zur Navigation springen
Liebe, Flirt und Partnerschaft

18. November 2017 | 04:03 Uhr

Liebe in Zeiten der App : Der Nächste bitte

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Liebe per Smartphone: Leute im Café kennenlernen und nach einem Date fragen – das war gestern. Heute sollen Dating-Apps helfen, den Traumpartner zu finden.

svz.de von
erstellt am 30.Mai.2015 | 09:00 Uhr

Mit einer Weinflasche in der Hand stand Emma Gruber* etwas nervös am Berliner Landwehrkanal. Sie war verabredet – doch mit wem, wusste sie nicht so genau. Was sie wusste: Er mag guten Wein und ist 32 Jahre alt. Ein Foto von ihm hatte sie auch schon gesehen. Kennengelernt hat die 25-Jährige den jungen Mann über OKCupid, eine Dating-Plattform im Internet, die es auch als App gibt. Gruber wusste außerdem, dass sie und ihre Verabredung zu 95 Prozent miteinander matchen - zusammenpassen also.

Im vergangenen Jahr sind Dating Apps populär geworden. Kaum einer, der nicht schon mal mit dem Smartphone nach der großen Liebe gesucht hat – oder zumindest darüber nachdenkt. Das Prinzip ist immer ähnlich: Apps wie Tinder, Happn oder Lovoo funktionieren standortbasiert. Je nach App kann man einen kleinen Steckbrief anlegen und Menschen in der Nähe kennenlernen.

Bei Tinder etwa sieht man zunächst nur die Fotos potenzieller Partner: Wer das Foto mit dem Finger nach links wischt, verschmäht das Angebot, wer nach rechts wischt, möchte den anderen näher kennenlernen. Nur wenn beide Partner das Foto des jeweils anderen nach rechts wischen, kommt es zu einem Match – sie können miteinander chatten.

Bei OKCupid hingegen beantworten Nutzer Fragen wie „Glaubst du, Frauen haben die Pflicht, sich die Beine zu rasieren?“ oder „Ist Sex vor der Ehe eine Sünde?“. Die App berechnet dann anhand der Antworten, wie gut zwei Nutzer zusammenpassen. „Das fand ich spannend, das wollte ich einfach mal ausprobieren“, sagt Gruber. Sie findet, für das Online-Dating via App muss sich niemand schämen.

Ihren wirklichen Namen möchte sie in diesem Zusammenhang trotzdem nicht lesen – deshalb heißt Emma Gruber eigentlich anders. Sie glaubt: „Die Apps haben Online-Dating salonfähig gemacht. Es hat nicht mehr diesen verstaubten oder gar verzweifelten Touch.“
Beziehungscoach Dominik Borde findet, die Apps eignen sich besonders für schüchterne Leute. „Immerhin weiß man, dass der andere auch auf der Suche ist und vermutlich keinen Partner hat.“ So wird man weniger mit Ablehnung konfrontiert, muss niemanden auf offener Straße ansprechen.
Er beobachtet, dass im echten Leben - also offline - kaum noch geflirtet wird. Auch Gruber hätte ohne App in so kurzer Zeit niemals so viele Verabredungen gehabt. Es blieb nicht bei dem jungen Mann am Landwehrkanal – es folgten viele weitere Dates, gute und schlechte. „Im echten Leben, also ohne App, wäre ich bei manchen vielleicht länger dran geblieben, hätte der Sache eine Chance gegeben.“ So galt meist schnell: der Nächste bitte. „Menschen werden zur Ware, bekommen einen Schnäppchencharakter“, sagt Paartherapeut Rüdiger Wacker. Und das hat Einfluss auf die Partnersuche: Warum mit dem Erstbesten zufriedengeben? Das Angebot ist schließlich fast unendlich. Wir glauben dann, es kann immer noch jemand Besseren geben – die Dating-App ist wie Netz und doppelter Boden, eine Absicherung.

Deshalb hat sich auch Gruber gegen diese App entschieden. „Da weißt du ja überhaupt nichts über den anderen, nur wie er aussieht“, sagt sie. Ihr war es wichtig, welche Angaben jemand auf seinem Dating-Profil macht und wie hoch der sogenannte Matching-Score war. „Unter 80 Prozent habe ich niemanden getroffen.“ Darin sieht Paartherapeut Wacker eine Gefahr: „Wasserstoff und Sauerstoff sind sich vielleicht gar nicht so ähnlich“, sagt er. Sie wären von der App womöglich nie gematcht worden. „Trotzdem ergeben sie gemeinsam Wasser.“ Auch bei Apps sind frustrierende Erfahrungen möglich: Wer wenig Resonanz auf sein Profil bekommt, stellt sich womöglich schnell selbst infrage. „Schließlich haben andere die gleichen Anforderungen an mich wie ich an sie“, sagt Wacker. Wer da mithalten möchte, präsentiert sich nur von seiner Schokoladenseite. Deshalb rät Wacker, von der App so schnell wie möglich in die Wirklichkeit zu gehen. „Wer zu lange hin- und herschreibt, glaubt, den anderen zu kennen“, erklärt Borde. Dann entsteht schnell eine Illusion, Nutzer bekommen eine irrige Vorstellung vom anderen. Borde empfiehlt, für die Kommunikation die App so schnell wie möglich zu verlassen – und vor einem Date erstmal zu telefonieren. So kann man schon mal schauen, ob man sich versteht, macht es dem anderen aber nicht zu einfach. „Man will ja keine leichte Beute sein.“ Außerdem kann man so abklopfen, wie vertrauenswürdig die Stimme ist, sagt Bianca Biwer von der Hilfsorganisation Weisser Ring. Denn bei einem Blind Date weiß man schlussendlich nie, mit wem man es wirklich zu tun hat. „Das erste Treffen sollte unbedingt an einem neutralen und öffentlichen Ort stattfinden.“ Eine gute Idee ist es, einen Freund in der Nähe vorher über das Date zu informieren. Der kann zwischendurch per Telefon nachhaken, wie es läuft und im Notfall vorbeikommen. Diesen Ratschlag hat auch Gruber bei ihren Dates immer beherzigt. Sie hätte auch nie einen Wildfremden einfach zu sich nach Hause eingeladen. „Aber dadurch, dass ich eben Fremde traf, habe ich viele spannende Menschen kennengelernt.“ Ihr Profil auf der Dating-App hat sie mittlerweile gelöscht. „Da waren immer nur die gleichen Leute, irgendwann hatte ich das Gefühl, ich kenne jedes Profil.“ Doch das ist nur die halbe Wahrheit: Gruber hat jemanden kennengelernt - über die App. Und mit dem will sie es jetzt versuchen, ganz ohne Netz und doppelten Boden.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen