Interview : Können Sie Spätzisch?

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Hausspatzen werden in vielen Großstädten selten, nur nicht in Berlin. Daraus lässt sich einiges lernen. Wer die Vögel schützen will, sollte aber auch ihre Sprache kennen.

svz.de von
14. April 2018, 16:00 Uhr

Ein halbes Jahrhundert schon ist Uwe Westphal von Vögeln fasziniert. Als kleiner Junge war er häufig auf dem Bauernhof seiner Großeltern und nahm mit elf Jahren an einer Vogelführung teil. Er studierte Biologie, engagiert sich seit Jahrzehnten für den Naturschutz – und führt heute selbst regelmäßig Interessierte in die Natur.

Herr Westphal, als ich letztens im Café saß, konnte ich kaum weggucken, weil eine ganze Horde Spatzen nicht nur die Kuchenkrümel aufpickte, sondern auch ihren Frühlingsgefühlen freien Lauf ließ. Denen ging es richtig gut!
Tja, Sie saßen in einem Berliner Straßencafé! In Hamburg, Köln oder München hätten Sie so etwas nicht erlebt. Denn diese Städte sind viel zu aufgeräumt und totsaniert, als dass dort noch viele Haussperlinge überleben könnten. In Berlin ist das anders, dort wird – auch aufgrund der chronisch klammen Finanzlage – in Parkanlagen und an Straßenrändern weniger intensiv aufgeräumt, weggeschnitten und gespritzt. In Berlin finden Spatzen und andere Vögel daher noch genügend Insekten und Samen von Wildkräutern.

Der moderne Städtebau tötet Spatzen?
Ja. Aber man muss fairerweise auch sagen, dass der Niedergang der Spatzen nicht nur auf die moderne Wärmedämmung, die Schließung von Baulücken und den Verlust von Brachland als Nahrungsflächen durch Neubaugebiete zurückgeht. Es begann schon früher, nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Motorisierung in die Landwirtschaft einzog. Vorher lagen überall Pferdeäpfel, aus denen die Spatzen sich Samen pickten.

Man kann jetzt ja überall Spatzenhotels kaufen – aber gehen die da wirklich freiwillig rein? Das muss dort doch ähnlich gemütlich sein, wie in einem zugigen, hellhörigen Wohnklotz …
Oh ja, Spatzen sind sehr gesellig, sie lieben Kolonien. Je mehr Vögel da wohnen, desto wohler fühlen sie sich. Am besten kaufen Sie also nicht nur einen Nistkasten, sondern gleich ein paar davon. Die können Sie dann nebeneinander oder untereinander hängen. Das Problem ist nur: Wenn es in der Gegend keine Spatzen mehr gibt oder nicht mehr genügend, dann können sie auch keine Kolonien mehr bilden.

Der Fluch der kleinen Zahl schlägt bei den Haussperlingen zu?
Ja, so lautet zumindest meine persönliche Hypothese. Wenn es erst einmal so wenige sind, dass sie keine schönen Mehrfamilienkolonien mehr gründen können, dann geht es ihnen richtig schlecht. Ich glaube, dieser Mechanismus hat – zusammen mit dem Verlust der Nistmöglichkeiten und dem Insektenmangel – mit dazu geführt, dass die Zahl der Spatzen in den vergangenen Jahren so rapide gesunken ist. Sie stehen ja mittlerweile sogar auf der Vorwarnstufe der Roten Liste.

Was machen Spatzen denn alles gemeinsam?
In einer Gruppe läuft alles synchronisiert ab. Sie fliegen gemeinsam zur Nahrungssuche, zur Wasserstelle oder zum Sandbad. Sie synchronisieren aber nicht nur ihr Verhalten, sondern stimulieren einander auch beim Brutgeschäft, etwa bei Nestbau, Balz und Eiablage. Sogar der Rhythmus, in dem sich die Elternvögel beim Brüten ablösen, scheint synchronisiert zu sein. Und sie schwatzen und singen gemeinsam.

Singen? Für mich machen die nur Tschilp!
Nein, keineswegs. Spatzen haben ein enorm großes Repertoire von Rufen. Sie müssen genau hinhören. (Westphal fängt an zu tschilpen) „Schilp... schilp... schilp...“ – das ist der Laut, den Sie kennen. Der bedeutet in etwa „Ich bin hier, wo bist du?“ Aber es gibt auch den Gesang: „Tschilp schielp tschirp tschep … – biete gemütlichen Nistplatz, suche Frau“ oder oder „Drüüü – Achtung, Sperber!“. Und wenn sie fliegende Artgenossen zum Landen animieren wollen, dann rufen sie „Schep-schep“. Man kann mehr als zehn verschiedene Rufe identifizieren.

