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Essen und Trinken

22. Oktober 2017 | 23:16 Uhr

Hypnose : In Trance gegen Kalorien

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Abnehmen mit Hilfe von Hypnose – geht das? Unser Mitarbeiter Jens-Peter Mohr hat es probiert.

Zehn Personen haben sich für das Hypnose-Sport-Programm angemeldet. Fünf Männer, fünf Frauen. Allesamt haben wir sichtlich einige Kilos zu viel auf den Rippen. Jeder von uns hat zahlreiche Schlankheitskuren hinter sich, von der keine zum gewünschten Erfolg geführt hat. Das neue, deutschlandweit einmalige Programm beim Nordic Sport-Club in Wilster klingt interessant. Das Versprechen: mit Hilfe von Hypnose und Sport innerhalb von vier Wochen eine dauerhafte und gesunde Ernährungsumstellung mit mehr Bewegung zu schaffen.

Abermals hegen wir alle die Hoffnung, endlich eine Methode gefunden zu haben, die einem langfristig den Weg in ein neues, gesünderes, aber vor allem schlankeres Leben weist. Wenn auch mit einer gesunden Portion Skepsis. „Wir sind gebrannte Kinder“, stellt jemand aus der Gruppe fest. Ein angenehmes Gefühl der Verbundenheit liegt im Raum. Von Beginn an sind wir alle per Du.

Wir sitzen in einer Reihe im Kampfsportbereich des Nordic Sport-Club. „Willkommen zum Kampf gegen die Pfunde“, begrüßen uns die beiden zertifizierten Hypnotiseure und Fitnessexperten Thomas Röpnack und Irfan Yesil. Wir sitzen auf klassischen Stühlen im Kaffeehausstil. Sie sind nicht sonderlich bequem, aber es lässt sich sitzen. Im Hintergrund ertönt in angenehmer Lautstärke meditative Musik. Keine Musik, bei der man Bachgeplätscher, Walgesänge oder Vogelgezwitscher hört. Vielmehr bestimmen tief- und lang gesungene Töne, die an buddhistischen Mönchsgesang erinnern, die immer wiederkehrende Melodie. „Schließt bitte die Augen und konzentriert euch auf die Musik“, fordert Thomas uns auf. Ich versuche, seinen Worten Folge zu leisten. Versuche, alle aufkeimenden Gedanken zu verdrängen, ganz und gar im Hier und Jetzt zu sein. „Menschen, die ein starkes Kontrollbedürfnis haben oder eine überkritische, rationale Denkweise anstreben, sind schwer zu hypnotisieren“, erzählte uns Thomas im Zuge der Informationsveranstaltung am Wochenende zuvor. Ich bin mir sicher, auf mich trifft beides zu. Dennoch möchte ich versuchen, mich in einen Zustand der hypnotischen Trance versetzen zu lassen. Der kleine Hypnosetest, an dem man während der Infoveranstaltung teilnehmen konnte, stimmt mich zuversichtlich.

Ich lausche dem Klang der Musik, folge Thomas’ Anweisungen, die meine Atmung regulieren. „Darf ich dich anfassen?“, höre ich ihn fragen. Er meint mich, wie ich nach dem zweiten Mal Fragen feststelle. Meine Antwort lautet selbstverständlich ja. „Darf ich dich hypnotisieren?“, will er wissen. Frag nicht, mach – denn deswegen bin ich doch hier, denke ich getrieben von Aufregung und Ungeduld, bevor ich auch diese Frage mit einem Ja beantworte. Er bittet mich, die Augen zu öffnen, auf seine Finger zu schauen, die sich in kreisenden Bewegungen vor meinem Körper hin und her bewegen, bevor sie blitzartig zu meiner Stirn schießen und ich die Augen reflexartig wieder schließe. Obwohl uns gesagt wurde, dass man die gesamte Zeit über bei vollem Bewusstsein ist, warte ich auf den Moment des Kontrollverlustes, auf den Blackout.

