Streitbar : Kein Witz: Das soll „leichte“ Sprache sein

Buchstabensalat: „Leichte Sprache“ ist nicht leicht verständlich.
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Buchstabensalat: „Leichte Sprache“ ist nicht leicht verständlich.

Zur Wahl der Bremer Bürgerschaft werden Unterlagen in einem einfach zu verstehenden Deutsch verschickt. Doch wie weit darf man da gehen, fragt sich Jan-Philipp Hein.

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18. April 2015, 16:00 Uhr

Vorab: Sämtliche Zitate aus Tweets sind buchstabengetreu.

Vor wenigen Tagen generierte ich bei Twitter ein kleines Shitstürmchen gegen mich. Auslöser war dieser eher beiläufig gemeinte Tweet: „Auch sprachlich ist die #Wahl in #Bremen eine Zumutung. Hier sehen wir ein Indoschreiben der Wahlleitung.“ Zuvor hatte ich aus meinem Briefkasten einen großen Umschlag mit zwei Musterwahlheften und einer Bedienungsanleitung gefischt. Darin heißt es:


„Guten Tag, am 10. Mai 2015 ist die Wahl von der Bremischen Bürgerschaft. Und die Wahl vom Beirat. In diesem Brief sind zwei Hefte. Die Hefte sind Muster-Stimm-Zettel. Das weiße Heft ist für die Wahl von der Bürgerschaft. Das gelbe Heft ist für die Wahl von dem Beirat. ...“

In diesem Duktus werden derzeit alle Insassen Bremens auf die anstehenden Landtagswahlen vorbereitet. „Leichte Sprache“ nennt sich solche Wortschrauberei, die auf vieles verzichtet, was Sprache aus-macht: den Genitiv, Rhythmus und Melodie, eine gewisse Eleganz und Charme.

Was meinen Tweet angeht, so machten sich die wenigsten darüber lustig, dass ich „Indo“ und nicht „Info“ tippte. Stattdessen wurde mir, wenn ich das richtig verstanden habe, vorgeworfen, mich meinerseits über Minderheiten lustig gemacht zu haben. Schließlich sei der Text von der „Leiterin von dem Wahl-Bereich-Bremen“ für Menschen gedacht, „für die Grammatik eine kognitiv unüberwindbare Hürde darstellt“.

Offenbar möchte man alles tun, um die Wahlbeteiligung zu erhöhen. Das ist durchaus löblich. „Erbärmlich“ sei meine Twitter-Bemerkung, konnte ich lesen, ich solle nicht „rumpoltern“ und sei „gegenüber gehandicapten Menschen herablassend“. Anke Domscheit-Berg, die bei Wikipedia als „Unternehmens- und Karriereberaterin“ firmiert und bis zu ihrem exzellent selbst vermarkteten Austritt aus der Piratenpartei deren Landesvorsitzende in Brandenburg war, nahm sich gar die Zeit, wegen meines Tweets „erschüttert“ zu sein. Ich verstünde nichts von Inklusion! Bäng!

Denkt man das einmal bis zum Ende, muss man natürlich hier rauskommen: „Wenn @aufmacher (Anm. d. A: So heiße ich bei Twitter) Grundwerte einer Demokratie nicht teilt, so ist er undemokratisch.“ Das bemerkte @EinAugenschmaus, die sich als „Bloggerin & Gehörlose Lippenleserin“ vorstellt. In sich ist dieser Satz durchaus logisch, ich fragte mich aber doch noch kurz, was das eigentlich mit mir zu tun haben soll, da ich im Wesentlichen für den Genitiv stritt und keine Diktatur der Altphilologen forderte.

Eher schon erinnern mich die Experten und Fans vom „Netzwerk Leichte Sprache“ an eine extremistische Bewegung. Wer an ihrem lingual-technokratischen Konstrukt Zweifel anmeldet, wird zum antidemokratischen Minderheitenfeind gestempelt. Auf der Internetseite des Netzwerks heißt es: Leichte Sprache ist eine sehr leicht verständliche Sprache. Man kann sie sprechen und schreiben. Leichte Sprache ist vor allem für Menschen mit Lern-Schwierigkeiten. Aber auch für andere Menschen. Zum Beispiel für Menschen, die nur wenig Deutsch können.


Darf man das kritisieren?


Leute, die es gut meinen, lassen anderen, von denen sie denken, sie seien darauf angewiesen, eine ganze Sprache angedeihen. Wie nett.

