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Liebe, Flirt und Partnerschaft

20. September 2017 | 13:19 Uhr

Rente : Wenn das Leben „danach“ beginnt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Renteneintritt ist ein tiefer Einschnitt, der auch die Partnerschaft berührt – gerade, wenn der Mann vor der Frau in Rente geht

Es gibt Momente, die schütteln die Partnerschaft gehörig durcheinander. Die Geburt eines Kindes zum Beispiel, das Zusammenziehen – und der Eintritt des Partners in die Rente. „Der Ruhestand krempelt im Grunde genommen alles um, was bisher funktioniert hat“, sagt Doris Wolf, Psychologin aus Mannheim. Gerade das aber unterschätzen viele.

Während beide berufstätig waren, gab es einen geregelten Zeitplan: Wer steht zuerst auf, wer geht zu welcher Zeit ins Büro, wann isst man zu Abend. Diese Tagesstruktur fällt dann weg – zumindest für einen von beiden. Frauen sind in der Regel auf ihre eigene Rente besser vorbereitet, sagt Psychotherapeut Wolfgang Krüger aus Berlin: „Männer aber fallen in ein Loch, sind oft ratlos und hilflos, was sie nun mit sich anfangen sollen.“ Anfangs gibt es zwar große Pläne: endlich mehr Sport oder den Garten aufmöbeln. Doch schnell fragt man sich, ob das wirklich tagesfüllend ist.

Über die Jahre hat sich außerdem eingespielt, dass jeder Partner für bestimmte Bereiche zuständig ist. Viele Männer sind bereit, Aufgaben der Ehefrau zu übernehmen und sie so zu entlasten. Doch manch einer krempelt bei dieser Gelegenheit die bisherige Organisation komplett um. Aus Kleinigkeiten entstehen dann rasch Konflikte: „Der Partner beansprucht ein Stück des Revieres des anderen“, sagt Wolf. Die Gattin ist unzufrieden, weil er die Dinge anders angeht als sie, und korrigiert ihn. Das ist für ihn Kontrolle und Gängelei. Und dann nimmt sie sich nicht einmal mehr Zeit für ihn – wo sie doch jetzt mehr miteinander unternehmen könnten! Sie hingegen ist weiter eingespannt im Berufsleben. Beide fühlen sich unverstanden.

„Das Problem ist die unausgesprochene Erwartungshaltung beider Partner“, stellt Sigi Clarenbach fest, Sozialpädagogin an der Evangelischen Akademie Bad Boll. Beide sollten miteinander besprechen, was jeder sich wünscht, wie er sich das Miteinander vorstellt. Dabei dürfe das Gespräch nicht abdriften in eine Generalabrechnung. Stattdessen sollte man nur von den eigenen Gefühlen sprechen und den Partner nach seinen Vorstellungen fragen. Es braucht Verständnis für den anderen. Die Frau kann nicht ihr ganzes Leben nur auf ihn ausrichten, er hingegen erlebt einen großen Umbruch und muss einiges neu lernen. Idealerweise beginnt das nicht erst ab dem Tag des Renteneintritts. Der Ruhestand kommt schließlich nicht plötzlich.

Schon Monate, wenn nicht gar Jahre zuvor, kann sich das Paar vorbereiten, immer wieder darüber nachdenken und sprechen, wie das Miteinander im Ruhestand aussehen könnte. „Es ist ein Prozess des Sich-Findens“, sagt Krüger. So könnte man sich fragen, was man aus der Zeit der Berufstätigkeit vermisst: zum Beispiel Kontakte, Bestätigung oder Ziele. Wie kann man diese Lücken füllen? Außerdem ist es gut, sich eine Aufgabe zu suchen. „Dabei geht es nicht nur darum, sich zu beschäftigen“, sagt Clarenbach. „Im Arbeitsleben geht es auch nicht nur darum, Geld zu verdienen, sondern Wertschätzung und Anerkennung zu erfahren, Teil von etwas zu sein.“ Daher sollte eine neue Aufgabe etwas sein, das wirklich erfüllt. Ehrenamtliche Arbeit ist für viele Pensionäre das Richtige.

In einer Beziehung läuft es dann gut, wenn Nähe und Distanz ausgewogen sind. Während beide berufstätig sind, ist es ausgeglichen. Geht einer in Rente, gerät dieses System durcheinander. Vor allem Männer sollten den neuen Lebensabschnitt als Chance begreifen: Endlich haben sie die Möglichkeit, den eigenen Interessen nachzugehen. Kam das Hobby durch den Job zu kurz, ist jetzt Gelegenheit. Wer noch kein Hobby hat, kann sich eins suchen. Zusätzlich zu einem eigenen Hobby kann sich das Paar überlegen, was beiden Spaß macht und was sie immer schon miteinander unternehmen wollten. Denn so sehr die Partnerschaft vielleicht durchgeschüttelt wird: Für die Beziehung bietet der Rentenbeginn die Chance, den Partner neu zu entdecken und näher zusammenzuwachsen.

 

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