Weihnachtsmahl : Gans ... oder gar kein Fleisch?

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Das Weihnachtsessen gehört mit zum Ritual. Es schmeckt für uns nicht einfach nach Essen, sondern auch nach Kindheit und Daheimsein.

svz.de von
07. Dezember 2014, 08:48 Uhr

Würstchen oder Raclette? Gans oder Ente? Karpfen oder gar vegan? An der Frage, was zum Fest auf den Tisch kommt, haben sich schon ganze Familien entzweit.

Das Weihnachtsessen rangiert auf der Liste der persönlichen Xmas-Prioritäten der Deutschen mit 56 Prozent noch vor dem Weihnachtsbaum (41 Prozent) und selbst vor einem „guten Fernsehprogramm“ (18 Prozent). Kein Wunder. Das Essen gehört mit zum Ritual. Es schmeckt für uns nicht einfach nach Fleisch, Kartoffeln, Stollen, Maronen oder Rotkohl, sondern auch nach Kindheit, nach Geborgenheit und Daheimsein. Deshalb stehen die Weihnachtsfest-Essvorlieben bei den meisten auch für alle Zeiten schreibgeschützt im Gefühlhaushalt.

Sinnlos also eigentlich, einem Karpfenliebhaber mit vernünftigen Argumenten zu kommen und ihn etwa mit dem Hinweis auf das Schlammaroma, die vielen Gräten (kein Fisch hat mehr!) und dass niemand in der Familie einen Luftröhrenschnitt fachgerecht ausführen kann, etwa auf Raclette umzuschulen zu wollen. Das zünftige Essen ist ein Weihnachtsmonolith. Immerhin ein Drittel aller Deutschen schwören darauf.

„Bei mir schmeckt Weihnachten nach Ente!“, sagt Küchenprofi Birgit Hamm. „Eine Gans wäre zuviel. Auch weil wir an diesem Abend eher weniger Leute sind, aber ich trotzdem etwas Festliches servieren möchte.“ Viel mehr Arbeit als ein Kartoffelsalat würde die Ente auch nicht machen, sagt sie. Und dass sie sie auch schon mal im China-Style, also lackiert, serviert. „Ich versuche schon, das immer gerade nur so weit zu variieren, dass man die Tradition noch erkennt. Dazu gibt es ganz klassisch Maronen und Rosenkohl.“ Ihr Tipp für die perfekte Ente: „Zwischendurch immer mal mit Salzwasser einpinseln und öfter mal einstechen. Ganz am Schluss dann auch mit wenig Honig einstreichen.“ Am 1. oder 2. Feiertag wird dann wie bei den meisten Familien auch bei Familie Hamm ganz groß aufgefahren. „Dann gibt es drei Gänge. Zum Beispiel selbst gebeizten Lachs, einen Braten nach Art meiner Schwiegergroßmutter – mit Fleisch vom schwäbisch-hallischen Landschwein und ein Dessert.“ Ja, sagt sie, das wäre schon ein ziemlich mächtiger Speiseplan. „Aber irgendwie gehört das für mich zu Weihnachten. Das Fest ist es wert nach allen Regeln der Kochkunst zelebriert zu werden und dazu gehört für mich eben auch ein wenig Völlerei.“

Wie Birgit Hamm stehen 46 Prozent der Frauen und 36 Prozent der Männer an Weihnachten mehr als vier Stunden für die Zubereitung des Weihnachtsmahls in der Küche, so eine Umfrage. Nicht so lang, wie man später braucht, um das so gewonnene Hüftgold wieder los zu werden. Je nach Quelle legen wir an den Feiertagen nämlich bis zu maximal fünf Kilogramm zu. Und nicht nur vom Essen, das wir daheim für unsere Lieben kochen. Es sind ja die Verwandtschafts-Tourneen, die uns über die Feiertage an die überreich gedeckten Tische von Tanten, Onkeln und Schwiegereltern bringen. Spätestens dann ist man froh, auf Menschen zu treffen, die andere Weihnachtsspeisenvorlieben haben als man selbst. Es sei denn, man kann drei Mal hintereinander mit Begeisterung und klaglos Gans essen.