Das Problem mit dieser leichten Sprache: Sie ist gar nicht so leicht. Sie kann sogar missver-ständlich sein, wie das Bremer Wahl-Tutorial zeigt. „Das weiße Heft ist für die Wahl von der Bürgerschaft. Das gelbe Heft ist für die Wahl von dem Beirat.“ Fragt sich nur, wen oder was denn die Bürgerschaft und der Beirat eigentlich wählen? Den Senat? Einen Ortsamtsleiter? Ein Volk?

Und nein, das ist keine dämliche Frage, deren Antwort auf der Hand liegt. Wer den Genitiv durch falsches Deutsch beseitigt, sollte durch diesen ästhetikfeindlichen Eingriff wenigstens etwas produzieren, das wirklich einfach und eindeutig ist. „Von dem“ ist nichts davon. Und wer Leuten unterstellt, sie könnten „Wahl des Beirats“ nicht verstehen, der sollte konsequenterweise nicht davon ausgehen, dass die Adressaten wissen, was dieser Beirat seinerseits so wählt und beschließt.

So in etwa habe ich auch auf Twitter reagiert, als mir im Laufe der Diskussion die ersten gelben und roten Karten gezeigt wurden. Anke Domscheit-Berg wusste es freilich besser: „Das ist nicht falsch, sondern ergebnis von expert*innenarbeit“ blaffte sie mich auf dem Kurznachrichtendienst an. Das Sternchen, liebe Leserin und lieber Leser (Leser*innen), ist ein „Gender-Sternchen“, das statt eines Unterstrichs verwendet werden kann. Als ich „Expert*innen“ las, schoss mir die Frage durch den Kopf, ob wir es hier vielleicht mit derselben Expertise zu tun haben, die einst davon ausging, dass mit dem Dosenpfand die Einwegquote und durch das Erneuerbare Energien-Gesetz der Kohlenstoffdioxidausstoß reduziert würden. In beiden Fällen trat das Gegenteil ein. Prognosen sind bekanntlich immer schwer, zumal dann, wenn sie die Zukunft betreffen.

Wahrscheinlich stattet die „Leichte Sprache“ ihre Erfinder mit dem grandiosen Gefühl einer guten Tat aus, was nicht weiter schlimm wäre. So funktioniert jede Charity-Aktion, ohne dass man sich dran stören müsste. Ärgerlich wird es nur, wenn dafür Mündel herangezogen und Kritiker dieser Reagenzglas-Sprache diffamiert werden.

„Haha, geil! Sind Rollstuhlrampen für Sie auch bloß falsche Treppen?“, fragte mich via Twitter @emtiu, der sich dort als Diplom-Physiker vorstellte, nachdem ich aus egoistischen Gründen und nicht wegen einer guten Tat die Frage aufwarf, ob nicht jemand noch eine einfache Physik erfinden könne. Der Sinn einer Rampe für Rollstuhlfahrer erschließt sich mir jedenfalls schneller als die Quantenmechanik und auch schneller als der Gedanke, dass eine falsche Sprache etwas vereinfachen würde. Ich würde erstmal das Gegenteil annehmen. Vielleicht macht es diese einfache Sprache Migranten sogar schwerer, richtiges Deutsch zu lernen.

Den Bremer Wahlunterlagen lag außerdem ausschließlich das Tutorial in leichter Sprache bei. Kein Wort in normaler Sprache. Vielleicht ist das konsequent. Kein anderes Bundesland ist in Bildungsfragen so sehr auf den Hund gekommen wie Bremen. Noch in wirklich jeder vergleichenden Untersuchung zum Niveau und zum Erfolg des in der Hansestadt angebotenen Schulunterrichts hat man schon einmal einen letzten Platz belegt. Einfache Sprache hat in Bremen nicht zwingend was mit Inklusion zu tun, sondern kann als Breitensport betrachtet werden.

Und skurril ist dabei noch etwas anderes. Jahr für Jahr sind die meisten von uns gezwungen, ein extrem undurchsichtiges, komplexes und in extrem unverständlicher Sprache verfasstes Schriftstück mit unzähligen Anlagen und Querverwei-sen zu unterschreiben. Leider sind weder der Bremer Senat noch andere Landesregierungen bisher auf die Idee gekommen, Steuerformulare so zu gestalten, dass man sie mit durchschnittlich kognitiver Bega-bung verstehen kann. Das wäre mal was. Danach nehme ich auch gerne eine Wahlbetriebsanleitung auf dem Bierdeckel. Meinetwegen auch im Telegrammstil. Aber bitte richtig, dann muss man den Zettel auch nicht vor kleinen Schulkindern verstecken, die das für Deutsch halten könnten.

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