Doch die beiden Hypnoseexperten haben Recht, ich bekomme weiterhin alles mit. Ich merke lediglich, dass ich mich zunehmend entspanne und es vor meinen Augen dunkler wird. Mir ist, als würde jemand den Raum in komplette Dunkelheit tauchen. Bereitwillig folge ich den Instruktionen, lausche aufmerksam Thomas’ Ausführungen. Er richtet sein Wort an die gesamte Gruppe. Die erste Suggestion des Tages beginnt.

Die Vital-Hypnose soll uns helfen, das anstehende Sportprogramm mit Leichtigkeit zu meistern. Und tatsächlich merke ich, wie mein Körper zunehmend danach schreit, sich endlich vom Stuhl loszureißen und aktiv zu werden. Das Sportprogramm, das alle Muskelgruppen des Körpers anspricht, meistere ich zu meiner Überraschung überaus gut. Fast vier Jahre habe ich keinen Sport mehr getrieben. Nach einer Dreiviertelstunde ist es geschafft. Alle sind schweißgebadet und gleichermaßen erstaunt über ihre persönlichen Leistungen.

Für die nächsten beiden Hypnosen legen wir uns auf die Matten. Nun geht es ans Eingemachte. Dieses Mal spricht Irfan. Auch seine Stimme ist angenehm sanft. Seine Vorgehensweise unterscheidet sich nicht groß von der seines Vorredners. Es beginnt die eigentliche Abnehm-Hypnose. Süßigkeiten üben künftig keinen Reiz mehr auf uns aus, stattdessen gieren wir nach gesunden Lebensmitteln wie Obst und Gemüse. Es werde uns nicht schwerfallen, auf ungesunde Lebensmittel zu verzichten. Auch werde es uns nicht stören, wenn wir anderen Menschen dabei zusehen, wie sie all diese Dinge essen, heißt es.

Die Suggestion dauert spürbar länger als die Eingangshypnose. Die Entspannung geht spürbar tiefer. Die dritte und letzte Hypnose für heute schließt sich unmittelbar an. Sie soll uns aktiver werden lassen und die Sportfreudigkeit stärken, denn in den nächsten vier Wochen müssen wir nicht nur jeweils sonntags zur Hypnose und dem Gruppentraining erscheinen, sondern mindestens zwei Mal pro Woche zum Gerätetraining in den Fitness-Club kommen. Während ich mir am Abend noch unsicher bin, ob die Hypnose bei mir wirklich funktioniert hat, erhalte ich am nächsten Morgen die Bestätigung für eine erfolgreiche Suggestion. Beim Einkaufen zeige ich der Süßwarenabteilung die kalte Schulter, ganz so als stünden dort Dinge, die ich niemals essen würde. In der Obst- und Gemüseabteilung überkommt es mich dann. Ich kaufe ein, als gäbe es kein Morgen mehr.

Fleisch gibt es im Verhältnis zu vorher kaum noch und wenn, dann mageres Puten- oder Rindfleisch. Zu meiner Verwunderung kann ich sogar wieder Äpfel und Erdbeeren essen, auf die ich zuvor leicht allergisch mit einem juckenden Rachenraum reagiert habe. Anscheinend war diese Form der Allergie psychosomatisch bedingt. Ich merke zudem, dass ich im Alltag energiegeladener bin. Viele Dinge erledige ich einfach, ohne zuvor darüber nachzudenken. Das war sonst anders. Das Gerätetraining innerhalb der Woche meistere ich hingegen eher widerwillig. Hier könnte die Hypnose noch tiefer gehen. Das Training in der Gruppe reizt mich deutlich mehr.

Vier Wochen sind mittlerweile vergangen, und wir kommen ein letztes Mal als Gruppe zusammen. Es herrscht beinahe eine bedrückte Stimmung. „Das Training in der Gruppe werde ich vermissen“, sagt Gabi. Geschlossen sind wir uns einig, dass wir während des Gruppentrainings jedes Mal über uns hinausgewachsen sind, Leistungen erbracht haben, mit denen wir niemals gerechnet hätten.

