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KONFLIKTFÄHIGKEIT : Immer nur lieb sein? Das hält keine Beziehung aus

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wer wirkliche Liebe mit ständiger Harmonie verwechselt, schadet seiner Partnerschaft.

Das Ehepaar Richter beherrschte die hohe Kunst des „Kümmering“. Er brachte ihr Blumen mit und den Lieblingstee ans Bett. Sie stand ganz auf seiner Seite, wenn er unter den Intrigen seiner Vorgesetzten litt. Das Ehepaar war wirklich lieb miteinander. Bis sie herausfand, dass er sicht mit einer Frau traf, die er viel aufregender fand. Selbstverständlich ist es großartig, wenn wir liebevoll miteinander sind und uns umeinander kümmern. Der amerikanische Philosoph Harry Frankfurt sieht im Sich-Sorgen um das, was für den Geliebten gut ist, sogar den Kern aller Liebe. Aber Liebsein reicht nicht, um eine Liebesbeziehung zu leben. Denn im Kern ist Liebsein der Versuch, alles möglichst schnell wieder gutzumachen. So wie kleine Kinder lieb sind, damit ihnen ihre Mama nicht mehr böse ist. Tatsächlich aber ist diese Liebsein in der Partnerschaft sogar gefährlich. Für die Liebe. Denn Liebe ist nicht artig und angepasst, sondern ehrlich und mutig. In Krisen, so fand der Paarforscher John Gottman heraus, geraten Paare in einen Zustand zunehmender Negativität. Der Partner kann kaum noch positiv erlebt werden, alles an ihm nervt. Paare, die spüren, dass sie sich voneinander entfremden, versuchen häufig, genau dann besonders nett zueinander zu sein. Aber das ist, als würden wir einen angebrannten Kuchen mit einer besonders dicken Schicht Schoko-Guss überziehen. Es wird nichts besser dadurch, sondern nur verdeckt. Wer Konflikte wagt, kann dazu beitragen, dass Enttäuschungen heilen. Wer lieb ist, nur damit wieder alles gut wird, tut niemandem einen Gefallen – und der Liebe am allerwenigsten.

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