Lesertelefon : Hilfe, wenn das Leben sinnlos scheint

Gemeinsam statt einsam: Wen Selbstmordgedanken quälen, sollte sich jemanden anvertrauen.
Gemeinsam statt einsam: Wen Selbstmordgedanken quälen, sollte sich jemanden anvertrauen.

Heute ist der Welttag der Suizidprävention. Fragen zum Thema Suizid beantworteten gestern unsere Experten beim Leserforum.

svz.de von
10. September 2015, 12:00 Uhr

Mein Mann hat sich nach dem Tod unserer Tochter das Leben genommen. Ich dachte damals, nun ist alles aus. Bis heute kämpfe ich jeden Tag aufs Neue. Morgens, wenn ich aufstehe, fühle ich mich oft so verlassen und allein. Hört das denn nie auf?
Ich kann Ihre Frage gut verstehen. Jeder Tag kostet Sie unendlich viel Kraft. Ich habe aber auch gehört, dass Sie diese Kraft bis heute aufbringen konnten. Es kann für Sie hilfreich sein, mit solchen Menschen zu sprechen, die Ähnliches erlebt haben. Es gibt Selbsthilfegruppen für Angehörige um Suizid. Bisher gibt es zwei Gruppen, eine in Greifswald und eine in Schwerin. Nähere Informationen können Sie bei der KISS bekommen.


Ich habe oft daran gedacht, bei der Telefonseelsorge anzurufen, es dann aber doch nicht getan. Ich denke immer, meine Sorgen sind so klein im Vergleich zu anderem Leid. Aber ich habe niemanden zum Reden. Mit welchen Themen kann man bei Ihnen anrufen?
Mit allen Themen, die Sie auf dem Herzen haben. Es gibt keine Sorgen, die zu klein sind. Oft ist es ja auch so, dass ungelöste Probleme wachsen und sich verselbstständigen. Dann ist es viel schwieriger, eine Lösung zu finden.

Ein Arbeitskollege war nach mehreren Suizidankündigungen viele Wochen im Krankenhaus. Jetzt arbeitet er wieder. Aber wir haben den Eindruck, dass es ihm noch nicht gut geht. Wie können wir uns verhalten?
Sprechen Sie Ihren Kollegen an und sagen Sie ihm, dass sie sich Sorgen machen und unsicher sind, wie sie sich ihm gegenüber verhalten sollen. Fragen Sie ihn direkt, welche Unterstützung er von den Kollegen benötigt, was ihm gut tut und was nicht. Wichtig ist, dass Sie die Situation von Ihrem Kollegen nicht ignorieren, sondern mit ihm im Gespräch sind. Liegt eine Depression vor, kann eine Behandlung manchmal eine längere Zeit in Anspruch nehmen. Manchmal ist auch die Wiederaufnahme in die Klinik erforderlich. Zum Beispiel, um die medikamentöse Behandlung zu intensivieren. Insgesamt sind die Chancen auf eine längerfristige Besserung bei den meisten Betroffenen sehr gut.


Wann kann man bei der Telefonseelsorge jemanden erreichen? Geht das auch per Mail?
Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr unter den Telefonnummern 0800/ 111 0 111 oder 0800/ 111 0 222 zu erreichen. Wenn Sie lieber eine Mail schreiben wollen, ist dies auch unter www.telefonseelsorge.de möglich. Dort haben Sie zudem die Möglichkeit, einen Seelsorger per Chat zu erreichen.

Ich bin am Ende. Alle Ämter haben sich gegen mich verschworen. Ich bekomme kein Geld und weiß nicht, was ich essen soll. Dann kann ich auch gehen. Mich vermisst ja keiner. Wenn Sie vorhaben, Ihr Leben zu beenden, werde ich Sie davon nicht abhalten können. Aber für mich ist jeder Mensch wichtig – auch Sie! Ich verstehe Ihren Anruf als einen Versuch, eine andere Lösung zu finden. Es gibt Entscheidungen von Ämtern, die schwer nachvollziehbar sind. Und manchmal ist es so kompliziert, da ist es gut, sich Unterstützung zum Amt mitzunehmen, zum Beispiel jemand von einer Sozialberatungsstelle.


