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Ratgeber

19. Oktober 2017 | 22:18 Uhr

Kardamom oder Kater

vom

svz.de von
erstellt am 04.Dez.2012 | 10:13 Uhr

Tatjana Conrad trinkt Alkohol gern aus der Tasse. Wohltemperiert muss das Getränk sein, kleine Dampfwölkchen aufsteigen lassen sowie Hände und Hirn wärmen. Die 21-Jährige aus Rheinland-Pfalz war Deutsche Glühweinkönigin 2011. Die Güte des Glühweins hänge von einem guten Grundwein ab, sagt sie. Damit verbiete sich aus ihrer Sicht auch der vielgerühmte Schuss. Denn ein Schluck Rum, Cognac oder Amaretto machen den Glühwein schnell zu einem Schluck Punsch.

Schon der Ursprung des Traubentranks war eine Schöpfung, die nichts Gutes ahnen ließ. Der Glühwein ist älter als der älteste Weihnachtsmarkt. Bereits die Römer würzten ihren Wein mit Zimt, Lorbeer, Thymian und Sternanis sowie einem großen Löffel Honig. Aber nicht etwa, weil die Adventszeit für die Sandalenträger eine Zeit des seeligen Beschwipstseins war, sondern weil das Gesöff eher einem Essig glich. Nur die Oberschicht konnte es sich leisten, mit feinen Gewürzen die saure Brühe halbwegs genießbar zu machen.

Der Feinschmecker Apicius schrieb vor etwa 2000 Jahren eines der ersten Kochbücher und präsentierte darin den "Conditum Paradoxum", einen römischen Würzwein. Acht Liter Honig mischte er in einem metallenen Gefäß mit einem Liter Wein. Rührte dann mit dem Rutenbesen, bis das Gebräue kochte, goss kalten Wein auf und wiederholte die Prozedur dreimal. Am nächsten Tag brodelte der Trunk zusammen mit Pfeffer, Pistazienharz, Lavendel und Safran auf dem Herd. Zum Schluss kippte der Meister zehn Liter leichten Wein hinzu und rundete mit glühenden Kohlen ab, falls es zu schrecklich schmeckt. Die kunterbunte Komposition vergleichen diejenigen, die es gut meinen, mit dem Geschmack des heutigen Martini.

Noch im Mittelalter tranken die Menschen den Würzwein meist kalt. Wer dann auf die Idee kam, Kohlen statt in den Wein unter den Wein zu legen, ist nicht überliefert. Mit dieser Vorgeschichte ist es kein Wunder, dass die warme Mixtur bei heutigen Proben Frauen wie Männern häufiger das Gesicht verziehen lässt. "Gummibärensaft" ist da ein noch harmloses Urteil. Dabei haben die Prüfer von der Stiftung Warentest 25 wichtige Marken getrunken und festgestellt, "die Qualität der Glühweine war erstaunlich gut".

Offensichtlich panschen einige Ausschenker hinter den Ständen mit allen Mitteln. Der früheren Glühweinkönigin Nadine Thome war klar, übertriebene "Süße ist oft ein Indiz für billigen Rotwein, weil versucht wird, die schlechte Qualität mit viel Zucker zu übertünchen". Schlichte Weine haben meist eine Menge Fuselöle, die bei der alkoholischen Gärung entstehen. Die sorgen am häufigsten für den Brummschädel danach. Wenn der Wein ständig offen köchelt, verfliegt zwar der Alkohol, aber es entsteht Hydroxymethylfurfural, was ein Abbauprodukt des Zuckers ist und verdächtigt wird, krebserregend zu sein.

Was das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) ermittelte, könnte dem Weihnachtsmarktbesucher zusätzlich den Appetit auf Glühwein vertreiben. Einige Verkäufer streckten den Wein mit Wasser, andere kippten einen "nicht zugelassenen roten Farbstoff" hinzu. Statt eines Alkoholgehalts von mindestens sieben Prozent (wie gesetzlich vorgeschrieben) fanden die bayerischen Tester in manchen Tassen gerade einmal 1,1 Prozent. Frischer Glühwein sei zudem leuchtend rot. Ein bräunliches Gemix deute auf langes Warmhalten hin.

Glühwein ist aber viel mehr als ein Getränk zwischen Besinnlichkeit und Besinnungslosigkeit. Die ätherischen Öle der Gewürze sorgen für Medizin im Wein. Nelken lassen Bakterien keine Chance, Zimt stärkt das Immunsystem und Kardamom regt den Appetit an.

Mittlerweile gibt es Glühwein nicht nur in Rot, sondern auch in Weiß. Zwar müssen sich die meisten Weihnachtsmarktbesucher an die neue Farbe erst einmal gewöhnen, aber der Weiße könnte es schaffen, weil er als fruchtiger und erfrischender gilt.

Wer genau wissen möchte, was in seinem heißen Traubentrunk steckt, bereitet ihn zu Hause lieber selbst zu. Ex-Glühweinkönigin Tatjana Conrad entkorkt dafür einen Dornfelder. Für den persönlichen Lieblingsdrink verfeinert sie den roten Wein mit Nelken, Zimt, Orangen- und Zitronenschalen sowie Kandiszucker. Welche Gewürze in den vorweihnachtlichen Wein kommen sollten, entscheidet letztlich der persönliche Geschmack. Wer es klassisch mag, gibt neben Zimt und Nelken noch Kardamom hinein. Moderner wird der Trunk mit Orangenschalen, Vanille, Muskat, Anis, Kakaoschalen, Ingwer oder Pfeffer. Wer auf sein Gewicht achtet, sollte aber bedenken, dass schon eine Tasse Glühwein rund 200 kcal liefert.

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