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Liebe, Flirt und Partnerschaft

25. September 2017 | 06:34 Uhr

Report : Wenn aus Liebe tödliche Gewalt wird

vom
Aus der Onlineredaktion

Jährlich sterben mehr als 300 Frauen durch die Aggressivität des eigenes Partnern. Eine Spurensuche

svz.de von
erstellt am 04.Aug.2017 | 12:00 Uhr

Es war ein sonniger Tag im Sommer 2016: An einer Bushaltestelle im bayerischen Schweinfurt sticht ein Mann von hinten auf eine Frau ein – auf seine Frau. 18 Mal. Autos fahren hupend vorbei. Als ein Zeuge zur Hilfe kommt, liegt die Frau in einer Blutlache. Nur eine Notoperation kann sie in letzter Minute retten.

„Er hat sich bewusst ausgesucht, wohin er sticht. Er hat sich nicht davon stören lassen, dass es am helllichten Tag war, dass es an einer viel befahrenen Straße war, dass zwei Bushaltestellen in der Nähe waren. Er hat in aller Seelenruhe auf seine Frau eingestochen – bis er meinte, dass sie tot ist. Sie hat nur mit Glück überlebt.“ So schildert der Schweinfurter Rechtsanwalt Jürgen Scholl die Tat. Er hat die Frau, die sich selbst dazu nicht äußern will, als Nebenklägerin vor Gericht vertreten, als ihr Mann im März 2017 wegen versuchten Mordes zu zwölf Jahren Haft verurteilt wurde.

 

20 Jahre sei das Paar zusammen gewesen, sagt Scholl. „Diese Frau hat die Hölle auf Erden erlebt. Das Wort Martyrium ist schnell gebraucht, aber hier war das wirklich der Fall: ständige Demütigungen, Schläge, Fesselungen.“

Als sie schwanger gewesen sei, habe ihr Mann ihr so stark in den Bauch geschlagen und getreten, dass sie ihr Baby verlor. Das sei aber nach so vielen Jahren nicht mehr nachweisbar gewesen. Als sie sich dann ein Herz gefasst habe und ihn endgültig verließ, kam es zum Angriff an der Bushaltestelle. „Es hat ihn an seiner Ehre gekratzt, dass sie sich von ihm getrennt hat“, sagt der Anwalt.

Seine Mandantin habe sich nichts sehnlicher gewünscht, als ihren Mann für immer hinter Gittern zu sehen, berichtet Scholl. Der Forderung nach einer Verurteilung mit besonderer Schwere der Schuld und Sicherungsverwahrung kam das Gericht allerdings nicht nach. „Meine Mandantin ist überzeugt davon, dass er sie umbringen wird, wenn er jemals wieder rauskommt.“

Ein Mann tötet seine Partnerin – in manchen Ländern wie Italien wird so ein Verbrechen unter einem eigenen Namen wie „femminicidio“ – in Fachsprache Femizid – diskutiert. Das ist angelehnt an das lateinische femina, also Frau. In Deutschland ist die Begriffswahl oft allgemeiner, weniger geschlechtsbezogen wie Beziehungstat, Partnerschaftsgewalt und – noch breiter – häusliche Gewalt.

Hierzulande wurden im Jahr 2015 nach Angaben des Bundeskriminalamtes, kurz BKA, 331 Frauen von ihrem Partner oder Ex getötet. Insgesamt machten mehr als 104 000 Frauen Erfahrungen mit Gewalt in der Beziehung – Tendenz seit 2012 leicht steigend.

Schwere Gewalt in Partnerschaften erfahre immer mehr mediale Aufmerksamkeit, sagt Jens Luedtke, Professor für Soziologie und empirische Sozialforschung an der Uni Augsburg. „Das Dunkelfeld wird heller ausgeleuchtet.“ Er betont zwar, dass es auch Frauen gibt, die zu Täterinnen werden und in Beziehungen Gewalt ausüben. Aber: „Einfach gesagt: Je härter die Verletzungsfolge wird, desto höher wird der Männerüberschuss.“

Das BKA geht davon aus, dass mehr als 80 Prozent der von häuslicher Gewalt Betroffenen Frauen sind. Zwar seien Einzelfälle von Kurzschluss-Taten bekannt. Meist handle es sich aber um eine Abwärtsspirale der Gewalt, die zum Strudel werde. „Bis es zu heftiger körperlicher Gewalt kommt, gibt es in den meisten Fällen eine Vorgeschichte, und die schaukelt sich hoch“, sagt Luedtke. „Gewalt gegen die Frau kommt umso häufiger vor, je traditioneller die Familien organisiert und je konservativer die Geschlechterrollenvorstellungen sind.“

Ein kritischer Punkt: das erste Kind. „Wenn Kinder kommen, bedeutet das auch heute noch oft eine Retraditionalisierung der Familienorganisation, weil immer noch meistens die Frau zu Hause bleibt. Außerdem können Überforderungen und Überlastungen auftreten.“ Oft, so sagt Luedtke, starten die Probleme, die tödlich enden können, aber auch schon, wenn ein Paar zusammenzieht – „wenn eine Person in den Einflussbereich einer anderen gerät“.

Ursula Geiger-Gronau hat schon sehr viele so traurige Geschichten gehört. Seit 2008 arbeitet die Sozialpädagogin für die Münchner Frauenhilfe. Sie weiß, wie Gewalt sich einschleicht in das, was eigentlich Liebe sein soll: „Eifersucht und ein dominantes Verhalten verbunden mit Kontrolle und Abwertung sind erste Warnzeichen.“ Und sie sagt weiter: „Die häusliche Gewalt hat eine ganz eigene Dynamik. Es gibt ja immer wieder auch Zeiten, die gut sind. Wir haben hier oft den klassischen Verlauf wie im Lehrbuch: Es kommt zu einem Streit, es kommt zu den ersten Handgreiflichkeiten. Danach kommt erst eine Phase des großen Entsetzens, der Entschuldigung – und dann eine relativ gute und harmonische Zeit, in der jeder sich viel Mühe gibt.“ Beim nächsten Konflikt aber komme die nächste Gewalt-Eskalation. Beide fänden aus dieser Dynamik nicht heraus.

Die große Tragik: Mit der Dauer der Gewalt verliert die Frau nach Angaben Geiger-Gronaus an Selbstbewusstsein, wird oft zusätzlich von Freunden und der Familie isoliert. Oder sie isoliert sich selbst, weil sie sich schämt. Und so scheint der Ausweg aus der Gewaltspirale immer schwieriger.

 

 

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