Nichts kapiert! : Finanzprodukte überfordern Kunden

Finanzinformationen sind häufig zum Haareraufen, denn verständlich sind die Dokumente nur selten. Andrea Warnecke/dpa
Finanzinformationen sind häufig zum Haareraufen, denn verständlich sind die Dokumente nur selten. Andrea Warnecke/dpa

Private Placement, Outperformance, Cashflow, Bottom Up - alles klar? Oder haben Sie etwa nichts verstanden? Wenn nicht, keine Sorge. Denn dann dürfte es Ihnen wie den meisten Kunden der Branche gehen.

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07. September 2012, 11:07 Uhr

Private Placement, Outperformance, Cashflow, Bottom Up - alles klar? Oder haben Sie etwa nichts verstanden? Wenn nicht, keine Sorge. Denn dann dürfte es Ihnen wie den meisten Kunden gehen. "Informationen über Finanzprodukte sind oft unverständlich", erklärt Oliver Haug vom H & H Communication Lab in Ulm. "Kunden müssen viele Barrieren überwinden, um die Texte wirklich zu verstehen." Zusammen mit der Universität Hohenheim in Stuttgart untersuchte Haug 2011 unter anderem Jahresberichte von Fondsgesellschaften und Produktinformationsblätter von Banken. Das Ergebnis: Verbraucher mit einem durchschnittlichen Bildungsgrad konnten viele der untersuchten Dokumente nicht verstehen. "Die Papiere wiesen mitunter den Schwierigkeitsgrad einer Doktorarbeit auf", erklärt Haug. Ihr Ziel, den durchschnittlichen Kunden zu informieren, verfehlten sie damit.

Generell stellten die Forscher fest, dass Verbrauchern beim Lesen viel abverlangt wird. Ein häufiges Problem seien lange Sätze, erzählt Haug. "In einem Fondsbericht fand sich ein Satz mit 120 Wörtern", erklärt der Sprachexperte. "Die Lesbarkeit eines Satzes lässt aber schon ab 20 Wörtern deutlich nach." Ideal für die Verständlichkeit ist aus seiner Sicht ein Satz mit 15 Wörtern. "Das gilt vor allem für so komplexe Inhalte wie Informationen über Finanzprodukte."

Aber nicht nur die Länge der Sätze ist für Kunden eine Hürde. "Viele Sätze sind sehr komplex", erzählt Haug. "Das heißt: Sie bestehen aus vielen Satzteilen." Doch je mehr Teile ein Satz enthält, umso schwerer wird es für den Leser, der Struktur des Satzes zu folgen. In der Studie über die Produktinformationsblätter wurden Sätze ab drei Teilen als Schachtelsatz gewertet. Beinahe bei jedem zehnten Satz tauchte dieses Problem auf.

Eine weitere Hürde: Fachbegriffe, Anglizismen oder Abkürzungen werden häufig verwendet, aber nicht erklärt. Dabei lässt sich gerade dieses Problem in der Praxis einfach lösen: "Statt ,Emittentin’ könnte man doch auch ,Bank’ oder statt ,p.a.’ einfach ,jährlich’ schreiben", gibt Haug zwei Beispiele. "Das versteht jeder."

Ein Grund, warum die Dokumente häufig so schwer lesbar sind: "Die Texte werden von Fachleuten verfasst", sagt Dietrich Lange von der Deutschen Kreditwirtschaft. "Die Autoren müssen dabei immer zwischen juristisch korrekter und verständlicher Alltagssprache abwägen." Die Dinge dabei auf den Punkt zu bringen, sei äußerst schwierig. Schließlich seien die gesetzlichen Anforderungen an die Kundeninformationen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen.

Eckhard Benner von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg sieht noch andere Ursachen: "Wer viele Fachbegriffe verwendet, suggeriert Expertenwissen", erklärt er. Außerdem könne die Sprache eingesetzt werden, um ein Produkt an bestimmten Stellen positiver erscheinen zu lassen. "Bestimmte Risiken kann man auch verschleiern, wenn man sie kompliziert formuliert." Die Kunden würden damit im Unklaren gelassen.

Die Branche hat das Problem erkannt. So hat die Deutsche Kreditwirtschaft gemeinsam mit Verbraucherschützern, Anlegervertretern, dem Bundesverbraucher- und dem Finanzministerium sowie der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht eine Arbeitsgruppe gegründet. "Das Ziel ist, bis zum kommenden Jahr Hilfestellungen für die sprachliche Gestaltung von Produkt informationsblättern zu erarbeiten, um ihr Verständnis zu erleichtern", erklärt Lange. Fremdwörter und Bandwurmsätze sollen bald Vergangenheit sein.

Das ist auch nötig. "Denn die Informationen sind für die Kunden wichtig", sagt Michael Feck von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Seit der Finanzkrise haben viele Verbraucher das Vertrauen in die Banken verloren. Sie hätten inzwischen erkannt, dass auch vermeintlich sichere Anlagen Risiken bergen können. Die Frage des Risikos sei für viele Kunden bei Finanzprodukten entscheidend. Im Zweifel bleibt Kunden daher nur eines, wenn sie nach der Lektüre der Information über ein Produkt ratlos sind: "Sie sollten ihren Berater fragen, was mit bestimmten Formulierungen gemeint ist", empfiehlt Dietrich Lange. "Lassen Sie sich alles erklären." Zusätzlich sollten sich Kunden aber noch aus anderen Quellen über das angebotene Produkt informieren. "Holen Sie sich unabhängigen Rat", empfehlen die Verbraucherschützer unisono. "Denn eines sollten Sie als Anleger in keinem Fall machen: ein Produkt kaufen, das Sie nicht verstehen", sagt Feck.

Sprachungetüme – und ihre Alternativen

„Die Besteuerung des geförderten Kapitals und der Erträge aus ungefördertem Kapital erfolgt erst nachgelagert – jeweils anteilig im Jahr der Auszahlung des entsprechenden Guthabens an den Kunden.“
> Vorschlag der Sprachforscher: „Bitte beachten Sie: Sie müssen für Ihr Kapital bei der Auszahlung Steuern bezahlen.“

„Während der Ansparphase kann der Vertrag mit einer Kündigungsfrist von drei Monaten zum Quartalsende zulagenschädlich und gegen Entgelt gekündigt werden.“
> Vorschlag der Sprachforscher: „Sie können Ihren Vertrag natürlich kündigen. Wenn Sie Ihren Vertrag kündigen, fallen jedoch für Sie Kosten an. Die Kündigungsfrist beträgt 3 Monate zum Quartalsende.“

„Da der variable Vertragszinssatz an den des jeweiligen Neugeschäfts für Einlagen dieser Art gebunden ist, erhält der Kunde eine an die Marktentwicklung orientierte Verzinsung seines Guthabens.“
> Vorschlag der Sprachforscher: „Achtung: Ihr Zinssatz kann sich ändern. Wir passen den Zinssatz jährlich an die Entwicklung auf dem Markt an.“

Darum geht's im MEDIENPROJEKT von SVZ und NNN

Etwa 75.000 Schüler und Lehrer in Mecklenburg-Vorpommern erhalten in einem gemeinsamen Projekt der Zeitungsverlage und des MV-Bildungsministeriums bis zum Jahresende kostenlosen Zugang zu den Newsportalen. Fragen Sie an den Einrichtungen ihrer Kinder nach den Bedingungen und Login-Daten, die Sie auch in der Familie nutzen können.
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