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Liebesaus? : Nach dem Seitensprung nichts überstürzen

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Aus der Onlineredaktion

Die Beziehung eines Paares gerät durch den Seitensprung in Gefahr – ein endgültiges Aus für die Partnerschaft muss das aber nicht bedeuten.

svz.de von
erstellt am 14.Jan.2017 | 16:00 Uhr

Es ist, als wenn einem der Boden unter den Füßen weggerissen würde. Alles ist dahin: Das denken viele in der anfänglichen Schockphase, wenn der Partner einen Seitensprung gesteht. Der oder die Betrogene ist zutiefst verletzt und gekränkt. Was folgt sind Wutanfälle, Beschimpfungen, Weinkrämpfe. Keine Frage: In der Paarbeziehung herrscht der emotionale Ausnahmezustand.

Beide, auch der Fremdgeher, haben an Werte wie Treue geglaubt – und sehen nun tiefe Risse in ihrer Beziehung. In solchen Momenten neigt vor allem der Betrogene zu überhasteten Entschlüssen. Doch auch wenn der impulsive Wunsch nach einer sofortigen Trennung menschlich nachvollziehbar ist, sollte ein solcher Schritt mit Bedacht erfolgen. Denn eine einmal getroffene Entscheidung lässt sich gegebenenfalls später nicht mehr ohne weiteres wieder rückgängig machen. „Die Frage, ob die Beziehung noch eine Chance hat oder nicht, lässt sich zuverlässig ohnehin erst zu einem viel späteren Zeitpunkt beantworten“, sagt Karin Kutz, Heilpraktikerin für Psychotherapie in Wendelstein (Bayern).

Seriöse Zahlen zum Thema Seitensprung gibt es nicht. „An den Nutzerzahlen von Seitensprung-Portalen und Dating-Apps ist aber erkennbar, dass das Phänomen weit verbreitet ist“, erklärt Christoph Joseph Ahlers, Klinischer Sexualpsychologe in Berlin. Ähnlich wie Ahlers äußert sich Ina Graff, Paar- und Sexualberaterin bei pro familia in Frankfurt am Main. Beide verweisen darauf, dass die Ansichten, was Untreue des Partners überhaupt ist, zum Teil weit auseinander gehen. „Für die einen ist es schon Betrug, wenn der Partner ein Profil auf einem Dating-Portal hat oder wenn er sich Pornos im Internet anguckt“, erläutert Graff. Andere sprechen erst dann von Untreue, wenn der Partner sich auf einen anderen Menschen einlässt und mit ihm Sex hat.

Die Gründe, warum es überhaupt zu dieser Art von Fremdgehen kommt, sind unterschiedlich. „Ein Seitensprung ist oft ein Ausdruck davon, dass die Grundbedürfnisse eines Menschen in seiner Beziehung nicht erfüllt werden“, so Ahlers. Dieser Mangel soll dann im Außen kompensiert werden. Mit einem Seitensprung verschafft sich der Betreffende Selbstbestätigung. „Ein Seitensprung kann für den Fremdgeher ein Kick sein“, erklärt Graff. Allerdings bedroht er die Beziehung massiv.

Sobald sich das erste Gefühlschaos etwas gelegt hat, drängt sich bei dem Betrogenen oft die Frage auf: Was hat der oder die andere, was ich nicht habe? Aus Sicht von Ahlers, der Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft ist, ist das ein Fehler. „Sich mit der dritten Person und ihren vermeintlichen Vorzügen zu befassen, ist eine Sackgasse, ein Äpfel-mit-Birnen-Vergleich.“ Stattdessen müsse es darum gehen auszuloten, worum es demjenigen ging, der aus der bestehenden Beziehung ausgebrochen ist.

Aus Sicht von Ahlers ist es nötig, dass sich die Partner aufeinander konzentrieren. Paare sollten sich davor hüten, Details der sexuellen Erlebnisse mit der dritten Person zu erörtern. Das löst bei dem betrogenen Partner häufig noch mehr Verletzungen aus, „oft auch Ekel und Abscheu“, wie Kutz sagt. „Für die Bewältigung der Beziehungskrise sind solche Detail-Erzählungen irrelevant“, erklärt Ahlers. Stattdessen sollten die Betroffenen eine Bestandsaufnahme ihrer Beziehung machen und analysieren, was sie bindet und was sie trennt.

Außerdem sollte der oder die Betrogene auf keinen Fall Kontakt zu der dritten Person aufnehmen wollen. „Das führt selten zu etwas“, erklärt Kutz. Im Vordergrund steht für das Paar: miteinander reden, reden und nochmal reden. „Dabei kann sich zeigen, dass die Untreue ein Sprungbrett für einen Ausbruch aus einer maroden Beziehung ist“, erklärt Graff.

Kristallisiert sich bei den Gesprächen hingegen ein Interesse für einen Neuanfang heraus, dann muss Grundlegendes geklärt werden. „Die Partner übernehmen Verantwortung für ihre Bedürfnisse und Wünsche und teilen sie sich mit“, rät Ahlers.

Von der von Paartherapeuten zum Teil vertretenen These, dass man dem Partner einen Seitensprung nicht gestehen sollte, weil man damit nur sein schlechtes Gewissen befreit, hält Ahlers nichts. „Es gefährdet die Beziehung, wenn die Untreue doch auffliegt“, gibt er zu bedenken. Manche Paare haben auch so etwas wie eine Abmachung: Wenn du mich betrügen solltest, will ich es lieber gleich wissen. Hier ist Ahlers ebenfalls skeptisch. Besser wäre aus seiner Sicht ein anderer Wortlaut der Abmachung, etwa: „Wenn Du merkst, dass Du mit der Beziehung nicht mehr zufrieden bist, dann sprich mit mir darüber.“

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