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Essen und Trinken

24. November 2017 | 06:47 Uhr

Genießen : Lafer kam, sah und lachte...

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

In der Oberlausitz bietet die „Grenzschänke“ nicht nur kulinarische Originalität.

Dass die Spree durch den Spreewald fließt, ist einigermaßen logisch. Und dass sie Berlin den Beinamen „Spree-Athen“ gab, weiß auch (fast) jeder. Dass der bekannte Fluss aber in der tiefsten Oberlausitz entspringt, drei Quellen hat und sogar einige hundert Meter durch Tschechien fließt, das weiß sicher nicht jeder. In Ebersbach in Sachsen aber, das ist dort, wo die Lausitzer das „r“ besonders gut rollen, ist die Spree sozusagen schon ein vereinigtes Flüsschen. Ein Fluss wird sie erst weiter unten, wie der Sachse sagen würde. Wäre die Spree hier schon schiffbar, könnte man etwa drei Kilometer abwärts der „Grenzschänke“ in Friedersdorf einen Besuch abstatten. Glaubt man der Historie, bildete die Gastwirtschaft bis 1934 tatsächlich die Grenze zwischen Ober- und Niederfriedersdorf. Der Wirt bediente im Oberdorf die Gäste, die Wirtin bereitete im Niederdorf die Speisen zu.

Diese Episode erzählen die heutigen Wirtsleute, Heike und Frank Brendel, ihren Gästen sehr gern. Damit erschöpft sich das historische Repertoire der „Grenzschänke“ aber noch längst nicht. Denn alles in dem fast 250 Jahre alten Umgebindehaus strahlt historische Originalität aus. Die zu erhalten haben die Brendels ein wahrhaft goldenes Händchen bewiesen. Die Wände zieren, sehenswert ungeordnet angeordnet, viele historische Fotos aus der wechselhaften „Grenzschänken“-Zeit sowie eine große Anzahl passender Accessoires wie Bücher, humorige Sprüche, Gemälde und neckisch bestickte Kissen. Ganz zu schweigen davon, dass sich der Wirt als amüsant-eloquentes Original entpuppt und den Gästen die Lachtränen in die Augen treibt. Wer möchte, bekommt von ihm natürlich auch etwas Trinkbares eingeschenkt.

Auch zur Küche der „Grenzschänke“ gibt’s eine kleine Episode: Angeregt durch meinen Bildband „Kulinarische Entdeckungsreise durch Sachsen“, in dem ich auf 272 Seiten das Land kulinarisch bereist habe, kam auch Sternekoch Johann Lafer mit seiner Sendereihe „So köstlich isst der Osten“ in das kleine Dorf an der Spree. In die Küche von Heike Brendel gekommen, sah Lafer, staunte und lachte. Offensichtlich konnte er sich angesichts der kleinen Küche mit dem uralten Kohle-Herd nicht vorstellen, dass hier ernsthaft gekocht wird. Das stellte sich schnell als erfreulicher Irrtum heraus. Der Spitzenkoch lobte die hausgemachte, bodenständige Küche, wie sie Heike Brendel selbst definiert, über alle Maßen und adelte damit Küche und Chefin gleichermaßen.

Ich habe es genossen, nach einigen Jahren diese Küche wieder einmal zu erleben. Heike Brendel schwört auf frische, hochwertige Zutaten. Sie experimentiert gern mit Gewürzen wie Kardamom, Anis und Fenchel, um alle Geschmacksnerven anzusprechen. Und sie scheut sich auch nicht, richtig deftig zu kochen. Ihre Knoblauchsuppe ist ein Gaumenschmaus, den man drei Meilen gegen den Wind riecht. Ihre Wildsülze ist jede Sünde wert, und der Grenzschänkenspieß ist längst weit spreeabwärts bekannt und beliebt. Im sprichwörtlichen Sinne Schützenhilfe erhält sie dafür durch ihren Mann Frank, der als passionierter Jäger Wild selbst erlegt, fachgerecht zerlegt und weiterverarbeitet. Zur kulinarischen Gaudi werden hier auch die von den Wirtsleuten angebotenen Essen vom heißen Stein, die Fondue-Abende oder das rustikale Essen aus dem Trog. Hier wird Luther kulinarisch lebendig. Ich habe mich trotz des verlockenden Angebots an Fleisch- und Fischgerichten sowie deftigen Brotzeiten mit frisch gebackenem Brot für die Knobisuppe und Pellkartoffeln mit Leinöl entschieden. Geile kulinarische Nummer, kann ich versichern. Kurzum: Ein Besuch in der Oberlausitz ohne Einkehr in der „Grenzschänke“ ist für mich nicht denkbar. Hier hat Essen wirklich etwas mit Erleben und Genießen zu tun.

Zeit für innere Entschleunigung sollte man sich also nehmen. Und wer Glück hat, kommt vielleicht sogar in den Genuss einer der von Frank Brendel organisierten und als musikalischer Geheimtipp gehandelten Bluesveranstaltungen in der urigen Kneipe an der Spree, auf der man hier sogar schon Kahn fahren kann.

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