Lebenserwartung in MV : Mädchen werden 83, Jungs 77 Jahre alt

Was tun mit der Lebenszeit? In jeder Phase setzen Menschen andere Prioritäten, sagen Zukunftsforscher.
Was tun mit der Lebenszeit? In jeder Phase setzen Menschen andere Prioritäten, sagen Zukunftsforscher.

Seit Jahren steigt die Lebenserwartung der Menschen in Deutschland. Die Unterschiede zwischen Ost und West haben sich weitgehend egalisiert. Den größten Sprung machte dabei Mecklenburg-Vorpommern.

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27. März 2018, 09:20 Uhr

In keinem anderen Bundesland ist die Lebenserwartung in den vergangenen zwei Jahrzehnten so stark gestiegen wie in Mecklenburg-Vorpommern. Ein neugeborenes Mädchen im Nordosten kann heute im Schnitt 83,2 Jahre alt werden und damit fünfeinhalb Jahre älter als Mädchen der vorhergehenden Generation.

Den Daten zufolge, die das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Montag vorlegte, ist der Sprung beim anderen Geschlecht noch größer. Die Lebenserwartung bei neugeborenen Jungs erhöhte sich im Land um fast 8 auf nunmehr 76,7 Jahre.

Die Zahlen beziehen sich auf die sogenannten Sterbetafeln für die Jahre 2014 bis 2016. Sie wurden verglichen mit den Daten der Jahre 1993 bis 1995. Dabei zeigte sich, dass sich die Lebenserwartung bei Geburt in Ostdeutschland fast an die im Westen angeglichen hat. So gab es unmittelbar nach der Wende zugunsten der Westländer noch eine Differenz von 3,2 Jahren bei Männern und von 2,3 Jahren bei Frauen.

Inzwischen beträgt der Unterschied bei Männern 1,3 Jahre, bei Frauen ist er praktisch nicht mehr feststellbar. Als Hauptgründe für die Anpassung gelten die verbesserte medizinische Versorgung und günstigeren allgemeinen Lebensbedingungen.

Ein neugeborener Junge kann im bundesdeutschen Durchschnitt heute 78 Jahre und vier Monate alt werden. Mädchen können mit einem Alter von 83 Jahren und zwei Monaten rechnen, wie das Statistische Bundesamt berechnete. Damit erhöhte sich die Lebenserwartung für beide Geschlechter gegenüber der Erhebung im Jahr zuvor um jeweils zwei Monate. Neben den Sterbetafeln werden immer auch allgemeine Daten zur Bevölkerung mit einbezogen.

Unter den Bundesländern weist Baden-Württemberg - wie schon seit vielen Jahren - die höchste Lebenserwartung Neugeborener für beide Geschlechter aus. Für Jungen beträgt sie 79 Jahre und sechs Monate, bei Mädchen 84 Jahre. Die niedrigsten Werte weisen Sachsen-Anhalt bei Jungen (76 Jahre und 4 Monate) sowie das Saarland bei Mädchen (82 Jahre und 3 Monate) auf. Bei den Männer liegt Mecklenburg-Vorpommern mit 76,71 Jahren auf dem vorletzten Platz, bei den Frauen mit 83,11 Jahren im Mittelfeld.

Wer in Deutschland als Mann die Schwelle von 65 Jahren erreicht hat, kann statistisch gesehen dann noch weitere 17 Jahre und zehn Monate leben. Für 65-jährige Frauen ergeben sich statistisch 21 weitere Lebensjahre. Damit hat auch der sogenannte Wert der „ferneren Lebenserwartung“ bei Männern und Frauen weiter zugenommen.

 Lebensmodelle infrage gestellt

Wir leben immer länger, aber was wollen wir mit dem Gewinn an Lebenszeit anfangen? Dieser Frage gehen der Hamburger Zukunftsforscher Horst W. Opaschowski und sein österreichischer Kollege Peter Zellmann in ihrem neuen Buch „Du hast fünf Leben!“ nach. Wichtigste Botschaft: Es geht immer wieder weiter, wenn nicht nur materiell, sondern auch körperlich, geistig und sozial vorgesorgt wird.

Zu den Herausforderungen und Prioritäten in jeder Lebensphase haben die Autoren repräsentative Umfragen in Deutschland und Österreich ausgewertet. Demnach stehen für die Deutschen insgesamt Gesundheit und Fitness (73 Prozent), Familie und Kinder (63 Prozent) sowie Freunde und Nachbarn (59 Prozent) ganz oben. Geringere Bedeutung haben die Lebensbereiche Beruf und Ausbildung (46 Prozent), Konsum und Medien (40 Prozent), Freizeit und Urlaub (39 Prozent). Die Österreicher antworteten ganz ähnlich. Mit dem Alter der Befragten wandelten sich die Prioritäten: Die unter 20-Jährigen, die sogenannte Generation „Zukunft“, legen überdurchschnittlichen Wert auf Medien und Kommunikation. Die Angehörigen der Ü-20-Generation sind die „Lebensplaner“. Was für sie besonders zählt, sind Arbeiten, Wohnen und moderne Mobilitätsangebote.

Die sogenannten Best-Ager ab 40 nehmen sich die Zeit zum Leben, wollen Urlaube genießen. Der Satz „Auf die jährliche Urlaubsreise will ich nicht verzichten, dafür arbeite und verdiene ich schließlich“ findet überdurchschnittliche Zustimmung. „Die mittlere Generation ist die, die am besten lebt“, sagt Opaschowski.

Die 60plus-Generation besteht aus den „Lebenserfahrenen“. Priorität hat für sie die Pflege der Generationenbeziehungen und der Zusammenhalt von Jung bis Alt.

Die Begriffe „Jugend“ und „Alter“ lösen sich nach Ansicht der Autoren immer mehr auf, in den Biografien wechselten Phasen der Vollzeit- und Teilzeitarbeit ab, dazwischen Babypause oder Sabbatical sowie Zeiten des Lernens oder des sozialen Engagements. Die klassische Dreiteilung des Lebens in Ausbildung, Beruf, Ruhestand habe sich überholt. 40 oder mehr Berufsjahre würden normal, Partnerbeziehungen auf eine harte Probe gestellt werden. „Den Beruf, den Bund und die Freunde fürs Leben wird es bald nicht mehr geben“, sagt Opaschowski voraus.

Jede Lebensstufe sollte „blühen“, zitieren die Autoren Hermann Hesse. Dafür müsse man sich immer wieder eine neue Herausforderung suchen. Das könne ein Job, ein Ehrenamt oder das Erreichen eigener Gesundheitsziele sein. „Die Altersgrenze können Sie vergessen!“, sagt Opaschowski.
Die Forscher erkennen aber an, dass es besonders für die über 80-Jährigen schwieriger wird, das Leben bewusst und intensiv zu leben.

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