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Essen und Trinken

24. Oktober 2017 | 02:29 Uhr

Ernährung : So isst Deutschland

vom
Aus der Onlineredaktion

Fertiggericht statt Vollwert-Menü, Kantine statt selbst kochen – die Deutschen haben so ihre Vorlieben, wenn es um die Ernährung geht

von
erstellt am 03.Jan.2017 | 21:00 Uhr

„Essen ist mehr als bloße Nahrungsaufnahme“, betonte Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) gestern bei der Vorstellung des Ernährungsreports 2017. Essen gehöre „zum kulturellen und sozialen Wir-Gefühl“, stehe für Heimat und Gesundheit ebenso wie für die steigenden Erwartungen und Ansprüche an eine verantwortungsbewusste Lebensmittelproduktion. Doch wie isst Deutschland? Hintergründe zu den Ergebnissen des neuen Reports von Rasmus Buchsteiner:

Worauf legen die Deutschen bei der Ernährung am meisten Wert?
Wichtig ist den Verbrauchern vor allem, dass das Essen schmeckt (99 Prozent) und gesund ist (89 Prozent). Aber es soll auch schnell gehen. 55 Prozent der Befragten legen inzwischen Wert auf eine zügige Zubereitung, 2015 waren es noch 45 Prozent. Mehr als die Hälfte der unter 30-Jährigen entscheiden sich deshalb häufiger für eine Tiefkühlpizza oder ein anderes Fertiggericht.


Was sind die beliebtesten Gerichte?
Am höchsten im Kurs stehen Fleischgerichte. 53 Prozent der Deutschen entscheiden sich am allerliebsten dafür. Auf Platz zwei stehen Nudelgerichte (38 Prozent), gefolgt von Gemüsegerichten, Fisch, Eintopf und Kartoffelgerichten. Für 13 Prozent der Verbraucher ist Pizza das Lieblingsgericht.

Gibt es Unterschiede zwischen Ost und West?
Die Menschen in Westdeutschland greifen öfter täglich zu Süßigkeiten: 23 Prozent sind es, gegenüber elf Prozent in Ostdeutschland. Entsprechend kommen Obst und Gemüse in den neuen Ländern häufiger auf den Tisch, hier liegt der Anteil bei 82 Prozent gegenüber 73 Prozent im Westen.

Kantine oder selbst kochen – wie sind die Vorlieben?
Trotz weiter boomender TV-Kochshows: Laut Ernährungsreport nimmt die Kochlust ab. Nur 39 Prozent der Befragten kochen täglich, 2015 waren es noch 41 Prozent. Elf Prozent der Verbraucher kochen nie. Berufstätige verpflegen sich vornehmlich aus der Brotbox. 57 Prozent der Erwerbstätigen, Schüler und Studenten bringen sich ihr Essen täglich oder sehr häufig mit. Regelmäßig in die Kantine gehen nur 20 Prozent, 15 Prozent essen beim Bäcker oder im Imbiss, fünf Prozent im Restaurant.

Worauf achten die Verbraucher beim Einkauf am meisten?
Für die Befragten zählt vor allem der Geschmack. Für drei von vier Verbrauchern gibt die regionale Herkunft von Lebensmitteln den Ausschlag. 57 Prozent achten insbesondere auf Produktinformationen und Preis. Gut jeder Dritte lässt sich von Siegeln und Labeln beim Einkauf leiten. Dabei kaufen Frauen deutlich bewusster ein als Männer, achten zu 58 Prozent auf Biosiegel, bei den Männern sind es 39 Prozent. 62 Prozent der Deutschen kaufen den Großteil ihrer Lebensmittel im Supermarkt. 42 Prozent nutzen auch den Discounter. Nur sechs Prozent kaufen unter anderem in Bioläden, das sind zwei Prozent weniger als im Vorjahr.

Welche Rolle spielt Tierschutz?
87 Prozent der Verbraucher halten Verbesserungen bei den Haltungsbedingungen in Deutschlands Ställen für notwendig. Vier von fünf Befragten sprechen sich für ein Label oder Siegel aus, mit dem die Einhaltung von Tierschutzstandards transparent gemacht werden könnte. Für mehr Tierwohl sind knapp 90 Prozent der Verbraucher auch bereit, höhere Preise zu akzeptieren. Im Durchschnitt würden sie 13,60 Euro pro Kilogramm Fleisch zahlen.

Wie wird die Verpflegung in Kitas und Schulen beurteilt?
90 Prozent der Deutschen wollen verbindliche Essenstandards für die Verpflegung in Ganztagseinrichtungen. Knapp 80 Prozent wollen ein generelles Mitspracherecht von Kindern und Eltern bei der Gestaltung der Speisepläne. Zwei Drittel der Eltern wären bereit, für Bio-Essen in der Schule zur Not auch mehr zu zahlen. Agrarminister Schmidt wirbt weiter für ein Schulfach „Ernährungsbildung“ und verhandelt mit den Kultusministern über einheitliche Standards für Schul- und Kita-Essen.

Welche Initiativen sind noch von Schmidt zu erwarten?
Neben dem Tierwohl-Siegel und den Ernährungsstandards für Schule und Kita hat Schmidt vor allem ein Projekt auf dem Zettel: Um das Wegwerfen genießbarer Lebensmittel zu verringern, will der CSU-Politiker weg vom bisherigen Mindesthaltbarkeitsdatum. Es soll durch ein „Verbrauchsverfallsdatum“ ersetzt werden. Dies soll deutlich machen, dass ein Produkt nicht nur vom Geschmack, sondern von der gesundheitlichen Unbedenklichkeit her in eine kritische Phase komme. Die Umsetzung müsse aber auf EU-Ebene geregelt werden. Auf „intelligenten Verpackungen“ könnte farblich sichtbar gemacht werden, wann das Verfallsdatum nahe.

 

Kommentar "Guten Appetit?" von Tobias Schmidt

Tiefkühlpizza und Tütensuppe statt Gemüseauflauf und Gulasch: Die Deutschen stehen auf Fertiggerichte und werden allmählich zu Kochmuffeln. Schmecken soll es, kosten darf es nicht viel, und schnell muss es gehen. Immer weniger Menschen nehmen sich die Zeit, Kartoffeln zu schälen und einen Braten in den Ofen zu schieben.

Ein trauriger Trend, den der „Ernährungsreport 2017“ offenbart. Dabei geht es nicht nur ums Essen selbst. Gemeinsame Mahlzeiten sind auch ein Kulturgut. Die Pizza vor dem Fernseher kann ein Miteinander um die Schüsseln auf dem Familientisch nicht ersetzen.

Dennoch freut sich Landwirtschaftsminister Christian Schmidt, dass den Deutschen angeblich das Tierwohl immer wichtiger werde, schon 47 Prozent würden inzwischen beim Einkauf auf  Kennzeichnungen achten. Die Zufriedenheit des Ministers verwundert, werden doch diejenigen immer weniger, die ihre Speisen selbst zubereiten.

Richtig ist dessen ungeachtet Schmidts Forderung nach qualitativ gutem Essen in Kitas und Schulkantinen. Wenn schon zu Hause kaum noch Selbstgekochtes auf den Tisch kommt, sollte es wenigstens mittags in der Schule  frisch zubereitetes Gemüse, Fisch und Fleisch geben. Und die richtige Ernährung gehört rasch auch auf den Lehrplan der Grundschule –  auch wenn es nicht unbedingt ein eigenes Schulfach dafür geben muss.



 

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