Zahl der Taschendiebstähle steigt : Langfinger haben Touristen im Visier

<strong>Mit Schildern wie diesem</strong> warnen manche Restaurantbesitzer  ihre Gäste vor Langfingern. <foto>jens Kalaene/dpa</foto>
Mit Schildern wie diesem warnen manche Restaurantbesitzer ihre Gäste vor Langfingern. jens Kalaene/dpa

In der Ferienzeit sind unzählige Touristen im Nordosten unterwegs. Mit ihnen reisen die Taschendiebe. Die Zahl der Delikte ist 2011 auf den höchsten Stand seit 20 Jahren gestiegen. Das BKA registrierte 120.790 Fälle.

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25. Juli 2012, 07:28 Uhr

In der Ferienzeit sind unzählige Touristen in Deutschland unterwegs. Mit ihnen reisen die Taschendiebe. Überall, wo Besucher vor Sehenswürdigkeiten stehen, Cafébesucher sich ins Gespräch vertiefen oder Auswärtige in Bahnhöfen nach einer Verbindung suchen, haben die Täter leichtes Spiel.

Die Zahl der Taschendiebstähle in Deutschland ist im Vorjahr auf den höchsten Stand seit fast 20 Jahren gestiegen. Das Bundeskriminalamt (BKA) registrierte 120 790 Fälle. Das waren 16 645 mehr als 2010. 1993, als die neuen Bundesländer erstmals in die Statistik kamen, gab es noch 100 984 Fälle.

"Manche Menschen laufen so arglos durch die Stadt, dass ihr Verhalten schon fast als Einladung zu verstehen ist", sagt Ingo Przeradzki. Der 54-Jährige führt eine Sondereinheit beim Berliner Landeskriminalamt. Jeden Tag jagen 19 Zivilfahnder in der Hauptstadt Langfinger. Seit die Berliner Ermittlungsgruppe 2005 wegen der hohen Zahl von Taschendiebstählen gegründet wurde, haben Ingo Przeradzki und seine Kollegen Hunderte Ganoven festgenommen. Mittlerweile kenne man den einen oder anderen. "Manchmal reicht ein Nicken und die wissen, dass wir sie im Auge haben."

Ingo Przeradzki steht am Bahnhof Zoo und beobachtet. Tausende strömen hier zu Zügen oder Bussen. "Das Gedränge, die fragenden Gesichter: Der Ort hat magnetische Wirkung auf Taschendiebe." Beliebter "Arbeitsplatz" der Kriminellen seien Treppen. Dort präsentierten Reisende ihre Rucksäcke dem Dieb unbewusst auf Augenhöhe. "Rucksäcke sind Fremdkörper. Keiner merkt irgendetwas. Und wenn dann Geld und Handy noch im Außenfach verstaut sind ...", sagt der Ermittler.

Die Zeiten, als sich Taschendiebe kunstfertig aus einer Innentasche ihres Opfers bedienen, seien vorbei. "Heute wird oft sehr körperlich gearbeitet", sagt Birgit Spier, Leiterin der Sondereinheit. Im Büro kümmern sich weitere 20 Beamte um die Auswertung der Delikte. Wie sind die neuesten Tricks der Diebe, wo schlagen sie verstärkt zu? Sind Muster erkennbar, reagieren die Zivilfahnder sofort. Inzwischen gibt es auch in anderen Bundesländern solche Sondereinheiten.

Zum Alter der Diebe sagt Przeradzki: "Zwischen acht und 85 Jahren haben wir schon alles dabei gehabt." Vor einigen Jahren hätten die "Klau-Kinder" Probleme gemacht: Roma, die von den Eltern Schläge bekamen, wenn sie zu wenig erbeuteten. Und dann war da noch eine rüstige 85-Jährige. Als "liebe Oma" sprach sie junge Mütter an und ließ dabei die Geldbörsen der Frauen aus Kinderwagen mitgehen.

