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Ratgeber

21. November 2017 | 03:59 Uhr

Leseschwäche : Hilfe beim Lesen und Schreiben

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

1,5 Millionen junge Erwachsene können nur begrenzt lesen und schreiben / Ihr Ausweg ist ein Alphabetisierungskurs

svz.de von
erstellt am 27.Okt.2014 | 17:07 Uhr

Mit 19 Jahren las Solveig ihr erstes Buch. Monopoly spielte sie nie, und wenn der Bus ausfiel, war sie auf Hilfe angewiesen. Die 29-Jährige hatte seit der ersten Klasse Probleme beim Lesen und Schreiben. Als Solveig vor zehn Jahren zum ersten Mal einen Deutschkurs besuchte, veränderte das ihr Leben.

So wie Solveig geht es vielen jungen Menschen in Deutschland. Laut der Level-One Studie (leo) der Universität Hamburg von 2011 haben etwa 1,5 Millionen 18- bis 29-Jährige mangelnde Lese- und Schreibkenntnisse. Sie gelten als funktionale Analphabeten, weil sie zwar wie ein Erst- oder Zweitklässler einzelne Wörter und Sätze lesen und schreiben können. Bei längeren zusammenhängenden Texten verstehen sie den Inhalt aber nicht, erklärt Jan-Peter Kalisch, Leiter des Projekts „iChance“ vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung.

Dass ein Grundschüler nicht richtig Lesen und Schreiben gelernt hat, kann mehrere Ursachen haben. Ein wenig unterstützendes Elternhaus, zu wenig Förderung in der Schule und individuelle Probleme wie Krankheit oder schlechtes Sehvermögen. Jemandem die Schuld zuzuweisen, helfe aber nicht weiter, erklärt Prof. Anke Grotlüschen von der Uni Hamburg. Sie ist für die Level-One Studie verantwortlich.

Viele Jugendliche, die Probleme beim Lesen und Schreiben haben, verbergen sie aus Angst vor Vorurteilen und Diskriminierung. Sie versteckten ihre Unsicherheit zum Beispiel hinter Angeberei, sagt Ellen Abraham. Sie ist kommissarische Geschäftsführerin beim Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung. Um den Teufelskreis aus Angst und Scham zu durchbrechen, brauche es oft einen hohen Leidensdruck. Zum Beispiel aufgrund von Arbeitslosigkeit oder nach einer gescheiterten Beziehung, sagt Grotlüschen.

Damit es gar nicht erst soweit kommt, können Jugendlichen diese Tipps helfen:

Motivatoren suchen: Den ersten Schritt schafft der Betroffene meist nicht allein. Kalisch rät, sich einen Motivator zu suchen, der Mut macht. Das kann ein guter Freund, ein vertrauter Kollege oder ein Familienangehöriger sein. Das Problem spricht der Betroffene am besten in einer konkreten Situation an, etwa wegen Schwierigkeiten beim Bewerbungsschreiben.

Selbst aktiv werden: Auf keinen Fall sollte der Jugendliche das Problem verschweigen oder sich Lese- und Schreibaufgaben abnehmen lassen. Besser sei es, erst selbst das Lesen und Schreiben zu versuchen und dann Fehler korrigieren zu lassen, sagt Grotlüschen.

Alphabetisierungskurs belegen: Grundbildungskurse bieten zum Beispiel Volkshochschulen an. In kleinen Gruppen lernen Betroffene anhand von alltagsnahen Themen.

Lernportale und Chats nutzen: Anonym und zu Hause können Jugendliche über Lernportale wie ich-will-lernen.de oder ich-will-deutsch-lernen.de das Lesen und Schreiben üben. In Internetchats könnten sie in Übung kommen, sagt Kalisch.

Ehrenamtliche Lese-

lernhelfer suchen: Für Jugendliche bis 16 Jahren gibt es ehrenamtliche Leselernhelfer, die zum Beispiel der Verein Mentor vermittelt. Auch ein geduldiger Freund oder ein Schüler aus einer höheren Klasse können ein Lesepartner werden.

Lebenslange Heraus-

forderung annehmen: Ihr Weg war mühsam, aber er hat sich gelohnt. Heute ist Solveig selbstbewusst, engagiert sich in einer Selbsthilfegruppe und besucht gerne Buchmessen. Sie arbeitet als Küchenhilfe und führt ein selbstständiges Leben. Lesen und Schreiben werden für sie wohl aber immer eine Herausforderung sein.

Service:

Betroffene können sich über das Alfa-Telefon des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung unter der kostenlosen Telefonnummer 0800/53334455 informieren und beraten lassen.

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