Filmbildner in Shampoos und Haarspülungen oder als Bindemittel in Make-up und Cremes. „Kunststoff ist preiswert und stabil – der Traum eines Herstellers“, sagt Nadja Ziebarth. Als Meeresschutzreferentin beim BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) in Bremen gehört das Plastik-Problem zu ihrem täglich Brot. „Jährlich landen zehn Millionen Tonnen Kunststoff in den Weltmeeren“, erläutert sie. „Je kleiner die Teilchen sind, desto unwahrscheinlicher, dass man sie wieder rauskriegt.“ Und das Problem sind nicht nur die Plastikeinträge an sich. Mikroplastik wirkt aufgrund seiner Oberflächeneigenschaften in der Umwelt wie ein Magnet auf Umweltgifte. Diese lagern sich an den Partikeln an, so werden diese zu Gifttransportern. Im Meer fressen Fische, Muscheln, Robben und kleinere Organismen mit dem Mikroplastik gleich auch eine Menge Schadstoffe. Diese werden dann genauso Teil der Nahrungskette wie die Plastikteilchen selbst.

Am Kosmetikregal ist es für Verbraucher extrem schwer zu erkennen, ob sich in einem Produkt Plastik verbirgt (siehe Infokasten). Nicht immer tritt der Kunststoff so offen zutage wie bei Peelings. „Kosmetikhersteller sind zwar gesetzlich verpflichtet, alle Inhaltsstoffe aufzuführen – leider machen sie dies immer in ausgeschriebener Form, sodass der Kunde mit monströsen chemischen Begriffen konfrontiert wird“, erläutert Nadja Ziebarth.

Was sagt die Politik dazu? Das Problem wurde erkannt, aber konkrete Verbote stehen noch aus. Mikroplastik ist eine zunächst unsichtbare Gefahr, Studien zur Auswirkung auf Umwelt und Menschen gibt es bislang wenig. Und Politik wird selten vorsorglich tätig. Das Kind muss erst in den Brunnen fallen. Anfang dieses Jahres forderten die Grünen die Bundesregierung auf, „den Ausstieg aus der Verwendung von Mikroplastikpartikeln in Kosmetika und Reinigungsmitteln aktiv zu unterstützen“. Bislang allerdings erfolglos. „Die Bundesregierung lehnt unsere Vorschläge gegen immer mehr Mikroplastik beharrlich ab“, sagt Peter Meiwald, umweltpolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion. „Sie macht selber aber keine Vorschläge, wie Mikroplastik in den Meeren verhindert werden soll.“

Die Regierung strebt eine freiwillige Selbstverpflichtung der Hersteller anstelle eines Verbots an. Kampagnen von Umweltverbänden haben bereits einige Firmen zum Ausstieg bewegt. Besser gesagt: zum vermeintlichen Ausstieg. Denn wie immer ist alles auch Definitionssache. Als Mikroplastik bezeichnet die Wissenschaft Kunststoff-Teilchen, die kleiner als fünf Millimeter sind. Die Hersteller hingegen haben ihre eigene Definition: Sie haben auch eine Untergrenze festgelegt. Kunststoff-Partikel, die noch kleiner sind, werden von ihnen nicht als Mikroplastik gesehen. Doch je kleiner, desto unberechenbarer sind die Partikel für unsere Umwelt, warnen Umweltverbände.

Auf diese Weise haben sich große Kosmetikhersteller wie dm, Body Shop, Rossmann oder Unilever eine scheinbar weiße Weste verschafft. Einige haben nur Polyethylen (PE) und Polypropylen (PP) aus ihren Rezepturen gestrichen und daraufhin behauptet, frei von Mikroplastik zu sein, hat der BUND recherchiert. „Inzwischen schwächt sich unser Gefühl, dass das wirklich ein Erfolg ist“, sagt Nadja Ziebarth. Ihrer Meinung nach hat die freiwillige Vereinbarung nicht funktioniert. „Wenn die Hersteller das nicht über eine Selbstverpflichtung schaffen, muss sich der Bund auf europäischer Ebene für ein Verbot einsetzen“, meint Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck.

Fakt ist, dass die Auswirkungen von Mikroplastik auf den menschlichen Körper bislang viel zu wenig untersucht sind. Kosmetika werden zwar dermatologisch geprüft; wie der Rest des Körpers – auch langfristig – reagiert, bleibt ungeklärt. Als besonders gefährlich gelten die Weichmacher im Kunststoff, die den Hormonhaushalt beeinflussen. Tierversuche konnten bereits zeigen, dass Mikroplastik durch die Magenwand in den Blutkreislauf gelangen kann.

Biologisch abbaubare Ersatzstoffe für Mikroplastik in Gesichtsreiniger & Co. gibt es, zum Beispiel zermahlene Muschelschalen oder Cellulose-basierte Peelingkugeln. Verschiedene Wachse können die flüssigen Kunststoffe, etwa in Duschgels, nach Untersuchungen des Fraunhofer-Instituts ersetzen.

In der Hand hat es letztlich der Verbraucher. Greifen Konsumenten immer häufiger zur plastikfreien Alternative im Regal, werden die Hersteller reagieren müssen. So konnte ein Teil-Erfolg schon gefeiert werden: Zahnpasta ist seit einem Jahr frei von Mikroplastik. Die Industrie hat reagiert.

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