zur Navigation springen

Übermütter im Netz : „Also, ich könnte das nicht!“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Übermütter verpesten Internetforen mit vermeintlichen Ratschlägen. Schade.

Wer den Rat von Müttern* sucht, sollte eines auf keinen Fall tun: Im Internet fragen. Denn wer das macht, erhält vielleicht eine brauchbare Antwort, wahrscheinlich einen nur scheinbar wohlmeinenden Ratschlag und todsicher eine Geschichte über ein anderes Kind.

Kostprobe: Eine Mutter fragt in einem Internetforum nach einem Tipp für einen transportablen DVD-Spieler für die Autofahrt; die Familie habe eine lange Reise vor sich. Die Antwort: Weiß ich nicht, denn wir brauchen sowas nicht, wir beobachten die Landschaft und singen gemeinsam. Da kann ich nur sagen: Schönen Dank, Sangesmuttchen, mit dir will ich gern mal zwölf Stunden trällernd Bäume und Bauzäune an mir vorüberziehen lassen!

Auf die Frage, wie man am besten Pommes zubereitet, heißt es: „Beim Kindergeburtstag mache ich immer so einen leckeren Salat, dass die Kinder die Pommes glatt liegen lassen!“

Ach, könnte ich doch bei dieser Mutter noch einmal Kind sein  ...!

Auch gern genommen: „Mein Kuchen schmeckt den Kleinen sooo lecker, dass er immer der einzige vom Sommerfest-Buffet ist, der ratzeputz alle ist!“ Die Mutti werde schon gar nicht mehr gefragt, ob sie wieder „ihren“ Kuchen backe, das sei selbstverständlich, hihi, zwinker zwinker.

Herrje. Es ist wirklich kaum auszuhalten, was für fabelhafte Mütter diese Frauen sind. Nur helfen tun sie leider kein bisschen. Warum auch? Denn eigentlich wollen all diese Übermuttis nur erzählen, wie toll sie sind und wie richtig sie alles machen.

Einmal fragte eine Userin, ob sie schwanger ins Konzert gehen könne. Es ist nicht schwer zu erraten, was folgte. „Du bist noch gar nicht bereit für ein Kind, wenn du so verantwortungslos bist!“, war noch ein milderer Kommentar.

Nicht viel besser ergeht es Frauen, die wissen wollen, was es mit den roten Pusteln auf dem Bauch ihres Sprösslings auf sich hat, ab welcher Fiebertemperatur sie mit ihm zum Arzt gehen müssen und ob sie ihn in die Kita schicken dürfen, wenn er huste. Mit solchen Fragen musst du doch zum Arzt gehen! Mit solchem Husten darf das Kind doch nicht in die Kita! Also, mein Kind ist ja nie krank  ...

Eine Mutter, die sich darüber beklagt, dass ihr Sohn immer noch nicht durchschläft, bekommt zu hören, dass der kleine Alexander von Sunny36 gaaanz toll schläft, weil sie ihm aber auch immer ganz viel Liebe und Geborgenheit gebe, „und das spürt er auch im Schlaf“. Schönen Dank. Der Klassiker unter den heuchlerischen Hinweisen ist „Wenn du das kannst  ... also, ich könnte das nicht!“ Das passt praktischerweise zu allen möglichen Themen: Vollzeit arbeiten, früh oder spät abstillen, mit dem Kind in einem Bett schlafen.

Das Regiment der Online-Mütter funktioniert streng nach pädagogischem Lehrbuch. Die wichtigste Regel: Das Wohl des Kindes wird verteidigt und geschützt wie der Heilige Gral. Mit dem Kinderwagen joggen?! Niemals! Wer hat denn da ein Video mit dem Baby auf dem Wickeltisch hochgeladen, ohne dass eine Hand am Kind ist? Rabenmutter! Rabenmutter!

All diese Missbilligungen, Scheinheiligkeiten und Besserwissereien sind natürlich ärgerlich, sie sind aber vor allem eins: verdammt schade. Denn in den Internetforen fehlt genau das, was Journalistinnen, Soziologinnen und Managerinnen landauf, landab beschwören: Solidarität unter Frauen. Seilschaften statt Konkurrenzdenken. Unterstützung statt Perfektion.

Die Online-Mütter aber zerfleischen sich. Sie teilen auf in Gut und Besser, Richtig und Falsch. Dabei – und das gibt Hoffnung – ist das eigentlich gar nicht das, was ich im Alltag erfahre. Da höre ich eher diese Sätze: „Gut zu wissen, dass es anderen Eltern genau so geht!“, wenn mein Kind Zeter und Mordio schreit. Oder ein aufmunterndes: „Das ist eine Phase  ...“ Oder: „Wir haben so einen tragbaren DVD-Spieler, wollt ihr den leihen?“

Ob nun das Internet unsere schlimmen Eigenschaften und geheimen Gedanken hervorbringt oder ob es schlicht einen bestimmten Schlag Mensch anzieht, kann uns Müttern im Grunde egal sein.

Wir wissen ja jetzt, was wir zu tun haben. Die eigene Mama fragen. Eine Freundin anrufen. Der Mutter des Kita-Kumpels whatsappen. Nur, auf keinen Fall: online gehen.

*Wieso eigentlich Mütter und nicht Väter?
Aber, ja, es sind nun mal Mütter.

zur Startseite

von
erstellt am 14.Mai.2016 | 07:15 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen