Langschläfer im Nachteil

<strong>Um pünktlich in der Schule zu sein,</strong> müssen viele Kinder und Jugendliche zu einer Zeit die Augen öffnen, zu der es für ihren Körper noch Nacht ist.<foto>Techniker Krankenkasse</foto>
Um pünktlich in der Schule zu sein, müssen viele Kinder und Jugendliche zu einer Zeit die Augen öffnen, zu der es für ihren Körper noch Nacht ist.Techniker Krankenkasse

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22. März 2013, 10:24 Uhr

Würde die Schule nur 20 Minuten späterer beginnen, hätten die Mädchen und Jungen mehr Schlaf und wären ausgeruhter. Außerdem verbessern sich so ihre Leistungen. Forscher der Universität Basel haben rund 2700 Schülerinnen und Schülern im Alter von 13 bis 18 Jahren nach ihren Schlafgewohnheiten befragt und fanden heraus: Jugendliche, deren Unterricht um 8 Uhr anfängt, schlafen etwa eine Viertelstunde länger und können dem Unterricht aufmerksamer folgen als jene, die bereits um 7.40 Uhr in der Schule sein müssen. Ihre Befunde haben die Wissenschaftler um den Psychologen Sakari Lemola nun online in der Fachzeitschrift "Journal of Adolescence" veröffentlicht.

Während viele Kinder noch Frühaufsteher sind, haben Jugendliche morgens große Mühe, hochzukommen. Entsprechend werden sie abends meist erst spät müde und wollen - oft zum Leidwesen ihrer Eltern - nicht ins Bett oder weigern sich, das Licht im Schlafzimmer zu löschen. Das Schlafbedürfnis liegt bei den meisten 15-Jährigen nach wie vor bei gut neun Stunden pro Nacht. Die befragten Schüler kommen im Durchschnitt auf eine Schlafdauer von acht Stunden und 40 Minuten. Vor allem diejenigen, die weniger als acht Stunden schlafen können, leiden unter einem permanenten Schlafdefizit, was sowohl ihre Schulleistungen als auch ihr Wohlbefinden beeinträchtigt. Schon eine Viertelstunde mehr Schlaf steigert deshalb nach Auskunft der befragten Schüler spürbar ihre Wachheit und ihre Leistungsfähigkeit.

6 Uhr ist für viele Schüler mitten in der Nacht

Diese Ergebnisse sind ein weiterer Beleg dafür, dass der frühe Schulbeginn in Deutschland aus wissenschaftlicher Sicht Unsinn ist. Entgegen jeder schlafmedizinischen Erkenntnis zwingen Kultusminister die Schüler zu einem Schulstart zwischen 7.45 und 8.15 Uhr. Viele Schüler müssen wegen weiter Anfahrtswege bereits um 6 Uhr oder gar noch zeitiger aufzustehen. "Das ist für sie biologisch nicht früh, sondern mitten in der Nacht", urteilt der Regensburger Schlafmediziner Jürgen Zulley. Vor allem Pubertierende können gar nicht früh einschlafen und sich auf diese Weise ausreichend Schlaf verschaffen. Ihr Biorhythmus zwingt sie dazu, erst spät in die Federn zu kriechen.

Insofern ist die unnötig frühe erste Schulstunde wesentlich verantwortlich dafür, dass viele älteren Kinder und Jugendliche im Unterricht übermüdet und unkonzentriert sind. In diesem Zustand sollen sie dann begreifen, worin sich die zweite von der ersten binomischen Formel unterscheidet oder was es mit dem Zitronensäure-Zyklus auf sich hat. Ebenso bedenklich: Da Erlerntes sich im Schlaf verfestigt, stört ein Wecker, der die Schüler regelmäßig aus tiefem Schlaf reißt, auf Dauer den Lernerfolg.

"Jugendliche vor 9 oder 9.30 Uhr zu unterrichten, ist kontraproduktiv", sagt der Münchner Chronobiologe Till Roenneberg. Oft hört er zwar von Lehrern das Argument, die Jugendlichen seien "selber schuld an ihrer Müdigkeit, weil sie zu lange aufbleiben und sich in Diskotheken herumtreiben". Doch das sei falsch. Der Einschlaf-Reiz komme bei Jugendlichen nun mal "spät in der Nacht". Als Spätschläfer können sie bis zum frühen Morgen gar nicht auf ihr nötiges Schlafpensum kommen.

