Nacktschnecken : Verhasste Wundertiere

Nacktschnecken sind besonders von Gärtnern nicht besonders gern gesehen. Tatsächlich sind es aber wahre Wundertiere.
Nacktschnecken sind besonders von Gärtnern nicht besonders gern gesehen. Tatsächlich sind es aber wahre Wundertiere.

Hundekotpolizei und Paarungskünstler: Die unbekannten Seiten der Nacktschnecken.

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28. Juli 2018, 16:40 Uhr

Auf den ersten Blick sind Nacktschnecken eher langweilige bis abstoßende Tiere. Sie sind behäbig und glitschig, platzen unter Fahrradreifen zu unschönen schwarz-orangenen Schleimflecken, und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit plündern sie früher oder später das Gemüsebeet. Doch wer einen zweiten Blick riskiert, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Das beginnt bereits bei ihrer Erzeugung. Für die Paarung benehmen sich einige Arten, als hätten sie Kurse fernöstlicher Liebeskunst belegt: Als eine Art kreiselnder Yin-Yang drehen sie sich Ewigkeiten um sich selbst, verfolgen sich, streicheln sich stundenlang oder lecken sich in aller Ausführlichkeit die Schwanzspitzen.

Die spektakulärste Darstellung bietet aber wohl der eingewanderte Tigerschnegel. Die hell- und dunkelbraun gestreiften Tiere, die übrigens wie die meisten Nacktschnecken gar kein Interesse an frischem Gartengrün haben, nehmen zunächst die Schleimspur eines Artgenossen auf und verfolgen diesen. Wenn er sie oder sie ihn – das lässt sich bei Zwitterwesen schließlich nicht so genau sagen – rumkriegen konnte, kriechen die Tiere gemeinsam irgendwo hoch und vollführen im Rausch ihrer Hormone eine Art-Schnecken-Bungee-Jumping: An einem luftigen Plätzchen angekommen, sondern die Tiere sehr viel klebrigen Schleim ab und stürzen sich daraufhin gemeinsam in die Tiefe.

Der Schleim bildet dabei einen sehr zähen Faden, an dem die Tiere nun kopfüber in der Luft hängen und fest umeinander geschlungen den freischwebenden Liebesakt vollführen können. Dabei holen beide ihre mehrere Zentimeter langen Penisse heraus, die in einer Art Tasche neben dem Kopf stecken, und wickeln sie ebenfalls umeinander. Samenpakete werden ausgetauscht und am Ende gehen beide Schnecken wieder getrennter Wege: eine fällt hinunter, die andere frisst sich an dem Schleimfaden wieder nach oben zurück zum Absprungsort der Romanze.

Inwieweit das Ganze tatsächlich eine Romanze oder vielleicht doch eher eine Art Kampf war, lässt sich schwer sagen. In jedem Fall gebe es aber bei den Geschlechtsteilen eine Art „Wettrüsten“ unter den Schnecken, sagt Heike Reise vom Senckenberg Museum für Naturkunde in Görlitz. Denn anders lassen sich die „verrückten Penismorphen“, wie die Schneckenexpertin es ausdrückt, kaum erklären: Da gibt es etwa einen engen Verwandten des Tigerschnegels, den Limax redii, dessen Penis eine Länge von bis zu 80 Zentimeter erreichen kann. Das männliche Geschlechtsteil der Ackerschnecken dagegen ist zungenartig geformt, so dass der Partner damit stundenlang gestreichelt und stimuliert werden kann. Das eine wie das andere soll vermutlich die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass die eigenen Samen wohlbehalten beim Sexualpartner ankommen und erfolgreich die Eier befruchten. Schließlich möchten Schnecken mit der eigenen Eiablage nicht nur Mütter, sondern gleichzeitig mit der Eiablage des Sexualpartners auch Väter werden.


Nacktschnecken legen ihre Eier meist an geschützten Orten ab: in Mulden, Ritzen, Spalten und Löchern. Oft genug buddeln sie sich auch eigene kleine Erdlöcher – was zu der berechtigten Frage führt: Wie machen Nacktschnecken das eigentlich? Der Kieler Biologin und Schneckenexpertin Nadine Sydow zufolge graben die Schnecken gar nicht richtig – sie wühlen eher: „Eine Nacktschnecke wird sich eine Stelle mit möglichst lockerer Erde suchen und sich dann mit ihrem Hinterteil immer wieder verdicken und verdünnen. Dadurch entsteht eine etwa drei bis vier Zentimeter tiefe Kuhle, in die sie dann ihre Eier legen kann“, sagt Sydow. Eine Technik, die den Schnecken nicht nur bei der Eiablage, sondern auch bei der Nahrungssuche helfen kann.

