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Historische Schönheitspflege : Lebensgefährlich schön

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Aus der Onlineredaktion

Blei im Gesicht, Läuse an den Lippen, Malachit für die Augenlider – wer schön sein will, muss leiden. Das war schon immer so, wie ein Blick auf die Schönheitspflege vergangener Tage zeigt.

svz.de von
erstellt am 12.Feb.2017 | 09:00 Uhr

Abgeschminkt: Wer heute beim Anblick verpfuschter Schönheits-OPs das große Stirnrunzeln bekommt, oder dank Botox und Co. auch gerade nicht, dem sei ein Blick in die Geschichte der Schönheitspflege empfohlen, denn auch wenn heute der eine oder andere Hersteller sicherlich noch Nachholbedarf in Sachen Inhaltsstoffen hat, so ist das nichts gegen das, was sich die Dame von Welt oder auch der Herr von gutem Rufe früher alles ins Gesicht und in die Haare geschmiert hat.

Schon der altägyptische medizinische „Papyrus Ebers“ enthielt vor über dreieinhalbtausend Jahren neben allerlei Zaubersprüchen zur Vertreibung krankmachender Dämonen auch das eine oder andere Rezept für die Schönheitspflege. Gegen graues Haar, so war dort zu lesen, helfe ein Gemisch aus „gerösteten Eselshufen“, das neben einer guten Portion „Hemet-Körnern“, noch zwei Sorten von Würmern beeinhalte, die allerdings zuvor in siedendem Öl zu kochen seien.

Wer nun meint, dererlei Schönheitsrezepturen könnten nur einem Mann einfallen, der kann sich diese Vermutung getrost abschminken. Auch Kleopatra, in Sachen Schönheit und Aufhübscherei geradezu legendär, empfahl in ihrem „Handbuch für Kosmetik“ ganz frei heraus Gesichtspuder, die unter anderem aus dem „Mist von Krokodilen“ bestanden. Hollywood verfilmte dann aber doch lieber ihre berühmten Pflegebäder in Eselsmilch. Ansonsten ging es im alten Ägypten relativ bunt zu. Die Damenwelt grundierte ihr Gesicht durchaus schon einmal in kräftigem Ockergelb, das bis ins Dunkelorange changieren durfte. Das Grün für die Augenlider enthielt vor allem Malachit, das auf Dauer nicht nur Nasen-, Mund- und Augenschleimhäute reizte, sondern auch als Brechmittel gern und viel genutzt wurde. Die typisch ägyptische, schwarze Augenumrandung beinhaltete neben Ruß und Eisenoxid unter anderem Manganoxid, das parkinsonähnliche Symptome verursachen konnte, wie etwa Sprach- oder auch Bewegungsstörungen.

Im antiken Griechenland kam Bunt dann außer Mode, Weiß wurde „todchic“ – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, denn „weißer als Elfenbein“ wie Homer so schön schwärmte, wurde das antike Antlitz eben nur dank hochtoxischem „Bleiweiß“.

Die noble Blässe war dennoch derart beliebt, dass sie ganze Jahrhunderte überdauerte, bis weit ins 19. Jahrhundert hinein. Bekanntestes Fashion-Victim dürfte wohl Königin Elisabeth I. gewesen sein, die ihre Kosmetik gar nicht mehr dick genug auftragen konnte. Das hatte durchaus seinen Grund, denn das giftige Bleiweiß verursachte höchst unschöne Abszesse auf der Haut, die aber nicht abheilen wollten, solange immer wieder neues Bleiweiß nachgeschminkt wurde – mit anderen Worten: nie. Es half also alles nichts, und die Schminke musste immer dicker aufgetragen werden, um wenigstens die schlimmsten Schädigungen zu überdecken. Irgendwann konnte die modebewusste Queen ihr eigenes Gesicht dann aber selber nicht mehr sehen und ließ im Palast alle Spiegel abhängen, was anscheinend naheliegender war, als auf Bleiweiß zu verzichten.

