Kolumne : Spatzentreiben vor dem Fenster

von
11. Januar 2016, 11:26 Uhr

Quirlige Geschäftigkeit herrscht in diesen arktischen Tagen am Vogelhaus vor unserem Fenster. Blau- und Sumpfmeise werden immer wieder von der vielköpfigen Spatzenschar vertrieben. Im Wettlauf um die sättigenden Körner sind sie die Schwächeren. Beim Hin und Her der verschiedensten Vogelarten kommt mir ein Kinderbuch in den Sinn, dass ich einst innig liebte: Der tschechische Schriftsteller Eduard Petiška, der auch für seine liebevollen Maulwurf-Geschichten bekannt ist, erzählt die Geschichte „Der reichste Spatz der Welt“. Zausepeter verzehrt darin die erbeutete Brezel, pickt die letzten Körner im Futterhäuschen, stiehlt der Henne ein Riesenkorn. Und teilt mit niemandem! Als er in einem Eisenbahnwaggon einen Riesenhaufen Körner entdeckt, lässt er sich gerne einschließen und wähnt sich im Paradies: Er ist der reichste Spatz der Welt! Seine Spatzenfreunde draußen spielen derweil Haschen, schütteln den Schnee von den Leitungsdrähten, fahren Schlitten, wälzen Schneebälle. Und Zausepeter? Er fängt beizeiten an, sich zu langweilen, kann nur zuschauen, fühlt sich allein und verlassen, sehnt sich nach seinen Freunden. Als die Waggontür schließlich wieder geöffnet wird, fliegt der kleine Spatz auf und davon, ohne einen Blick zurück. Findet eine große Mohnkapsel, pickt diese an, ruft seine Artgenossen und will mit ihnen teilen.
Freundschaft ist mehr wert als alle Güter dieser Welt – das Vogeltreiben an meinem Futterhäuschen lässt die Moral der Spatzengeschichte lebendig werden.

Autorin: Beate Schoettke-Penke




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