Ich mache mir Sorgen um meinen 41-jährigen Sohn, der seit vielen Jahren allein lebt, arbeitslos ist, zunehmend Ängste vor Behörden entwickelt. Jetzt gibt es Probleme mit dem Jobcenter, deshalb hat er nun gedroht, sich das Leben zu nehmen. Wir als Eltern kommen nicht mehr an ihn heran. Ich vermute, dass er depressiv ist, er will aber auf keinen Fall zu einem Arzt gehen.
Ich kann gut verstehen, dass Sie sich Sorgen machen. In dem Gesundheitsamt in Ihrer Kreisverwaltung gibt es einen Sozialpsychiatrischen Dienst (SPDI), in dem ein Nervenarzt und Sozialarbeiter tätig sind. Dort können Sie als Eltern anrufen, Ihre Sorgen schildern und mit den Mitarbeitern zusammen überlegen, auf welche Weise eine Kontaktaufnahme zu Ihrem Sohn am sinnvollsten möglich ist. Die Mitarbeiter des SPDI haben die Aufgabe und die Möglichkeit, Menschen aufzusuchen, bei denen psychische und andere Probleme aufgetreten sind. Sie werden sowohl versuchen, Ihren Sohn in Bezug auf das Jobcenter zu unterstützen als auch gegebenenfalls eine weiterführende Behandlung zu vermitteln.


Eine Bekannte hat mir gegenüber angedeutet, dass es ihr nicht gut geht und sie überlegt, ob sie ihrem Leben ein Ende setzen sollte. Wie kann ich ihr helfen? Ich habe große Angst um sie. Kann ich das Thema Suizid direkt ansprechen oder bringe ich sie damit erst auf den Gedanken?
Wenn Sie es sich zutrauen, dieses Thema gegenüber Ihrer Bekannten anzusprechen, ist dies der direkte Weg, ihr eine Brücke zur Entlastung zu bauen. Über Suizidgedanken reden, kann Wege zum Leben zeigen, die man vorher noch nicht erkannt hat. Sie brauchen nicht zu befürchten, dass Sie sie dadurch tatsächlich erst auf den Suizidgedanken bringen. Dadurch, dass Sie den Mut haben, dieses Thema anzusprechen, sagen Sie ihrer Bekannten, dass sie Ihnen wichtig ist und Sie Sorgen um sie haben und helfen wollen. Oft ist das schon der erste Schritt heraus aus der Krise. Falls Sie sich selbst nicht trauen, das Gespräch zu führen, überlegen Sie, ob es Menschen gibt, die Sie um Unterstützung bitten können und die Sie für kompetent halten, zum Beispiel Seelsorger. Sie können sich in diesem Fall auch an den Sozialpsychiatrischen Dienst in dem Gesundheitsamt wenden, in dessen Zuständigkeitsbereich Ihre Bekannte wohnt.


Ich mache mir Sorgen um einen Freund, der mir gegenüber von seinen großen Problemen berichtet hat, die er nicht mehr bewältigen kann. Beim letzten Treffen war er sehr verzweifelt. Seitdem erreiche ich ihn weder per Telefon noch per E-Mail. Ich habe Angst, dass er sich etwas angetan hat.

Bei Gefahr für Gesundheit und Leben ist die Leitstelle unter der Telefonnummer 112 der richtige Ansprechpartner. Von dort aus kann der Einsatz eines Notarztes ausgelöst werden. Bedenken, dass sie gegen den Willen Ihres Freundes handeln, kann ich nachvollziehen. Aber für mich hätte Vorrang, das Leben des Freundes zu retten, selbst auf die Gefahr hin, dass ich ihn gegebenenfalls als Freund verliere.


Wegen meiner vielen Probleme bin ich, glaube ich, depressiv geworden. Ich habe schon oft überlegt, ob es nicht das Beste wäre, meinem Leben ein Ende zu setzen. Aber eigentlich möchte ich doch lieber weiter leben. Eigentlich würde ich gerne in eine Klinik gehen, aber ich habe Angst, dass man mich gleich in die geschlossene Psychiatrie steckt. Stimmt das?

