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Trennungskinder : Eine Woche Mama, eine Woche Papa

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Immer mehr Eltern wünschen sich das Wechselmodell nach einer Trennung – doch was ist für die Kinder am besten? Emotionale Debatte auf Fachtagung in Schwerin

svz.de von
erstellt am 08.Dez.2015 | 12:00 Uhr

Die Kinder leben bei der Mutter und sehen den Vater an jedem zweiten Wochenende – so oder so ähnlich läuft es in Deutschland immer noch in den meisten Fällen ab, wenn die Eltern sich trennen. In den letzten Jahren hat  jedoch auch hierzulande der Wunsch nach gemeinsamer Erziehung der Kinder zugenommen. Eine Woche Mama, eine Woche Papa: Das sogenannte Wechselmodell bedeutet, dass die Kinder im Idealfall zu je 50 Prozent bei beiden Elternteilen wohnen und nicht nur bei einer Hauptbezugsperson.

Während diese Möglichkeit in anderen Ländern wie  Frankreich, Schweden oder den USA bereits als gesetzlich verankertes Regelungsmodell praktiziert wird, wird sie in Deutschland immer noch heftig und hochemotional diskutiert – so auch gestern bei einer Fachtagung zum Thema in Schwerin. Mehr als 150 Mitarbeiter der psychologischen Beratungsstellen  in evangelischer Trägerschaft aus ganz Deutschland sowie Vertreter von Jugendämtern, Gerichten und anderen Trägern kamen zusammen, um sich zum Wechselmodell auszutauschen.

Bislang würden deutschlandweit  knapp fünf Prozent aller Trennungskinder nach dem Modell leben, so die Münchner Wissenschaftlerin Prof. Sabine Walper. Tatsache ist jedoch: „Immer häufiger kommen Trennungspaare zu uns, bei denen die Elternteile gleichermaßen für die Kinder da sein wollen“, wie  Klaus Schmidt vom Diakonischen Werk Mecklenburg-Vorpommern aus der Beratungspraxis weiß. Der Grund: Immer mehr Väter engagieren sich familiär und möchten das auch nach einer Trennung oder Scheidung aufrechterhalten.

Doch für wen eignet sich das Wechselmodell und wie muss es ausgestaltet werden, damit es auch zum Wohle des Kindes funktioniert? „Zunächst ist ein ganz praktischer Aspekt wie die Wohnortnähe entscheidend“, sagt Sabine Walper. Noch wichtiger sei allerdings, dass die Eltern ein gutes Kooperationsverhältnis haben und einen wohlwollenden – oder zumindest neutralen – Umgang miteinander pflegen. Denn das Wechselmodell erfordert ein hohes Maß an Organisation, Absprachen   und Flexibilität zugunsten der Kinder. „Wenn es Konflikte zwischen den Eltern gibt, sind  hierbei auch die Risiken für das Kindeswohl erhöht“, warnt die Psychologin.

Der Blick auf das Kindeswohl ist auch einer der Hauptgründe für die emotionale Debatte unter Befürwortern und Gegnern des Modells. Eine der am häufigsten gestellten Fragen lautet: Kann es gut sein, dass Kinder ständig auf gepackten Koffern sitzen und kein festes Zuhause haben? Die Befürworter antworten mit  Ja. Denn aus ihrer Sicht bietet das Wechselmodell die Chance, dass Trennungskinder auch eine intensive Beziehung zum anderen Elternteil entwickeln können – und damit in der Regel zum Vater, der sonst nur in der Besucherrolle wahrgenommen wird. Die paritätische Betreuung könne somit eine Bereicherung für alle Familienmitglieder sein.

Die Gegner kritisieren wiederum, dass das Modell vor allem für die Kinder zu anstrengend sein könnte, da ihnen eine Flexibilität abverlangt wird, die schon manch einen Erwachsenen überfordere. Vor allem für kleinere Jungen und Mädchen sehen sie hier große Schwierigkeiten.

Tatsächlich wird  das abwechselnde Wohnen bei beiden Elternteilen  am häufigsten im Grundschulalter umgesetzt, wie Sabine Walper berichtet. Ihrer Auffassung nach eignet es sich am ehesten für Sechs- bis Zwölfjährige. Für jüngere Kinder sei es wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge  wichtig, eine primäre Bindungsperson zu haben. Für ältere Kinder würden wiederum oft gleichaltrige Ansprechpartner an Bedeutung gewinnen, sodass der Wunsch, immer gleichmäßig auf beide Eltern zurückgreifen zu können, in den Hintergrund treten könne.

Eine generelle Empfehlung pro oder contra Wechselmodell gibt es seitens des Evangelischen Bundesfachverbands für psychologische Beratung nicht. „Das sind alles Einzelfallentscheidungen“, betont auch Klaus Schmidt. Sabine Walper hat Kinder erlebt, denen es sehr gut tat, bei beiden Elternteilen zu leben – aber auch Jungen und Mädchen, die sich jeden Morgen fragten, wo sie eigentlich sind und unter psychischen Stress gerieten. „Mir ist bei der ganzen Debatte wichtig, dass wir den Blick auf die Kinder lenken und nicht darauf, was die Eltern als gerecht empfinden“, sagt die Wissenschaftlerin. Denn: Was für manche Eltern funktioniert, kann manchmal trotz aller Bemühungen nicht zu den jeweiligen Kindern passen.

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