Denn der extrem flexible Körper der Schnecken ist auch ein Grund dafür, warum es ihnen immer wieder gelingt, Zäune und Begrenzungen rund ums Gemüsebeet zu überwinden. Selbst die dicksten Brocken können ihren Körper so strecken, dass er am Ende nur noch zwei bis drei Millimeter dick ist. In dieser Form winden sie sich problemlos durch lockere Erde oder schlüpfen durch winzige Ritzen im Zaun. Und schwups, schon ist die Schnecke im Gemüsebeet! Am Ziel angekommen, zeigt die Nacktschnecke schließlich ihre Zähne. Über Tausende dieser mikroskopisch kleinen Dentikel sitzen auf den Raspelzungen der Tiere und helfen ihnen saftige Salatblätter abzurupfen und genüsslich zu zerkleinern.

Doch tatsächlich sind es die wenigsten Schneckenarten, die sich über unseren Salat und unsere Blumen hermachen, meint Heike Reise. Es gibt unzählige Arten, die wir nicht in unserem Garten finden, weil sie dieser ganz einfach gar nicht interessiert. Viele Schnecken sind Allesfresser und finden auch an anderen Orten genügend Nahrhaftes. Sogar auf den Straßen. In England etwa, berichtet Reise, sehe man viel weniger Hundekot auf den Straßen, weil sich Nacktschnecken über diese Delikatesse hermachten und sie so auf ganz natürliche Art und Weise entsorgten. Weil England mit seinen Niederschlägen eine sehr schneckenfreundliche Witterung hat, aber auch weil es in den Städten nicht ganz so clean und ordentlich sei, könne diese Hundekot-Polizei viel erfolgreicher wirken als hierzulande.

Doch während Nacktschnecken alles Mögliche fressen, stellt sich die Frage: Wer frisst eigentlich die Nacktschnecken? Diese drallen, ungeschützt umher kriechenden Tiere müssten im Prinzip eine leichte Beute für Katzen, Vögel, Igel und sonstiges Getier sein. Genau daher haben sie aber eine Abwehrstrategie entwickelt, die der Schriftsteller, Journalist und Hobbyforscher Hermann Löns bereits vor über hundert Jahren sehr anschaulich beschrieben hat. Er schilderte im Hannoverschen Tageblatt, wie er unterschiedlichen Tieren Nacktschnecken zum Fraß hinwarf. „Sowohl der Bussard, wie die Krähe, der Storch wie der Marabu, ja sogar das Wildschwein lehnten die Wegeschnecken, und zwar die schwarzen nicht minder wie die braunen und sogar die roten, höflich aber bestimmt ab“, beschreibt er die Reaktion der Tiere.

„Und als der Strauß, happig, wie er nun einmal ist, eine überschluckte, flog sie sofort im hohen Bogen wieder aus ihm heraus, und der biedere Vogel benahm sich höchst entrüstet und traute mir seitdem nicht mehr über den Weg.“ Hermann Löns reihte sich am Ende auch selbst in den Versuch ein und probierte den Schneckenschleim. Der Erfolg sei glänzend gewesen, schreibt der Journalist: „Erstens gebärdete ich mich wie der Strauß, zweitens mußte ich einen Kognak trinken, und als auch das nichts half, einen Bitteren und dann noch einen, drittens verlor ich für drei Tage den Appetit.“

„Im neutralen Zustand schmeckt der Schleim eigentlich nach gar nichts“, weiß dagegen Sydow aus eigenen Erfahrung. Hermann Löns müsse beim Schneckenlecken etwas kräftiger gedrückt haben, meint sie. Denn erst in einer Stressituation – wenn der Igel beißt, der Strauß schnappt oder ein neugieriger Schriftsteller zudrückt – sondern die Nacktschnecken ihren anscheinend nicht besonders bekömmlichen Schleim ab.


Chinesischen Laufenten scheint der scheußlich schmeckende Schleim dagegen nichts auszumachen – sie werden als natürliche, aber eben auch sehr präsente Waffe gegen allzu lebhaftes Schneckentreiben im Garten gepriesen. Es gäbe aber auch schon Amselpopulationen, erzählt Heike Reise, die dabei beobachtet wurden, wie sie die Nacktschnecken so lange im Gras abstrichen, bis sie den Schutzschleim der Schnecken abgerieben hatten. Wer keine solche Amseln im Garten hat und auch nichts von Enten hält, muss nicht unbedingt auf grobe oder giftige Methoden wie Schneckenkorn, Schere, Bunsenbrenner oder Bierfalle zurückgreifen. Am besten sei es, gleich im Herbst oder zu Beginn des Frühjahrs auf Schneckeneiersuche zu gehen, meint Sydow. Erfolgversprechend sind dabei vor allem die Lieblingsorte der Tiere: also in der Regel das Gemüsebeet oder der Kompost.

Nadine Sydow hat zudem den Anstrich „Schnexagon“ entwickelt, der Schnecken zuverlässig stoppen soll, weil sie über die glatte Oberfläche nicht hinüberkriechen können. Er ist ungiftig und kann zum Beispiel auf Beetbegrenzungen oder Hochbeete aufgetragen werden. Sowohl Reise also auch Sydow plädieren dafür, die Tiere nicht ausschließlich als Schädlinge zu sehen. „Wir sollten ihren Sinn auch im Garten respektieren“, meint Sydow. „Sie gehören dazu.“

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