Nein, diese Sorgen brauchen Sie nicht zu haben. Auf einer geschlossenen Station einer psychiatrischen Klinik werden nur die Menschen behandelt, die krankheitsbedingt einer Behandlung nicht zustimmen können und daher die Klinik verlassen wollen, obwohl weiterhin das Risiko einer Eigen- oder Fremdgefährdung besteht. Nur in solchen Fällen kann ein Richter anordnen, dass jemand in der geschlossenen Station untergebracht wird. Sie haben dagegen selber ein Interesse daran, dass ihnen geholfen wird. Daher würde der aufnehmende Arzt in der Klinik mit Ihnen zusammen überlegen, welche Station für sie in ihrer Situation die geeignete Behandlung anbieten kann.


Wenn ich mit Suizidgedanken in der Telefonseelsorge anrufe, muss ich dann befürchten, dass sie auch gegen meinen Willen und ohnemein Wissen ein Rettungsfahrzeug rufen?

Nein, das müssen Sie nicht. Sie bleiben vollkommen anonym. Wir sehen auf dem Display keine Rufnummer von Ihnen, haben also keine Adresse, an die wir Hilfe schicken können. Das, was wir aber miteinander haben, ist das Gespräch über Ihre Situation. Meine Erfahrung ist, dass es zunächst sehr entlastend ist, über die eigenen Suizidgedanken mit jemandem zu reden, der auch anonym bleibt und man so nicht befürchten muss, sich später hierfür rechtfertigen zu müssen. In einem Seelsorgegespräch können wir Ihre Lebenssituation nicht grundlegend verändern, aber durch das Gespräch kann sich die Sicht auf die Situation verändern. Die aussichtslosen Grübeleien können unterbrochen werden und neue Impulse können entstehen.


Ich rufe seit 23 Jahren immer dann bei der Telefonseelsorge an, wenn es mir besonders schlecht geht. Wie kann ich erkennen, ob der Mensch auf der anderen Seite mich wirklich ernst nimmt und ob ich ihm vertrauen kann?
Die Frage ist von zentraler Bedeutung, sowohl im Beratung und Therapiekontext als auch bei der Telefonseelsorge und ist leider immer nur individuell zu beantworten. Vertrauen Sie Ihrem Bauchgefühl, dieses weiß sehr gut, ob es für sie stimmt oder nicht. Wenn nicht, haben Sie den Mut, das Gespräch zu beenden. Aber geben Sie die Suche nicht auf und versuchen Sie es später wieder.


Bin ich krank, wenn ich über Suizid nachdenke?

Suizidgedanken sind Ausdruck des Wunsches, dass eine schwer auszuhalten Situation sich verändern soll. Diese Gedanken haben zunächst keinen Krankheitswert, sondern werden von fast allen Menschen mindestens einmal in ihrem Leben gedacht. Grenzsituationen gehören zum menschlichen Leben dazu. Problematisch wird es, wenn sie sich verfestigen und nur noch um den Suizid kreisen. Dann ist es unbedingt wichtig, Hilfe zu suchen und anzunehmen. Das ist ein schwerer Schritt. Unterstützung von außen anzunehmen, müssen wir lernen. Niemand kann das allein. Auslöser für Suizidgedanken können aber auch bei psychischer Erkrankungen wie Depressionen, Psychosen oder Suchterkrankungen auftreten, die unbedingt ärztlicher Behandlung bedürfen.


Hier bekommen Sie Hilfe:

• Die  Telefonseelsorge erreichen Sie Tag und Nacht unter den kostenlosen Rufnummern   0800/1110111 oder 0800/ 111 0 222. Eine anonyme Beratung ist auch per Chat oder E-Mail möglich.  Mehr Infos Online unter www.telefonseelsorge.de.  

• Kinder und Jugendliche  sowie  deren Eltern bekommen anonym Hilfe bei der kostenlosen Nummer gegen Kummer (0800 111 333).

• Bei Gefahr für Gesundheit und Leben  den Notruf unter Tel. 112 wählen.

• Ansprechpartner gibt es auch im sozialpsychiatrischen Dienst des Gesundheitsamtes.

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