Doch ebenso überrascht sind wir von der Hypnose. „Ich esse fast ausschließlich nur noch gesunde Lebensmittel. Dazu zählen sogar Gurken und Weintrauben. Hätte mir vorher jemand erzählt, dass ich solche Sachen mal freiwillig essen würde, hätte ich ihn für verrückt erklärt“, sagt Kai. Stolz berichtet er, dass er neben dem Training im Studio nahezu täglich ins Schwimmbad geht und hier seine Bahnen zieht, und das, obwohl er Schwimmen immer gehasst habe. „Die Portionen, die ich esse, sind deutlich kleiner geworden. Zwischenmahlzeiten gibt es gar nicht mehr, ebenso wie Süßigkeiten, und ich habe einen Ehrgeiz entwickelt, den ich zuvor so nie hatte“, erzählt Gunda.

Auch mir ergeht es wie den anderen. Seit dem Beginn der Veranstaltung habe ich nicht ein Stück Schokolade gegessen, die sonst täglich tafelweise auf meinem Speiseplan stand. Und das Schöne ist, ich vermisse sie nicht, und somit habe ich auch nicht das Gefühl des Verzichts. Etwas über zehn Zentimeter ist mein Bauchumfang zurückgegangen. Das Gesicht ist schmaler, die Arme, Beine, Brust, alles ist durch das Training merklich fester geworden. Wenn ich mich im Spiegel betrachte, dann bin ich immer noch dick, doch die Proportionen haben sich verändert, sodass ich zumindest etwas athletischer aussehe.

Ich bin gespannt, wie lange die Suggestion anhält und ich dem gesunden „Grünzeug“ noch so wohlwollend zugeneigt bin. Die erlernte Fähigkeit, uns in Selbsthypnose zu versetzten, soll helfen, die Suggestion dauerhaft zu erhalten.

„Ihr habt sehr engagiert mitgemacht“, loben und Thomas und Irfan abschließend noch einmal, wie sie es eigentlich jeden Sonntag gemacht haben. Der positive Zuspruch der beiden hat gut getan und gestärkt und wird mir fehlen. Doch es gibt auch noch ein paar mahnende Worte mit auf den Weg: „Ihr seid jetzt in einer guten Position, euer Leben langfristig zu verändern. Haltet nicht nur die Ernährungsumstellung bei, sondern treibt auch weiterhin in irgendeiner Form Sport.“ Geschlossen beschließen wir, uns auch weiterhin in der Gruppenkonstellation zu treffen und uns gemeinsam für den neuen Kettlebell-Kurs für Anfänger anzumelden.

Doch was wird aus all den guten Vorsätzen? Sechs Wochen später könnte man fast meinen, dass mir am ersten Tag des Kurses eine bewusstseinsverändernde Langzeitdroge injiziert wurde, die sich seitdem äußerst positiv auf mein Ess- und Bewegungsverhalten auswirkt. Ich versuche gar nicht erst zu hinterfragen, wie die Hypnosen es nun im Einzelnen bewirkt haben, dass ich meine Ernährungsgewohnheiten komplett umgestellt habe, wieder Lust und Spaß am Sport verspüre und auch sonst agiler bin. Ich akzeptiere die Tatsache, dass es derzeit so ist, und genieße es.

Von Woche zu Woche muss ich meinen Gürtel enger schnallen, und mittlerweile sehe ich mich sogar gezwungen, neue Löcher in den Lederriemen zu stanzen, der meine Hose hält. Ich habe in keiner Weise das Gefühl, dass ich auf etwas verzichte, und spüre kein Verlangen nach den Dickmachern, die fester Bestandteil meines Speiseplans waren.

Die Form meiner Figur wird nicht mehr von meinem überdimensionalen Bauch dominiert. Natürlich ist gerade im Bereich des Unterbauches noch eine viel zu mächtige Fettschürze vorhanden, aber ich weiß: auch die wird noch verschwinden.

Als ich in der vergangenen Woche meinem Obst- und Gemüsehändler einen Besuch abstattete und wir dabei ins Gespräch über das Hypnose-Sport-Programm kamen, wurde mir zum ersten Mal so richtig bewusst, was ich meinem Körper in den letzten Jahren zugemutet habe. Als ich ihm erzählte, dass ich innerhalb der zurückliegenden zehn Wochen mehr als 15 Kilogramm abgenommen habe, drückte er mir einen zehn Kilogramm schweren Kartoffelsack in die Hand, um mir zu verdeutlichen, um welch eine Last ich mein Muskel- und Skelettsystem befreit habe.

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