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Ratgeber

20. November 2017 | 07:04 Uhr

"ICE-Lok" macht dem Hüftgold Druck

vom

svz.de von
erstellt am 09.Apr.2013 | 10:11 Uhr

"Achte darauf, dass du ganz locker in die Pedalen trittst", hallt Petras Rat in meinem Ohr. Das ist gar nicht so einfach. Bis oberhalb des Bauchnabels bin ich in einem Gerät verschwunden, dessen Form an die Schnauze einer ICE-Lok erinnert. Was man nicht sehen kann: Im Inneren sitze ich auf einem Standfahrrad. Mein Blick lässt das Display am Lenker nicht aus den Augen. 75 Watt hat mir Petra, meine Fitnessbetreuerin, mit auf den Weg gegeben. Das ist meine ganz persönliche Zahl, die ich nicht über- und unterschreiten soll - errechnet aus Größe, Körpergewicht und anderen Werten.

Es fühlt sich an, als sei der Gang zu niedrig eingestellt. Die Beine wollen schneller treten, einen größeren Widerstand spüren. Nach ein paar Minuten habe ich ein Gefühl für den richtigen Dreh und blättere durch eine Klatschzeitung. Was ich hier mache? Abnehmen!

Hypoxi heißt die Methode, die seit einigen Jahren bei Abnehmwilligen im Trend liegt und sich gerade im Frühjahr mit Blick auf die nahende Badesaison großer Beliebtheit erfreut. Bei dieser Methode geht es nicht darum, körperlich hart zu trainieren, sondern pro Termin 30 Minuten lang ganz gemütlich Fahrrad zu fahren. Während dieser Zeit wird im Trainingsgerät in regelmäßigen Abständen für ein paar Sekunden Unterdruck erzeugt. Das fühlt sich an, als würde ein Staubsauger am Unterkörper saugen. "So soll die Durchblutung gezielt in die Problemzonen, also Bauch, Beine oder Po, gelenkt werden. Je besser die Durchblutung, umso leichter kann Fett abtransportiert werden", sagt Giszmo Rotschenk, Leiterin des Frauen-Fitness-Studios El’Vita in Schwerin. Das Radfahren selbst regt den Stoffwechsel an.

Damit der Unterdruck aufgebaut werden kann, habe ich ein Neoprenröckchen an, mit dem die "ICE-Lok" luftdicht verschlossen wird.

Mit Radeln allein ist es nicht getan

Trainiert wird je nach Gerät im Sitzen oder Liegen. Ich sitze. Ob sich die Pölsterchen, die von der Schwangerschaft übriggeblieben sind, tatsächlich dem Druck beugen und meine Hüften loslassen? Ich bin skeptisch. Doch die Neugier überwiegt.

Dass es mit ein bisschen Radeln allein nicht getan ist, daraus macht auch Giszmo Rotschenk kein Hehl. Es wäre auch zu schön gewesen. "Ein großes Augenmerk bei Hypoxi liegt auf der Ernährung." Über allem steht: Zuckermengen reduzieren und viel trinken! "Am besten Wasser oder ungesüßten Tee." Vor dem Training empfiehlt sie, Kohlenhydrate wie Nudeln oder Kartoffeln zu essen. Danach sollte man für den Rest des Trainingstages einen großen Bogen um sie machen und stattdessen auf eiweiß- und vitaminreiche Kost setzen.

Ich stelle mir vor, wie ich wochenlang an Salatblättern knabbere und an Fisch herumpule. Motivation sieht anders aus. Als mir Petra jedoch ein Rezeptheft in die Hand drückt, bin ich überrascht, wie abwechslungsreich der Speiseplan trotzdem sein kann. Fisch, Fleisch, Gemüse und Käse in verschiedenen Variationen, sogar Sahnesaucen sind erlaubt - hungern muss ich nicht. Eine Tabelle, in die ich eintrage, was ich wann gegessen und getrunken habe, soll mir helfen, den Überblick zu behalten und eigene Schwächen zu erkennen. Dazu gehört bei vielen, dass sie zu unregelmäßig essen und zu wenig trinken.

Erfahrungsberichte veranlassten Studie

Tabu ist am Tag des Trainings auch Kraftsport. "Beide Aktivitäten widersprechen sich. Beim Krafttraining steht eine unter Sauerstoffnot durchgeführte Kontraktion im Mittelpunkt. Beim Ausdauertraining befindet sich dagegen ausreichend Sauerstoff in der Muskulatur", sagt Prof. Dr. Ingo Froböse vom Institut für Bewegungstherapie und bewegungsorientierte Prävention und Rehabilitation an der Deutschen Sporthochschule Köln. Der Körper arbeitet nach dem leichten Ausdauertraining immer nach. "Der Stoffwechsel ist dann noch erhöht. Und den würde man mit Muskeltraining behindern."