Allen anderen ist vermutlich die ein oder andere Neuerscheinung auf dem Weihnachtsmenüplan durchaus willkommen: Das vegane oder vegetarische Weihnachtsmenü. Und das kommt gar nicht mehr so selten vor. Immerhin sollen laut Vegetarierbund Deutschland hierzulande allein mehr als 1,2 Millionen Menschen vegan leben. Und das tun sie auch an Weihnachten nicht in aller Stille, sondern mit einem gewissen Sendungsbewusstsein. Da hat man sich gerade ein schön krosses Stück Gans auf den Teller gelegt und bekommt von der 16-jährigen Nichte statt der Klöße den Merksatz: „Man soll nichts essen, das man nicht auch selbst töten würde!“ Als Sättigungsbeilage serviert sie einem dann noch einen Vortrag: „Wußtest du eigentlich, dass in den Dezemberwochen mehr als 20 000 Tonnen Geflügel mehr geschlachtet werden als im Rest des Jahres?! Stell dir das mal vor!“

Wer weiß, vielleicht werden es kommende Generationen ja ganz und gar unweihnachtlich und ziemlich unchristlich finden, überhaupt ein Tier auf dem Tisch zu haben? Möglicherweise duftet ihre Kinderweihnacht nach Auberginenschiffchen und Kürbispommes. Ganz sicher sind es nicht die schlechtesten Weihnachten, bei denen man auf Fleisch verzichtet. So wie in dem DDR-Film-Klassiker „Auguste die Weihnachtsgans“ aus dem Jahr 1988. Darin überlebt das Federvieh seine übliche Christmas-Deadline, weil im Verlauf der Geschichte aus „fünf Kilo Fleisch“ ein Haustier mit einem Namen wird und es am Ende keiner übers Herz bringt, „Gustje“ zu schlachten. (Die war übrigens ein Ganter ist im für ein Geflügel ‚biblischen’ Alter von 26 Jahren an Altersschwäche gestorben.)

Oder wie damals, als das Paket von Tante Martha und Onkel Horst nicht wie sonst pünktlich am 23. Dezember ankam, sondern zwei Wochen später. Darin unsere Weihnachtsgans vom Bauernhof unserer Verwandten in Niedersachsen. Das Paket wurde ungeöffnet entsorgt. Trotzdem hat die Gans, die wir nicht gegessen haben, einen festen Platz in der Familienchronik. Gerade weil wir sie nicht gegessen haben und es ganz unweihnachtliche Spaghetti Bolognese gab. Auch Birgit Hamm erinnert sich an ein ganz besonderes Weihnachtsessen: Damals, als sie Kind war, standen plötzlich die italienischen Nachbarn vor der Tür. „Und brachten einen Blumenkohl in (Achtung!) TOMATENSOSSE mit. Wir waren alle baff. Das war damals eine so exotische Kombination, sehr lecker und sehr besonders.“ Am Ende gehört auch das unbedingt zu einem gelungenen zum Fest – es nicht in einem zu engen Ritual-Korsett erstarren zu lassen und offen zu bleiben für seinen Geist, seinen Charme, seine Seele. Wie man Weihnachten, sich und seinen Mitmenschen – ach, gleich dem ganzen Planeten - außerdem noch wirklich Gutes tun kann – das erfahren Sie am nächsten Wochenende. Da geht es um die ewige Weihnachtsfrage: „How to be good“. Denn neben vielem anderen sind wir beim Fest der Liebe auch eifrig damit beschäftigt, ordentlich Karmapunkte zu sammeln, indem wir zum Beispiel so viel spenden wie nie und bei der Tanne auf das Biozertifikat achten. Ob wir dabei aber immer auch das Richtige tun? Auch darum wird es gehen.....


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