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Ratgeber

25. November 2017 | 01:15 Uhr

Hypnose : Heilsamer Austausch mit dem Unbewussten

vom
Aus der Onlineredaktion

Hypnose ermöglicht das Erleben neuer Perspektiven – wie das funktioniert, können Hirnforscher immer besser erklären.

svz.de von
erstellt am 14.Okt.2017 | 16:00 Uhr

Der unheimliche Heiler starrt eine Dame mit durchdringendem Blick an, während er langsam und mit tiefer Stimme auf sie einredet, bis sie plötzlich von einem Zustand völliger Willenlosigkeit überwältigt wird – dieses, aus alten Filmen bekannte, Klischee einer Hypnose hat mit der Realität einer therapeutischen Trance nichts zu tun. Selbst der Ausdruck passt eigentlich nicht. Nach dem altgriechischen Wort für Schlaf (Hypnos) entstand zuerst das Adjektiv „hypnotisch“ (einschläfernd, den Willen lähmend), aus dem sich im 19. Jahrhundert die Bezeichnung Hypnose („schlafähnlicher Zustand, Zwangsschlaf“) entwickelte.

Wer sich von einem Psychotherapeuten in eine Trance versetzen lässt, merkt aber, dass man dabei in einen besonderen Bewusstseinszustand gelangt, der sich vom Schlaf und von Entspannung unterscheidet. Vorausgesetzt, dass man nicht zu jenen zehn Prozent der Menschen gehört, die nicht hypnotisierbar sind, fühlt man sich in hypnotischer Trance nicht „weggetreten“ und hilflos. Stattdessen kommt es zu einer unmittelbaren Konzentration nach innen. Der Verstand mit seinen Bedenken und Verboten tritt in den Hintergrund, während man sich von den Worten des Hypnotiseurs führen lässt. Schon durch das realistische Erleben der anderen, traumähnlichen Wirklichkeit einer Trance ergibt sich ein fantasievoller, intuitiver Blick auf die eigene Situation, der neue Lösungsmöglichkeiten aufscheinen lässt.

„Man ist näher an den Emotionen dran“, sagt der Rottweiler Psychotherapeut Bernhard Trenkle, Spezialist für Hypnotherapie und ab 2018 Präsident der Internationalen Hypnosegesellschaft: „Es fließen auch mal schneller Tränen, auch für die Leute überraschend.“ Außerdem haben Patienten in Trance ein anderes Zeitempfinden, was es ermöglicht, Übungen in kurzer Zeit sehr oft durchzuspielen. Das kommt Sportlern beim Mentaltraining zugute, aber auch ganz normalen Patienten, die körperliche oder psychische Probleme behandeln lassen. So therapierte Trenkle schon mehrmals Stotterer innerhalb von anderthalb Jahren in acht bis 14 Sitzungen erfolgreich – ein Prozess, der sonst drei bis vier Jahre in Anspruch nimmt. Wenn man Hypnose mit einem Verfahren wie Verhaltenstherapie kombiniere, habe sie „eine Effektverstärkung und wirke wie ein Turbolader“, sagt Trenkle.

Selbst der amerikanische Psychiater und Therapeut Milton Erickson, der die moderne Form der Hypnose entscheidend geprägt hat, setzte sie nur ein, wenn er es bei einem Patienten für sinnvoll hielt – in etwa 20 Prozent seiner Fälle. Im Gegensatz dazu bieten heute einige Therapeuten ihre Dienste an, die keine anderen Kenntnisse haben als Kurzausbildungen in Hypnose, sich damit aber für die Behandlung aller möglichen Krankheiten und Störungen qualifiziert fühlen. „Wenn man nur einen Hammer als Werkzeug hat, sieht jedes Problem wie ein Nagel aus!“, zitiert Trenkle dazu den Kommunikationsexperten Paul Watzlawick. Seriöse Therapeuten erkenne man im Gegenteil daran, dass sie sich nicht alles anmaßen, sondern Spezialgebiete angeben und auf ihrer Internetseite auch über ihre Ausbildung deutlich mehr als eine Berufung zum Heiler zu berichten haben.