Positive Erfahrungsberichte über Hypoxi gibt es - nicht zuletzt im Internet - viele. Das veranlasste Prof. Dr. Christoph M. Bamberger und Dr. Sabine Guth, zwei Mediziner vom Medizinischen Präventionscentrum in Hamburg, die Erfahrungsberichte "wissenschaftlich zu überprüfen". Dazu wurden 20 übergewichtige Frauen und 16 übergewichtige Männer in jeweils zwei Gruppen eingeteilt. Je eine trainierte dreimal pro Woche für 30 Minuten an einem herkömmlichen Fahrradergometer oder Laufband, die anderen probierten Hypoxi aus. Ergebnis nach vier Wochen: Mit beiden Methoden habe sich zwar innerhalb von vier Wochen Gewicht reduzieren lassen. Mit Hypoxi gelang das jedoch "tendenziell besser", heißt es in der Zusammenfassung der Studie. Mit Blick auf den gezielten Fettabbau in den Problemzonen sei die Unterdruck-Methode sogar deutlich erfolgreicher gewesen als das konventionelle Training, so die Mediziner.

"Fette werden nicht lokal verbrannt"

Nach zwei Wochen und vier Terminen schlägt auch meine Skepsis in Überraschung um. Die Waage zeigt zwei Kilo weniger an und so manche längst vergessene Hose kann wieder aus dem Schrank hervorgekramt werden.

Effekte, die Prof. Dr. Ingo Froböse in erster Linie auf die Ernährungsumstellung zurückführt. "Der Erfolg wird fast immer durch eine kalorische Reduktion erzielt." Das Vakuum sei es jedenfalls nicht, das den Effekt bewirkt, sagt er. Biochemisch lasse sich das nicht erklären. "Fette werden nicht lokal verbrannt, der Stoffwechsel funktioniert systematisch. Wenn der Körper Muskelarbeit leistet, holt er sich nicht nur aus der Region, in der die Muskulatur gerade arbeitet, seine Energie her, sondern immer dort, wo sie leicht verfügbar ist." An Bauch, Beinen und Po befinden sich jedoch Speicherfette. "An die geht der Körper erst dann ran, wenn er die anderen Fette schon rekrutiert und verbrannt hat."

Der Sportwissenschaftler macht kein Hehl daraus, dass er Hypoxi kritisch gegenüber steht. "Was mir gut gefällt, ist der Mix aus Essen und Trimmen - beides muss stimmen." Das ruhige Ausdauertraining führt dazu, dass Untrainierte lernen, die unterschiedlichen Energieträger im Körper - und dazu gehören auch Fette - wieder zu rekrutieren. Froböse fehlt im Hypoxi-Konzept jedoch noch ein dritter Part: "Muskelarbeit, die zu einem Wachstum der Muskulatur führt." Für langanhaltende Effekte müsse der Körper "getunt" werden. "Er benötigt mehr PS und mehr Hubraum. Mehr PS bekommt er durch ruhiges Training. Das bildet in den Zellen mehr Kraftwerke, so genannte Mitochondrien. Und wenn aus 1000 dieser Brennöfen doppelt so viele werden, verbrennen sie auch im Ruhezustand mehr Energie." Der nötige Hubraum entsteht dagegen durch den Aufbau von Muskelmasse. "Denn nur in der Muskulatur wird Energie verbrannt."

Wer also die raschen Erfolge durch Hypoxi auch langfristig sichern möchte, muss sportlich weiter am Ball bleiben. Hypoxi allein sei kein Wundermittel, sagt auch Fitnessstudioleiterin Giszmo Rotschenk. Es sei aber ein guter Start für eine gesündere Lebensweise. Das sieht bei aller Kritik auch Prof. Dr. Ingo Froböse so: "Wenn das der Zugang zu Bewegung und einer bewussteren Lebensweise ist, ist nichts dagegen einzuwenden. Wer Hypoxi ausprobiert, sollte sich aber im Klaren sein, dass es nur ein Starterkit ist und jeder im Anschluss für sich seine eigene Methode finden muss, die er dauerhaft in sein Leben integrieren kann."

Nach dem 15. Radeltermin ist mein persönlicher Tag der Abrechnung gekommen. Taille, Bauch, Oberschenkel, Hüfte, Po - im Vergleich zu den Ausgangswerten hat sich der Umfang deutlich verringert. Auch der Anteil an Körperfett hat abgenommen. Was letztendlich dazu geführt hat, der Unterdruck oder doch vorrangig die veränderte Ernährungsweise, ist mir persönlich dabei ganz egal.

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