Schildläuse im Lippenstift

 

Eine Zeitgenössin Elisabeth I. machte ebenfalls durch ihre Schönheitspflege von sich Reden: Katharina von Medici. Ihre Lippen und Wangen färbte sie als eine der ersten Europäerinnen überhaupt mit dem damals funkelnagelneuen „Spanischen Rot“, das so hieß, weil es aus Cochenilleschildläusen gemacht war, die spanische Kaufleute in Folge der Konquistadoren aus dem damals gerade entdeckten Amerika mitbrachten. Das schöne Scharlachrot oder auch Karminrot der Schildläuse findet selbst heute noch Verwendung in der Kosmetik- und Lebensmittelindustrie – unter anderem im Lippenstift, aber auch als Lebensmittelzusatz E120 – wird dort aber auch immer häufiger durch synthetische Farbstoffe ersetzt, was nicht zuletzt die Läuse freuen dürfte.

Aber auch das wunderschöne Cochenillerot konnte nicht verhindern, dass Spanien, wie auch Italien, von einer neuen aufgehenden Sonne am Modehimmel überschattet wurden. Frankreich stieg während der Herrschaft des Sonnenkönigs Ludwig XIV. zum absoluten Modetrendsetter auf. Wichtigstes Motto: Baden verboten! Schließlich konnte man ja nie wissen, welche Krankheitserreger sich im Wasser befanden. Dafür gab es nun Parfüms, Puder, Schminke und Co. satt. Ganz ohne Flohfallen funktionierte die schöne neue Mode dann allerdings doch nicht, und so wurde bei Hofe bald das „Kratzhändchen“ sozusagen „en vogue“.

Kleine Schönheitsflecken aus Leder, Samt und Seide wurden äußerst beliebt, und die Frisuren türmten sich in immer atemberaubendere Höhen auf. Gepudert wurden sie oft mit derartigen Mehlmengen, dass zeitgenössische Kritiker des Hofes vorrechneten, wie viele Menschen man damit hätte ernähren können, schließlich litten etliche Untertanen damals Hunger.

Die Französische Revolution und überhaupt die Aufklärung sorgten dann für frischen Wind in der Schönheitspflege. Mit den aufkommenden Wissenschaften wuchsen auch die Erkenntnisse über die Gefährlichkeit mancher Inhaltsstoffe – was allerdings deren Beliebtheit zunächst keinen Abbruch tat. Die Damenwelt zupfte sich den Haaransatz, um mit vermeintlich hoher Stirn ein wenig gelehrter zu wirken.

Im 19. Jahrhundert erhielt dann die Industrialisierung Einzug in die Kosmetikbranche, was allerdings keinesfalls automatisch zu gesundheitsfreundlicheren Produkten führte. Sommersprossen konnte man nun mit Hilfe von hochgiftigem Quecksilber entfernen. Das funktionierte sogar, zumindest für kurze Zeit. Mundwasser wurde bald mit Radium versetzt, was allerdings nicht nur den üblen Mundgeruch, sondern auch gleich noch das Zahnfleisch vertrieb.

Bleikamm mit Essig

 

Im 20. Jahrhundert erfreute sich das Haarefärben wieder wachsender Beliebtheit, wobei allerdings manchmal die Haare ein wenig zu kurz kamen, oder besser gesagt: einfach ausfielen. So war es beispielsweise keine wirklich gute Idee, einen Bleikamm kurz in Essig zu tunken und sich damit dann die Haare zu kämmen. Zwar wurden die Haare in der Tat bei jedem Durchgang etwas dunkler, was für einen natürlichen Effekt sorgte, nur leider war das giftige Blei dem Haarwuchs nicht gerade förderlich. Die damaligen Bleivergiftungen konnte man sehr schön an dem dunklen Saum des Zahnfleischs erkennen, den Experten auch gerne als „Bleisaum“ bezeichneten. Augenentzündungen und nervöse Kopfschmerzen gab es gratis dazu.

Aber das war einmal. Das ist alles „Blei von Gestern“ könnte man sagen – also Geschichte. Die Fashion-Victims von heute haben ganz andere Probleme, oder? Tja, bei allem Fortschritt ist eines dann aber wohl doch so geblieben: Wer schön sein will, muss leiden.

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