Das Problem: Eine Hypnose kann unerwartet einen kritischen Verlauf nehmen, etwa wenn belastende Erinnerungen wachgerufen werden. Um damit verantwortungsvoll umzugehen, braucht es mehr als die Fertigkeit, Leute zu hypnotisieren und wieder in die Alltagsrealität zurückzuholen. Als noch gefährlicher stufen die Fachgesellschaften für Hypnotherapie die Showhypnosen ein, bei denen es nur darum geht, sich über Einzelne lustig zu machen, die sich nicht mehr voll unter Kontrolle haben. Bei den Überrumpelungshypnosen wird teils mit besonders fragwürdigen Techniken gearbeitet, die unangenehme Nachwirkungen haben können. Dazu kommt, dass die Teilnehmer schlicht nach ihrer Beeinflussbarkeit ausgewählt werden, ohne dass vorher nach möglichen Krankheiten oder Risiken gefragt wird. Den Kontrollverlust, der solche Vorführungen für Hypnotherapeuten so abstoßend macht, scheinen einige Patienten gerade zu suchen. „Manche denken, sie legen sich jetzt hin und man hat die Augen zu. Und später wacht man dann auf und die Welt ist ganz anders“, sagt Trenkle. Einige Klienten versuchten sogar, die Verantwortung auf den Therapeuten abzuschieben nach dem Motto „Wenn Sie mich nicht gut genug hypnotisieren können, ist es ja kein Wunder, dass ich mein Kind wieder geschlagen hab‘!“ Bei solchen Erwartungen weigert sich Trenkle auch schon mal.

Wenn jemand wegen chronischer Schmerzen kommt, wendet er sie dagegen in jeder Sitzung an, „weil so ein Patient lernen will, seine Schmerzmittel, die massive Nebenwirkungen haben, mit der Zeit reduzieren zu können“. Um Schmerzen auszublenden, können erfahrene Hypnotherapeuten auf rund zwei Dutzend Techniken zurückgreifen. So werden die Patienten etwa gedanklich an einen schönen Ort geschickt, der ihre Aufmerksamkeit voll in Anspruch nimmt. Solche körperlichen und psychischen Veränderungen sind möglich, weil in der Trance jede Suggestion – jedes eindringliche Zureden des Therapeuten – unmittelbar das Unbewusste beeinflussen kann. In vielen Bereichen ist die Wirksamkeit einer Hypnotherapie schon nachgewiesen worden. Dazu zählen neben der Schmerztherapie etwa Angststörungen, Raucherentwöhnung, Schlafstörungen, Reizmagen und Reizdarm.

Da eine Hypnose praktisch nur im Kopf des Patienten stattfindet, gab es lange Zweifel daran, dass dabei mehr als subjektive Eindrücke und Placebo-Effekte eine Rolle spielen. In den letzten Jahren haben eine Reihe von Studien, bei denen die Hirnaktivität während einer Hypnose erfasst wurde, gezeigt, dass eine Trance ein deutlich verändertes Aktivitätsmuster im Gehirn bewirkt.

So berichtet Ulrike Halsband, Professorin für Neuropsychologie an der Universität Freiburg im Breisgau und Expertin für die naturwissenschaftliche Untersuchung von Trance-Phänomenen, dass Hirnstrommessungen (EEG) schon bei der Einleitung einer Hypnose deutlich messbare Veränderungen ergeben. Wenn die Versuchspersonen dabei in eine Armlevitation – das unwillkürliche Anheben eines Armes – geführt werden, ist, wie auch beim schrittweisen Vertiefen der Trance, eine deutliche Veränderung der Hirnaktivität zu sehen. „Je tiefer Sie gehen, desto entspannter ist Ihr Hirn“, sagt Halsband, die im Gegensatz zu den meisten ihrer Forscherkollegen neben dem EEG auch bildgebende Verfahren einsetzt, um die Auswirkungen von Hypnose und Meditation im Gehirn zu dokumentieren.

Auch die oft berichtete Erfahrung, dass Farben in Trance intensiver wahrgenommen werden, wurde mithilfe solcher Untersuchungen naturwissenschaftlich bestätigt. Die Forscher sahen auf den Live-Bildern aus dem Kopf ihrer Testpersonen, dass es wirklich möglich ist, ihnen zu suggerieren, ein Bild in Graustufen sei farbig und umgekehrt. Als die Testpersonen ein vorgestelltes farbiges Bild in Trance vor sich „sehen“ sollten, wurde dafür das Farbsehzentrum des Gehirns aktiviert – im Gegensatz zu Probanden im Wachzustand mit derselben Aufgabe.

Vor Kurzem wies Halsband mit einer funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) auch erstmals nach, wie Hypnose bei Angstpatienten hilft. Nachdem man Versuchspersonen mit Zahnarztphobie in der „Röhre“ in Trance versetzt hatte, waren die Angstzentren im Gehirn kaum oder gar nicht mehr aktiv – und das, obwohl die Teilnehmer währenddessen mit typischerweise angstauslösenden Videoclips von Zahnbehandlungen konfrontiert wurden.

 

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