„Tschilp schielp tschirp tschep …“ - Biete gemütlichen Nistplatz, suche Frau

 

Von dieser Gesangskunst mal abgesehen, was können Spatzen noch?
Es gibt andere, kuriose Verhaltensweisen, die dokumentiert sind. Eine Gruppe von Spatzen hatte beispielsweise mal Gefallen daran gefunden, kleine Steinchen von einem Flachdach auf eine darunterliegende schräg stehende Klapptür purzeln zu lassen und den so entstehenden Klickergeräuschen zu lauschen. Nur so, zum Spaß. Andere Spatzen wurden dabei beobachtet, wie sie sich im rotierenden Strahl eines Rasensprengers badeten – sie flogen und hüpften dem Wasser immer hinterher. Und manche Spatzen fliegen vor den Bewegungsmeldern von Warteräumen an Bushaltestellen so lange hin und her, bis die Türe aufgeht und sie reinkönnen.

Was wollen die denn da?
In den Warteräumen ist es warm, und sie finden dort Krümel oder werden sogar gefüttert. Spatzen brüten vereinzelt sogar im Inneren von Flughafengebäuden oder Baumärkten. Hauptsache, sie finden Spalten zum Nisten, genug zu futtern und genügend Platz für eine Kolonie.

„Gäng, wäd!“ - Ich bin sauer!

 

Hat der Spatz eine Zukunft?
Das hoffe ich schon, auch wenn es seit Jahren in der Tat nicht allzu gut für ihn aussieht. Es gibt beeindruckende Zahlen aus dem Kensington-Park in London: 1925 gab es dort noch 2603 Exemplare, 1945 waren es 805, 1975 waren es 544 und im Jahr 2000 wurden nur noch acht gezählt. Für London ist das langfristig dokumentiert, aber auch in vielen anderen Städten schrumpft die Zahl der Individuen stark.

Für Berliner hört sich das unvorstellbar an. Am Futterhäuschen auf meinem Balkon ist häufig eine Horde von mehr als zehn Vögeln zu Gast.
Es stimmt aber leider. Bei einer Naturführung kam einmal ein Teilnehmer zu mir und zeigte mir das Foto eines schönen Vogels, den er zuvor noch nie gesehen hatte. Er wollte wissen, was das war. Passer domesticus, habe ich gesagt – ein Hausspatz.
 

Der Spatz gilt als Kulturfolger. Wo Menschen sind, sind auch Spatzen.
Das stimmt auch. Spatzen können eigentlich kaum ohne Menschen. Sie haben sich seit der Erfindung der Landwirtschaft angepasst. Deshalb ist es ja umso beunruhigender, dass der Mensch den Spatzen in den letzten Jahrzehnten offenbar zu viel geworden ist. Der Vogel scheint sich nicht mehr weiter anpassen zu können.
 

Wie kann man Spatzen denn helfen?
Aktuell kann man zum Beispiel Nistmaterial zur Verfügung stehen. Wenn man etwa ein altes, ausrangiertes Daunenkissen hat, kann man die Daunen in einem Spender anbieten. Man kann auch Tierhaare hineinfüllen. Es werden sich schnell viele Spatzen dort bedienen.
 

Hilft es Spatzen, wenn man das ganze Jahr über füttert?
Ja, für Spatzen ist das gut. Man gibt den Eltern Körner, an denen sie sich sattfressen können. Und dann werden sie die wenigen Insekten, die sie finden, ihrem Nachwuchs füttern. Spatzen brüten ja bis zu dreimal im Jahr – da brauchen sie viel Energie. In Städten ist es gut, wenn nicht alles so aufgeräumt ist und es unkrautreiche Brachen gibt. So wie in Berlin.

„Drüüü!“ - Achtung, Sperber!

 

Auch in Berlin wird viel gebaut.
Man sollte aber spatzenfreundlich bauen, Unterschlupfmöglichkeiten bieten. Dichte Fassadenbegrünung, hohle Dachziegel, Ritzen und Spalten beziehungsweise speziell eingemauerte Niststeine oder andere Nisthilfen – das lässt sich ja einplanen. Wenn Sie zum Beispiel sehen, dass ein Nachbarhaus zur Renovierung eingerüstet wird, dann sollten Sie den Bauherrn oder das Naturschutzamt ansprechen, damit er den Tieren alternativen Raum zum Nisten anbietet – das schreibt das Naturschutzgesetz zwingend vor. Spatzen an einen Ort zurückzuholen, den sie schon mal verlassen haben, ist häufig sehr schwierig.
 

Infos zur Person

Dr. Uwe Westphal, 60, ist Diplom-Biologe und arbeitet als Exkursions- und Seminarleiter in der Nähe von Hamburg. Er hat mehrere Bücher und Audio-CDs verfasst – vor allem über heimische Vögel, Natur und Garten. Er tritt in Hörfunk und Fernsehen als Vogelstimmenimitator auf.
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