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Medizin und Gesundheit

20. August 2017 | 13:36 Uhr

Barfuß : Auch mal ohne Schuhe

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Barfußlaufen stärkt nicht nur die Muskulatur und hilft gegen Fehlstellungen – es ist auch eine sinnliche Erfahrung

Abebe Bikila kämpfte 1960 in Rom mit einem Problem, das heute kaum noch vorstellbar scheint. Vor der olympischen Marathonentscheidung hatte sich herausgestellt, dass die Schuhe des Äthiopiers zu sehr durchgelaufen waren. Weil sich in der Ewigen Stadt kein passender Ersatz finden ließ, entschied sich Bikila, wie in seiner Heimat barfuß zu laufen. Er gewann Gold in Weltrekordzeit.

Auch Martin Engelhardt kennt diese Geschichte. „Barfuß ist der Mensch per se schneller. Zu dieser Erkenntnis gibt es eine Menge wissenschaftlicher Studien“, sagt der Chefarzt der Klinik für Orthopädie, Unfall- und Handchirurgie am Klinikum Osnabrück. Zwar liefen Leichtathleten heutzutage stets mit Schuhen. Die seien aber sehr leicht und hätten fast keine Fersenerhöhung, erklärt Engelhardt. „Sie sind also ganz dem natürlichen Fuß angepasst.“

Das lässt sich für viele Alltagsschuhe nicht unbedingt behaupten. „Die Mehrheit unserer Bevölkerung hat Fußdeformationen, also Knick-, Senk- oder Spreizfüße“, sagt Engelhardt, der Präsident der Deutschen Triathlon Union ist. Das hänge damit zusammen, dass wir im Unterschied zu unseren Vorfahren, die meist auf weichen Böden wie Waldwegen unterwegs waren, kaum noch barfuß laufen. Ärzte empfehlen daher, gelegentlich mal die Schuhe wegzulassen.

„Kindern sind Schuhe oft schon kurz nach dem Kauf zu klein“, ergänzt Patrik Reize, Ärztlicher Direktor der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie im Klinikum Stuttgart. Der Fuß werde dadurch gestaucht. Barfußlaufen fördere eine gesunde Zehenstellung.

Bei älteren Menschen gehe es bei der Bewegung mit nackten Füßen eher darum, den Vorfußgang wiederherzustellen, erklärt Reize. Damit lässt sich zum Beispiel die Sehnenplatte in der Fußsohle zwischen Vor- und Rückfuß trainieren, die Achillessehne unterstützen oder die Wirbelsäule entlasten. Das verringert die Gefahr von Rückenproblemen.

Reize schätzt Barfußparks, weil sie dazu beitragen können, festgefahrene Verhaltensweisen zu verändern. Einer der größten Barfußparks Deutschlands liegt in Dornstetten im Schwarzwald. Dort können die jährlich rund 170 000 Besucher auf Untergründen wie Kies, Holz und Lehm gehen – oder auf Glasscherben. „Diese Scherben sind abgeschliffen und bilden eine geschlossene Oberfläche, man muss da also keine Bedenken haben“, erklärt Carolin Dircks, Leiterin des Tourismus- und Kulturamts in Dornstetten. „Man merkt Unebenheiten, aber das ist ein angenehmes Gefühl.“ Weil der Tastsinn beim Schuhetragen über die Jahre abstumpfe, sei es für die meisten Menschen ein „Aha-Erlebnis“, wenn sie wieder anfingen zu spüren. „Die gehen da sehr entspannt raus“, sagt Dircks. Barfußlaufen rege die Fußreflexzonen und damit den gesamten Organismus an, zudem werde der Blutdruck reguliert.

Wer allerdings lange nicht mehr barfuß gelaufen ist, sollte damit langsam beginnen. Sonst kann es zu Überlastungssymptomen kommen. Es hilft auch schon, mal in Socken durch die Wohnung zu gehen. Der Effekt des Barfußlaufens ist aber begrenzt, wenn die Ursache für Fehlstellungen deformierte Knochen sind.

Bei bestimmten Krankheiten ist Vorsicht geboten. Reize nennt Diabetes und Polyneuropathie, ein Begriff für Erkrankungen, die oft mit Missempfindungen in den Zehen beginnen und damit den Schutz vor Überbelastungen reduzieren. Bei Diabetikern ist häufig das Schmerzempfinden gestört. Wenn sie Verletzungen an den Füßen nicht gleich bemerken, kann es zu Infektionen kommen.

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erstellt am 02.Jun.2014 | 15:43 Uhr

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