Beziehung : Gemeinsame Hobbys sind nicht alles

Zu zweien – und doch jeder mit sich allein: Das muss der Liebe nicht schaden.
Zu zweien – und doch jeder mit sich allein: Das muss der Liebe nicht schaden.

Er geht gern zum Angeln und auf Hardrock-Festivals, sie liebt den Tango und Bergtouren. Schlechte Voraussetzungen für eine glückliche Beziehung? Nicht unbedingt.

svz.de von
27. November 2015, 10:42 Uhr

Keine Minute ohne einander: Für frisch Verliebte ist die gemeinsame Zeit das Allerschönste. Dem oder der Liebsten zuliebe kommt der Klassikliebhaber mit zum Volksmusik-Open-Air, und die passionierte Luxus-Urlauberin fährt mit zum Campen. Aber wenn die Schmetterlinge im Bauch allmählich wieder ausfliegen und der Alltag einkehrt, meldet sich leise die Frage: Muss ich mir das eigentlich antun?

„Es ist eine sehr moderne Vorstellung von Beziehung, dass Paare ihre Freizeit miteinander verbringen müssen“, sagt Partnerschaftsberater und Buchautor Christian Thiel. Früheren Generationen sei das längst nicht so wichtig gewesen. „Und es hat für die Partnerschaft auch keine entscheidende Bedeutung“, ist Thiel überzeugt. Im Gegenteil: Dass beide Partner wirklich Freude am selben Hobby haben, sei eher selten. „Und alles andere ist immer ein Kompromiss, bei dem der eine dem anderen zuliebe Zugeständnisse macht.“

Aber kann gemeinsam verbrachte Zeit nicht auch ein „Kitt“ für die Partnerschaft sein, weil sie gemeinsame Erinnerungen schafft? „Was hält Ehen zusammen?“, wollte die Psychologin Eva Wunderer, Professorin an der Hochschule Landshut, wissen und befragte zusammen mit Kollegen im Rahmen einer Langzeitstudie mehr als 650 Paare nach dem „Rezept“ ihrer Ehe. Auf Platz fünf der „Zutaten“ landeten die „gemeinsamen Lebensbereiche“, also gemeinsame Aktivitäten oder zusammen ausgeübte Hobbys. Ganz oben auf der Rangliste standen Toleranz und Verständnis, gefolgt von Vertrauen und Offenheit und – erst auf Platz drei landete – die Liebe.

„Gemeinsame Interessen sind sicher wichtig für eine Partnerschaft“, sagt Wunderer. „Aber größere Übereinstimmungen als bei konkreten Hobbys finden sich bei gemeinsamen Werten und Einstellungen.“ Und es macht auch einen Unterschied, wann sich ein Paar kennenlernt: „Sind beide noch jung, entwickeln sie im Laufe der Jahre oft gemeinsame Aktivitäten.“ Vor allem gemeinsame Lebensprojekte können eine Beziehung stabilisieren, der Entschluss, Kinder zu bekommen, zum Beispiel oder der Bau eines gemeinsamen Hauses.

Was bringt die gemeinsame Paddeltour, wenn einer der beiden nach einer Stunde genervt ist, weil die Blasen an den Händen so wehtun? Und viel lieber mit einem Buch auf dem Balkon sitzen würde? Anteil zu nehmen am Leben des Partners, sich dafür zu interessieren, wie er seine Zeit verbringt und was er dabei empfindet: Das sei entscheidend für eine gelungene Partnerschaft, sagt Thiel. Beim Paddeln live dabei sein muss man dafür nicht.

Entscheidend sei, wie die Gründe formuliert werden: Statt „Ich habe keine Lust, mit dir auf irgendeinem See herumzupaddeln“ heißt es besser „Ich brauche mal wieder Zeit für mich“. Mitzumachen, damit der Partner glücklich ist, sei der falsche Weg. „Wenn einer sich dem anderen zuliebe zu etwas zwingt, kann Groll entstehen“, sagt Sandra Konrad. Und der bringt auf Dauer die Partnerschaft mehr in Gefahr als ein getrennt voneinander verbrachtes Wochenende.

Und doch kennt fast jeder Paare, die stets gemeinsam unterwegs sind und dabei auch noch glücklich und zufrieden wirken. „Es gibt solche symbiotischen Beziehungen“, sagt die Paartherapeutin, „und sie können auch eine Zeit lang funktionieren.“

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