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Veganer - Vegetarier : Essen – eine Frage der Überzeugung

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ernährung ist mehr als nur Nahrungsaufnahme. Das zeigt sich nicht zuletzt an dem wachsenden Trend zu Veganern und Frutariern

svz.de von
erstellt am 04.Okt.2014 | 00:00 Uhr

Essen ist Einstellungssache – entsprechend ändert sich auch das Essverhalten. So war in den vergangenen fünf bis zehn Jahren ein Wandel in der Ernährung der Menschen zu beobachten, erklärt Renate Nissen. Sie ist die leitende Ernährungsberaterin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. „Es gibt viele Menschen, die deutlich weniger Zeit für den Einkauf, die Zubereitung und das Essen selbst haben, entweder weil sie nicht mehr Zeit haben oder sie einfach nicht mehr Zeit dafür aufbringen wollen“, beobachtet Nissen. Diese Menschen sähen Essen als etwas an, das sie machen müssten. Wenn sie an den Herd gingen, müsse es schnell und einfach sein, wie bei Pasta-Gerichten oder Fertigprodukten.

Doch das sei nur eine Seite der Medaille: „Es gibt auch Menschen, die Essen wirklich zelebrieren und großen Wert auf die Produkte legen. Das sind die Genießer“, so die Ernährungsexpertin. Dieser Anteil sei jedoch der deutlich kleinere.

Auffällig sei, dass die Schere zwischen beiden Gruppen immer weiter auseinanderklaffe als früher. Als Grund dafür sieht die Ernährungsberaterin auch, dass viele Menschen nicht mehr in der Lage seien, ihr Essen selbst zuzubereiten. „Kochen lernen von der Mutter ist ziemlich out, und das Kochen lernen in der Schule leider auch“, sagt Renate Nissen. Es gäbe einige wenige Schulen, wo derzeit viel Wert auf das Thema Ernährung gelegt werde und die Schüler „auf hervorragende Weise an das Thema herangeführt werden“. Das seien aber Einzelbeispiele mit Leuchtturmfunktion.

Das Nicht-Kochen-Können sei Teil des Problems. „Wenn ich keine Kenntnisse in diesem Bereich erworben habe, fällt es mir später schwer, das noch nachzuholen. So führt es ganz zwangsläufig zu einer Änderung des Essverhaltens“, sagt Renate Nissen. Zwar werde man sich dieses Problems zunehmend bewusster und auf politischer Ebene habe bereits ein Umdenken stattgefunden, allerdings dauere es, bis sich dies konkret niederschlage.

Trotz dieser Entwicklung kann aber nicht pauschal die Rede davon sein, dass junge Leute kein Interesse an Kochen und Ernährung haben. „Im Gegenteil ist bei vielen jungen Leuten ein Bewusstsein dafür vorhanden. Speziell bei ihnen nimmt die Abkehr von tierischen Lebensmitteln zu“, erklärt Renate Nissen. Vegetarisch oder vegan zu leben ist schon lange kein Geheimtipp mehr. Zumal sich das Image der Vegetarier und Veganer gewandelt hat. Sie sind nicht mehr die Ausnahme.


Junge Leute essen oft bewusst – und fleischlos


Ob eine vegane oder vegetarische Lebensweise auch gesünder sei, könne man nicht allgemein sagen. Fleisch sei eine Eisenquelle für den Menschen; da es nicht besonders gut um den Eisenhaushalt bestellt sei, müsse ein Ausgleich für den Fleischverzicht geschaffen werden. Im Klartext: Einfach nur auf Fleisch zu verzichten, bedeutet noch keine gesunde Ernährung. Vielmehr muss mit dem veränderten Ernährungsstil auch ein veränderter Lebensstil einhergehen.

Auch die traditionelle deutsche Küche gebe es kaum noch. Internationale Einflüsse sind durch die Angebotsvielfalt von Gemüse und anderen Lebensmitteln überall vorhanden. Eine Bereicherung, findet die Ernährungsexpertin. „Für die jetzige Bevölkerung ist es völlig normal, auch mal eine Pizza zu essen. Die Menschen sind anderen internationalen Küchen gegenüber offener geworden“, sagt Nissen. So sei die mediterrane Küche bereits seit längerem in aller Munde – viel Gemüse, hochwertige Öle und viel Fisch. Damit sorgt diese Küche gewissermaßen für eine Renaissance des Fisches. „Früher galt er als Fleisch des kleinen Mannes“, erklärt die Expertin. Nun komme wieder vermehrt Fisch auf den Teller, doch auch das kann den Siegeszug des Fleisches nicht verhindern. Es besitzt den größeren Stellenwert bei der Ernährung der meisten Menschen: „Fleisch und Butter hatten schon immer einen hohen Stellenwert, weil es sich nicht jeder leisten konnte.“

Der Großteil der Bevölkerung ist noch immer ein omnivore Esser, ein „Allesfresser“, doch es gibt immer mehr Menschen, die auf verschiedene Produkte verzichten: Vegetarier, Lacto-Vegetarier, Ovo-Lacto-Vegetarier, Rohköstler, Pescetarier, Veganer, Frutarier, Flexitarier und Freetarier. Einige dieser Ernährungsweisen sind jünger als andere, manche sehr radikal. Gemeinsam ist ihnen, dass sie aus einer veränderten Einstellung der Menschen heraus entstehen. Das Bewusstsein für das, was der Mensch zu sich nimmt, ist größer geworden. Nicht zuletzt aufgrund diverser Lebensmittelskandale.

Wie sich der Mensch ernährt, steht und fällt letztlich mit seinem Interesse für Lebensmittel. „Und das hängt auch mit der Wertschätzung der eigenen Person zusammen“, ist sich die Ernährungsberaterin sicher. Denn beim Essen – dem Zeitaufwand, dem Umgang mit Lebensmitteln, oder ihrer Qualität – gehe es eben auch um die Frage, was man sich selbst wert ist.

Gute Ernährung muss nicht zwangsläufig teuer sein, sondern ausgewogen. Sie sollte abwechslungsreich sein, aus allen Ernährungsgruppen etwas beinhalten und die Angebotsvielfalt nutzen. Wichtig ist aber auch eine vernünftige Essatmosphäre. „Essen ist mehr als nur Nahrungsaufnahme. Es ist auch Kommunikation“, betont die Expertin. Sie empfiehlt, regelmäßig mit Freunden oder der Familie zu essen, es zu zelebrieren. Denn: „Essen sollte Spaß machen.“

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