Kinder hüten per Smartphone : Baby-Sicherheit wird digitaler

Auf dem Smartphone könnten Mama und Papa Herzschlag und Atembewegungen des Kindes überwachen. /Illustration
Auf dem Smartphone könnten Mama und Papa Herzschlag und Atembewegungen des Kindes überwachen. /Illustration

Smarte Socke oder vollüberwachtes Kinderzimmer: Geht es um die Kinder, greifen Eltern oft tief in ihre Tasche. Neue digitale Produkte sollen zusätzliche Sicherheit geben. Doch Kinderärzte sehen das kritisch.

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19. September 2019, 10:50 Uhr

So viel ist klar: Bei der Sicherheit seiner Kinder will niemand Abstriche machen. Was nach einer Selbstverständlichkeit klingt, nimmt die Branche der Baby- und Kinderausstatter als zentralen Baustein für ihre Geschäfte: Sie setzt verstärkt auf «smarte» - also digitale - Sicherheitsfunktionen ihrer Produkte.

Steigt beispielsweise ein Vater in Gedanken aus dem Auto aus und lässt sein Kind kurzzeitig allein zurück auf der Rückbank, kann er Alarmfunktionen aufs Smartphone bekommen - dank eines Kindersitzes mit Benachrichtigungsfunktion. Solche Trends sind Thema auf der Messe Kind + Jugend in Köln.

Steffen Kahnt, Geschäftsführer des Bundesverbands des Spielwaren-Einzelhandels (BVS), sagt zu der Entwicklung: «Bei Kindersitzen sind Warnsysteme stark im Kommen, welche die Eltern via App informieren, wenn das Kind im Auto vergessen oder zu lange allein gelassen wurde.» Und der Vorstand des Bundesverbands Deutscher Kinderausstattungs-Hersteller (BDKH), Michael Neumann, ergänzt: «Auch die volle Überwachung des Babys in Bezug auf Puls, Herzschlag, Temperatur ist ein Thema. All das ist schon möglich und wird sicherlich die nächsten Jahre Einzug in den Massenmarkt erhalten.»

Weitere Beispiele: Eine digitale Kontrolle zeigt an, ob der Kindersitz richtig installiert wurde. Das könnte tatsächlich etwas bringen. Denn laut einer Studie der Unfallforschung der Versicherer (UDV) war im vergangenen Jahr fast jeder zweite Kindersitz nicht ordnungsgemäß im Fahrzeug eingebaut.

Warnfunktion für schusselige Eltern - ist das überhaupt nötig?

Kinder werden schließlich nur selten vergessen - und wenn, dann nur sehr kurz. Die Branchenvertreter betonen, der Bedarf an solchen Produkten sei da. Sie können sich dabei auf die relativ gute Zahlungsbereitschaft ihrer Kunden verlassen. Denn: Werden Sachen für Kinder gekauft, greifen die Kunden recht tief in die Tasche. Nach BDKH-Angaben gaben Eltern im vergangenen Jahr pro Kind 750 Euro aus, um ihre Kleinen auszustatten. Ein beachtlicher Wert, zumal zusätzlich viele Eltern gebrauchte Sachen auf Internetportalen wie Mamikreisel kaufen oder auf Kinder-Flohmärkte gehen.

Die Branche, zu der die Firma Maxi-Cosi aus Frechen bei Köln und Britax Römer aus Leipheim in Bayern gehören, kam im vergangenen Jahr auf einen Deutschland-Umsatz von 7,3 Milliarden Euro, verglichen mit 2017 war das ein Plus von 0,6 Prozent. Im Bereich der sogenannten Hartware, also Kinderwagen, Autokindersitze oder Fläschchen, haben die Hersteller sogar 1,3 Prozent mehr Umsatz verzeichnet.

Ein Grund für die gute Entwicklung sind dem BDKH zufolge die leicht gestiegenen Geburtenraten. Laut Statistischem Bundesamt kamen 2018 fast 2630 Babys mehr zur Welt als noch im Jahr zuvor. Insgesamt lag die Zahl bei 787 523 - ein Zuwachs von 0,3 Prozent. Auch die gute Konjunktur dürfte eine Rolle spielen - viele Eltern haben mehr Geld in der Tasche als zuvor und das geben sie gern für ihre Kleinen aus.

Das vernetzte Kinderzimmer

Vernetzte Helfer halten aber nicht nur im Auto, sondern auch in den Kinderzimmern Einzug. Auf der Kind + Jugend werden den Fachbesuchern die «smarten» Geräte in diesem Jahr wieder im sogenannten Connected Kidsroom präsentiert, wie die Koelnmesse vor der Eröffnung mitteilte. Mit 1288 Anbietern aus 55 Ländern zähle die Messe zu einem der größten Branchentreffen weltweit.

Zur Ausstattung des «Connected Kidsrooms» gehören zum Beispiel smarte Babyfone wie von Angelcare oder Motorola oder die Pulsmesssocke von Owlet Baby Care. Sie sollen unter anderem helfen, das zu verhindern, was viele Eltern nachts nicht schlafen lässt: den plötzlichen Kindstod. Auf dem Smartphone könnten Mama und Papa Herzschlag, Atembewegungen oder die Sauerstoffsättigung überwachen, schreiben die Hersteller auf ihren Webseiten. Die Geräte zeigen demnach auch an, ob die angezeigten Werte zu hoch oder zu niedrig sind.

Die Meinung der Kinderärzte

Etwas anders sehen Kinderärzte die Produkt-Neuheiten: «Allein das Angebot dieser unnötigen Geräte suggeriert eine Gefahr für das Kind, die einfach nicht vorhanden ist, und die Notwendigkeit, die Geräte auch anzuschaffen», kritisiert Burkhard Rodeck, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ). Ihm zufolge sollten solche Geräte nur verwendet werden, wenn es medizinisch notwendig ist.

Nichtsdestotrotz blicken die Hersteller für Baby-Überwachungsgeräte den Marktforschern des britischen Unternehmens Technavio zufolge in eine rosige Zukunft. Für 2019 erwarten die Experten weltweit eine Wachstumsrate in diesem Segment von etwa 10,5 Prozent verglichen mit 2018. In den kommenden Jahren soll der weltweite Markt demnach um 11 Prozent im Jahr wachsen. Bis 2023 rechnen die Marktforscher mit einem Umsatzplus von 381 Millionen US-Dollar (346,5 Mio Euro). Als führende Unternehmen der Branche weisen die Marktforscher neben Angelcare und Owlet Baby Care auch Hisense und die Mayborn Group aus.

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