Roenneberg steht mit seiner Kritik am frühen Schulbeginn längst nicht allein da. Auch eine Studie von US-Forschern der Northwestern University in Evanston bei Chicago kommt zu dem Ergebnis: Der frühe Schulbeginn raubt Teenagern im Schnitt rund zwei Stunden Schlaf und macht sie so zu schlechteren Schülern. Zumindest sollten Lehrer deshalb davon absehen, in den ersten beiden Stunden Klassenarbeiten zu schreiben. Und wer etwas gegen das zunehmende Übergewicht von Kindern und Jugendlichen machen möchte, sollte ebenfalls alles dafür tun, dass die Kinder wenigstens ausschlafen können, wenn ihre Eltern sie schon abends nicht von der Glotze loseisen können. Denn wie die Kinderärztin Judith Owens und die Psychiaterin Mary Carskadon von der Brown University in Providence im US-Staat Rhode Island nachweisen konnten, verleitet Schlafmangel am Folgetag zum vermehrten Essen zuckerhaltiger Nahrungsmittel mit hohem Kaloriengehalt. Außerdem wirken solche Kinder mal lethargisch, mal übernervös, unkonzentriert und unaufmerksam, was von ihren Eltern leicht als ADHS-Störung missverstanden werden kann - und dummerweise von Ärzten auch. Dann dürfen die Schüler zur Freude der Pharma-Unternehmen Ritalin schlucken.

Frühaufsteher entscheiden über den Schulbeginn

Die Befunde sind klar. Doch leider werde "immer so getan, als sei der Mensch kein biologisches Wesen und es lasse sich alles mit Disziplin regeln", bemängelt Roenneberg diese Haltung. Darunter leide Wirksamkeit des Schulunterrichts, der "unsere Messlatte sein muss". Für den Chronobiologen steht fest: Durch den frühen Schulbeginn sind ein "konzentriertes Empfangen von Wissen und ein konsolidiertes Lernen nicht möglich".

Nun fragt man sich, wieso die immer mal wieder aufkeimende Debatte um einen späteren Schulbeginn nicht fruchten darf. Ein Grund ist Roenneberg zufolge ein zu selbstgerechtes Beurteilen des Schlafbedürfnisses von Schülern durch Lehrer und Kultus-Beamte. Menschen wählten sich ihre Berufe auch nach den eigenen Schlafvorlieben aus. Frühaufsteher seien in Ämtern aber relativ häufig anzutreffen. "Die Leute, die über die Schulzeiten bestimmen, sind kein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung", sagt der Münchner Forscher. Das ist schade. Denn von ausgeschlafenen Schülern würden die Lehrer und von ausgeruhten Beschäftigten die Unternehmen Vorteile haben. Die Gleitzeit mit der darin eingebetteten Kernarbeitszeit ist immerhin ein erster Schritt.

Doch den größten Nutzen hätten die Morgenmuffel selbst: Für sie geht es um nicht weniger als um Gerechtigkeit. Denn biologisch motivierte Frühaufsteher erzielen die besseren Noten und haben später auch im Beruf im Durchschnitt mehr Erfolg, wie Studien zeigen konnten. Einige davon gehen auf den Biologen Christoph Randler zurück, der an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg lehrt. Sein entscheidender Befund: Bekennende Frühaufsteher hatten das Gymnasium mit deutlich besseren Abschlusszeugnissen verlassen - für unser auf größtmögliche Gerechtigkeit zielendes Schulsystem ein unrühmlicher Befund. Denn dieser bedeutet ja keineswegs, dass Frühaufsteher "intelligenter sind und systematischer oder disziplinierter gelernt" hätten, beugt der Biologie-Didaktiker Fehldeutungen vor. "Es heißt nur, dass diese jungen Leute das Glück hatten, in jenen Stunden des Tages herausgefordert zu werden, in denen sie munter waren."

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