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Liebe, Flirt und Partnerschaft

25. September 2017 | 06:34 Uhr

Partnerschaft : Wo bleibt die Liebe im Alltag?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Experten geben Tipps, wie Paaren der Blick für den Partner nicht verloren geht.

svz.de von
erstellt am 25.Jun.2017 | 09:00 Uhr

Tagsüber gibt man sich die Klinke in die Hand, abends wird Organisatorisches besprochen. Romantisch ist das nicht, was in vielen Beziehungen – vor allem mit Kindern – Alltag ist. „Der Trott aus Verpflichtungen führt leider sehr häufig dazu, dass sich viele nicht mehr als Liebespaar, sondern nur noch als Team sehen“, sagt Sascha Schmidt, Paarberater und Fachbuchautor.

Besonders intensiv erleben das viele Paare in der Rush-Hour des Lebens, irgendwann zwischen 25 und 45 Jahren, wenn Beruf und Familie den Alltag mit besonders hohen Anforderungen belasten. Im Wunsch, allem gerecht zu werden, bleibt die Pflege der Paarbeziehung schnell auf der Strecke. „Man rutscht in einen Trott und verliert sich leicht aus den Augen“, beobachtet Schmidt.

Ein Stück weit sei das auch ganz normal: „Wenn die Zeit des Verliebtseins vorbei ist, richtet jeder seinen Blick wieder stärker auf die eigenen Bedürfnisse.“ Die Qualität langjähriger Beziehungen bestehe dann darin, ein Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Bedürfnissen zu finden, den Alltag gemeinsam zu meistern, aber eben auch Zeit für Nähe und Zweisamkeit zu haben.

Aber das ist ziemlich knifflig, vor allem wenn Stress und Alltagsdruck in Streitereien münden und immer wieder die Stimmung dämpfen. Clemens von Saldern, Paartherapeut aus Berlin, sieht einen Hauptgrund für die hohe Scheidungsstatistik im fehlenden Know-how für die Beziehungspflege: „Für unseren Beruf lassen wir uns alle jahrelang ausbilden, aber bei Beziehungen gehen wir davon aus, dass sie intuitiv funktionieren.“

Er rät dazu, sich intensiver mit der Frage auseinanderzusetzen, was eine gute Beziehung braucht. Manche Menschen seien zwar Naturtalente, für die meisten sei es aber hilfreich, sich mit Themen wie Streitmechanismen und positiver Kommunikation auseinanderzusetzen. „Mit dem richtigen Handwerkszeug lassen sich viele Stolperfallen im Alltag vermeiden und die Beziehung gezielt stärken.“

Der Experte vergleicht Beziehungen mit einem Garten: „Wenn wir verliebt sind, legen wir blühende Beete an. Doch mit der Zeit vernachlässigen wir die Pflege, und alles verwildert.“ Beziehungen, die auf Dauer funktionieren sollen, brauchen aber „Dünger“ und Zeit für die Pflege.

Der wichtigste Schritt, um wieder zueinander zu finden, sei deshalb, Freiräume zu schaffen. Schmidt empfiehlt feste Auszeiten, mindestens einmal wöchentlich. „Das kann ein gemeinsamer Spaziergang sein oder auch einfach eine halbe Stunde auf dem Sofa.“ Wichtig dabei: ganz für den anderen da sein, zuhören oder auch gemeinsam schweigen. „Aber bitte nicht über Familie oder Organisatorisches sprechen“, sagt Schmidt.

Auch im Alltag helfe es, so oft wie möglich für Verbindungen zu sorgen, zum Beispiel durch Rituale, wie jeden Morgen gemeinsam eine Tasse Kaffee zu trinken. „Oder man liest zusammen Zeitung und tauscht sich darüber aus“, sagt von Saldern, der die Bedeutung von Kleinigkeiten betont. „Es muss nicht immer eine abendfüllende Veranstaltung sein.“

Wieder achtsamer miteinander umzugehen, das empfiehlt auch Psychologin Christine Backhaus. Es sei ein häufiges Phänomen in langjährigen Beziehungen, dass der Blick viel zu stark auf den negativen Dingen liege. „Man weiß selten, was Glück ist, aber man weiß meistens, was Glück war“, zitiert die Psychologin einen Satz der französischen Schriftstellerin Françoise Sagan. Backhaus empfiehlt, die kleinen wertvollen Momente der Paarbeziehung wieder stärker wahrzunehmen und auch zu benennen: „Sagen Sie sich gegenseitig viel öfter, was Sie am anderen schätzen oder gerade gut finden.“

Paartherapeut von Saldern betont, wie wichtig die körperliche Begegnung ist. Oft reiche es im Alltag nur für einen flüchtigen Kuss. „Wir brauchen aber mehr, um uns nah zu fühlen.“ Vielen Paaren falle es schwer, sich wieder intensiver aufeinander einzulassen. „Dann kann man versuchen, bewusst für kleine Berührungen zu sorgen oder sich mal eine Sekunde länger zu küssen.“

Für Spannung und Reiz sei es auch wichtig, nicht zu viel aufeinander zu hocken, gibt Psychologin Backhaus zu bedenken: „Viele Paare, die an Trennung denken, sind sich eigentlich viel zu nah.“ Sie rät deshalb dazu, neben der Zeit für Zweisamkeit auch Freiräume für jeden Einzelnen zu ermöglichen. „Man muss sich auch mal vermissen.“

Sascha Schmidt betont, wie wichtig es außerdem ist, Schwierigkeiten anzusprechen. „Viele Paare machen den Fehler, dass sie Probleme unter den Tisch fallen lassen, zum Beispiel weil sie die Auseinandersetzung vermeiden wollen, wenn das Leben sowieso schon anstrengend ist.“ Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben, auf die Dauer sammelt sich eine immer größere Frustmenge an.

Mit Ich-Botschaften und der Vermeidung von Vorwürfen gehe man auf Nummer sicher, den anderen nicht in die Angriffshaltung zu treiben. „Eine Kunst, die besonders Frauen lernen müssen“, sagt Backhaus.

 

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