Ob man sich schützen könne? "Na klar", sagt Ingo Przeradzki: Taschen und Rucksäcke schließen, im Gedränge vor der Brust oder unter den Arm geklemmt tragen und nicht unbeaufsichtigt an der Stuhllehne oder im Einkaufswagen lassen. Wertsachen werden am besten nicht in außenliegenden Taschen aufbewahrt. Misstrauisch sollte man vor allem dann sein, wenn man bedrängt, beschmutzt oder abgelenkt wird. "Hinterher denkt man immer: Irgendwie war die Situation doch komisch."

Viele Täter arbeiten nicht allein

Die Zahl der Taschendiebstähle steigt bundesweit. Birgit Spier, Chefin der Sondereinheit für Taschendiebstahl im Berliner Landeskriminalamt, erklärt, wer die Täter sind und wie sie vorgehen.

Welche Opfergruppen trifft es besonders?

Touristen sind sehr beliebte Opfer. Sie laufen recht naiv durch die Straßen und tragen ihre Geldbörsen etwa im Außenfach ihres Rucksacks. Da haben die Diebe leichtes Spiel. Oft melden sich Geschädigte gar nicht oder erst viel später. Vor allem Gästen aus Asien ist es anscheinend so peinlich, dass sie sich erst in ihrem Heimatland über ihre Botschaft an uns wenden. Wenn überhaupt.

Wer sind die Täter?

Unser Hauptaugenmerk gilt derzeit den Rumänen. Aber auch aus Tschechien, Bulgarien und Polen sowie aus Algerien und Mittelamerika kommen Diebe. Einige Täter leben auch hier und haben deutsche Pässe. Die richtig guten Taschendiebe verdienen so ihren Lebensunterhalt.

Wie gehen die Taschendiebe vor?

Überwiegend arbeiten die Täter zu zweit, dritt oder viert. Die Rollen sind klar verteilt. Einer lenkt das Opfer ab, einer passt auf, einer klaut und ein anderer schafft die Beute weg. Oft wird sehr körperlich gearbeitet – etwa beim Rempel-Trick. Profis klauen ein Portemonnaie und stecken es zurück, nachdem sie das Geld genommen haben.

Wo sind die Täter unterwegs?

Sie suchen Orte mit vielen Menschen auf, weil sie im Gedrängel leichtes Spiel haben. Das betrifft Umsteigebahnhöfe, U-Bahn- und Busstationen sowie Kaufhäuser, Restaurants und Konzerte. Auch Fußballspiele sind sehr beliebt.

Was passiert mit den Dieben, wenn sie erwischt werden?

Wir vernehmen sie und schauen, ob sie eventuell weitere Taten verübt haben. Danach entscheiden wir, ob die Beweislage für den Richter reicht oder wir sie gehen lassen müssen.

Die häufigsten Tricks


  • Rempeln: Kriminelle rempeln ihr Opfer an und fingern dabei unbemerkt Geldbörsen und Handys aus der Tasche.
  • Restaurant: Ein angeregtes Gespräch im Restaurant nutzen Diebe, um sich etwa in der am Stuhl hängenden Tasche des Opfers zu bedienen.
  • Geldwechseln: Der Täter bittet Passanten, eine Münze zu wechseln und entnimmt unbemerkt Scheine aus dem Portemonnaie.
  • Betteln: Kinder halten ein Schild vor oder tollen um ihr Opfer herum, während eines die Ablenkung nutzt, um in die Handtasche zu greifen.
  • Beschmutzen: „Versehentlich“ bekleckert der Dieb sein Opfer und bestiehlt es, während er beim Reinigen hilft.
  • Supermarkt: Ein Täter fragt nach einem bestimmten Artikel – während der Komplize dem Opfer die Tasche leerräumt.
  • Taschenträger: Diebe helfen vor allem älteren Menschen beim Tragen der Einkaufstasche und klauen die darin liegende Geldbörse und den Haustürschlüssel.
  • Stadtplan: Passanten werden mit einem Stadtplan nach dem Weg gefragt. Während der Auskunft wird gestohlen.
  • Geldautomat: Zuerst späht der Gauner beim Geldabheben die PIN-Nummer aus, bemächtigt sich dann des Portemonnaies samt Kontokarte und hebt in aller Ruhe Geld vom Konto des Opfers ab.
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