Schönheitsflecken : Flirten mit Fliegen

Eine leidenschaftliche Frau trägt ihren Fleck am Auge.
1 von 3
Eine leidenschaftliche Frau trägt ihren Fleck am Auge.

Flirten kann man auch mit Hilfe von Schönheitsflecken – wie das genau funktioniert, erklären wir zum Valentinstag am kommenden Mittwoch.

svz.de von
11. Februar 2018, 09:00 Uhr

Madame de Pompadour, das berühmte Fashion-Victim des Rokoko, klebte sich zum Flirten gerne mal „Fliegen“ ins Gesicht – natürlich keine echten Insekten, vielmehr nannten sich die kleinen Schönheitspflästerchen aus Samt und Seide so, die man damals für dieses amouröse Spiel der Verführung verwendete. Je nachdem an welcher Stelle im Gesicht oder auch im Dekolleté sie platziert wurden, konnte so eine ganze Reihe von subtilen Liebesbotschaften übermittelt werden.

Die Verwendung von Schönheitsflecken, der „Mouches“, was im Französischen so viel wie „Fliegen“ oder auch „Mücken“ bedeutet, verbreitete sich im 17. und 18. Jahrhundert überall dort, wo die französische Lebensart angesagt war, also auch bei uns. Hierzulande kannte man die „Schminkpflästerchen“ laut Frauenzimmer-Lexicon von 1773 auch als „Mouschen“ sowie schlicht und einfach eingedeutscht als „Muschen“.

Wer damals etwas auf sich hielt, nannte gleich ein ganzes Arsenal dieser Schönheitsflecken sein Eigen. Es gab sie in den verschiedensten Materialien und Ausführungen, nicht nur in rund, sondern auch in Form eines kleinen Herzens, Halbmondes oder Sternes. Aufbewahrt wurden sie in den sogenannten „Boites à Mouches“, kleinen Kästchen, die oft reich verziert und dementsprechend teuer waren.

So blieb der Nachschub immer sichergestellt, sollte sich eines der kleinen Pflästerchen doch einmal selbstständig machen und abfallen. Das konnte nämlich durchaus passieren, da die kleinen Samt- und Seidestückchen auf den Unmengen von weißer und roter Schminke, die damals aufgetragen wurden, nicht wirklich gut gehalten haben.

Dummerweise war auch das damals überaus begehrte Bleiweiß giftig, und sorgte somit für höchst unschöne Ekzeme auf der Haut. Da kamen die kleinen Schminkpflästerchen natürlich wie gerufen, um diese und alle anderen Hautunschönheiten wie Pickel zu überkleben. Zudem kontrastierten die schwarzen Pflästerchen auf der weißgeschminkten Haut und lenkten so von Pockennarben und anderen damals durchaus verbreiteten Entstellungen durch Krankheiten wie Pest und Syphilis ab, natürlich auch von schlechten Zähnen. Manche Damen übertrieben es aber doch vielleicht ein bisschen, indem sie sich über ein Dutzend derartiger Schönheitsflecken ins Gesicht und Dekolleté klebten. Die Herzogin von Newcastle etwa verzierte ihre gesamte Stirn mit einer Art Scherenschnitt, der eine Kutsche mitsamt Kutscher und vier Pferden sowie Reitknecht darstellte. Größere Mengen an Mouches galten allerdings spätestens im ausgehenden 18. Jahrhundert als obszön und waren nur ganz bestimmten Damen vorbehalten.

Schon eine einzige „Fliege“ oder auch zwei davon konnten ihren Zweck aber sehr schön erfüllen, wenn es um die hohe Kunst der Verführung ging. Je nachdem, an welcher Stelle sie platziert wurden, hatten sie eine andere Bedeutung, und konnten somit die momentane Stimmungslage oder auch ganz bestimmte Absichten beziehungsweise Eigenschaften ihrer Trägerin auf mehr oder weniger subtile Art und Weise übermitteln.

Mit anderen Worten: Dem hemmungslosen Flirten waren Tür und Tor geöffnet. So konnte eine humorvolle und zu Scherzen aufgelegte Dame einen Schönheitsfleck über dem Grübchen auf der Wange tragen, wohingegen eine Frau, die gern küsste, ihre Leidenschaft mit einer Mouche im Mundwinkel signalisierte. Klebte das kleine Schönheitspflaster allerdings über den Lippen, so deutete das auf eine kokette Dame hin, während es an der Nase als frech interpretiert wurde.

So verführerisch das Flirten mit den „Fliegen“ aber auch sein mochte, mit der Französischen Revolution verlor man die kleinen Schönheitsflecken mehr und mehr aus den Augen. Erst in unseren Tagen wurden sie mit Marilyn Monroe und später auch mit Cindy Crawford beziehungsweise Madonna wieder zum Hingucker, nun allerdings meist in aufgemalter Form.

Codeknacker: Sprache der Schönheitsflecken

Das „Grand dictionnaire universel du XIX. siècle“ verrät über die Platzierung der Mousches:

> Am Auge trägt die leidenschaftliche Frau (frz. la passionée) einen Schönheitsfleck. Im Augenwinkel die "Angreiferin" (frz. l'assassine).

> Auf der Stirnmitte ist er der würdevollen Dame (frz. la majestueuse) vorbehalten.

> Die zu Scherzen aufgelegte Frau (frz. l'enjouée) trägt die kleine „Fliege“ über den Grübchen, die beim Lachen entstehen.

> Die Frau, die nichts gegen ein Liebesabenteuer hat (frz. la galante), trägt das Schönheitspflaster auf der linken Wange. Auf der rechten Wange bedeutet das gleiche Zeichen: Ich bin verheiratet/vergeben (frz. je suis mariée).

> Wer gerne küsst (frz. la baiseuse), klebt es in den Mundwinkel.

> Die Freche (frz. la gaillarde) trägt die kleine „Fliege“ an der Nase.

> Die kokette Dame (frz. la coquette) hat die Musche über den Lippen angebracht.

> Die diskrete Dame (frz. la discrète) hat den Schönheitsfleck unter der Unterlippe platziert. (Anderen Quellen zufolge: direkt auf der Unterlippe)

> Die Diebin (frz. la voleuse) bestiehlt die Herren sozusagen um ein Liebesabenteuer, da sie nicht flirten will, sondern mit den Mouches Hautunreinheiten verdeckt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen