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Ratgeber

23. November 2017 | 19:49 Uhr

Gerichtsurteil : Kuckuckskinder: Der blinde Fleck

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Wahrheit über die eigene Herkunft: Das Bundesverfassungsgericht urteilt heute zum Anspruch auf Vaterschaftstests

svz.de von
erstellt am 18.Apr.2016 | 06:30 Uhr

Ist dieser Mann mein Vater? Ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts entscheidet heute darüber, ob eine 66-Jährige auf diese quälende Frage noch eine Antwort bekommt. Die Frau aus Nordrhein-Westfalen kämpft mit ihrer Verfassungsklage für die Möglichkeit, den inzwischen fast 90-Jährigen zu einem DNA-Test zu zwingen. Der Mann hatte 1950 die Geburt beim Standesamt angezeigt, die Vaterschaft aber stets abgestritten.

Die Karlsruher Entscheidung könnte auch anderen Betroffenen helfen. (Az. 1 BvR 3309/13) Eine Klage auf Vaterschaftsfeststellung kommt für die Frau wegen eines jahrzehntealten Gerichtsurteils nicht mehr infrage. 1955 hatten die Richter eine Untersuchung nach den Methoden der Zeit nicht zugelassen – und diese Entscheidung hat bis heute Rechtskraft.

Mit der sogenannten rechtsfolgenlosen Abstammungsklärung gibt es seit 2008 aber ein alternatives Verfahren, um die Wahrheit über die eigene Herkunft herauszufinden. Allerdings hat der Gesetzgeber den Anspruch darauf auf die tatsächliche Familie beschränkt. Das bedeutet, die Mutter, das Kind und der Mann, der rechtlich als Vater gilt, können bei Zweifeln voneinander den Test verlangen. Der Klägerin steht dieser Weg aber nicht offen, weil der Mann außerhalb der Familie steht. Sie sieht sich dadurch in ihrem Grundrecht auf Kenntnis der eigenen Abstammung verletzt.

Sehen die Verfassungsrichter das genauso, müsste das Abstammungsrecht entsprechend nachgebessert werden. Davon könnten auch andere Menschen profitieren, die sich Gewissheit über ihre Herkunft wünschen. Denn eine Vaterschaftsfeststellung oder -anfechtung hat zwangsläufig rechtliche Konsequenzen, etwa für die Unterhaltspflichten oder das Sorgerecht. Hat zum Beispiel ein neuer Partner der Mutter die Vaterrolle übernommen und wird nachgewiesen, dass ein anderer Mann der biologische Vater ist, hebt das alle rechtlichen Beziehungen in dieser Familie automatisch auf. Bei der rechtsfolgenlosen Abstammungsklärung passiert das nicht. Würde der Kreis der Berechtigten erweitert, stünde dieses Verfahren mehr Menschen offen.

Kritiker warnen allerdings davor, dass eine Ausweitung massenweise Vaterschaftstests auf Verdacht Tür und Tor öffnen könnte. Sie sehen die Gefahr, dass dadurch Konflikte in intakte Familien getragen werden, etwa wenn sich ein Mann plötzlich dem Verdacht ausgesetzt sieht, womöglich mit einer anderen Frau ein Kind gezeugt zu haben.

 

Hintergrund: Vater, Mutter, Kind?

Die Genforschung hat es einfach gemacht, dem Verdacht einer fremden Vaterschaft nachzugehen. Um Missbrauch zu verhindern, hat das Bundesverfassungsgericht heimlichen Vaterschaftstests 2007 einen Riegel vorgeschoben. Der Gesetzgeber sollte aber eine sinnvolle Alternative schaffen. Seither gibt es zwei Möglichkeiten, gerichtlich die Verhältnisse zu klären:

Vaterschaftsklage: Ein Mann, der Zweifel hat, ob sein Kind wirklich von ihm stammt, kann die Vaterschaft anfechten. Dieser Weg steht auch Mutter und Kind offen, genauso einem außenstehenden Mann, der sich für den wahren Vater hält. Umgekehrt gibt es die Möglichkeit, bei Unklarheit eine Vaterschaft per DNA-Test feststellen zu lassen.Das Testergebnis hat rechtliche Folgen und wirkt sich unmittelbar auf Sorgerecht oder Unterhaltsansprüche aus.

Abstammungserklärung: Deshalb ist seit 2008 in bestimmten Fällen auch der Weg eröffnet, die Abstammung ohne rechtliche Konsequenzen überprüfen zu lassen. Einen Anspruch darauf haben aber nur das Kind, seine Mutter und der Mann, der rechtlich als Vater gilt. Besteht tatsächlich keine biologische Verwandtschaft, kann im zweiten Schritt die Vaterschaft angefochten werden.

 

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