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Forschung der Klimafolgen : Die Erde würde Gemüse essen

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wurst, Käse oder doch lieber Obst? Was wir zu uns nehmen, wirkt sich nicht nur auf unsere Gesundheit, sondern auch auf die Umwelt aus. Am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung fragen Wissenschaftler, wie sich die Menschen in Zukunft ernähren werden.

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erstellt am 27.Jul.2017 | 12:00 Uhr

Bei den Bäckern stapeln sich Brötchen mit Schinken, Salami und Ei. Im Potsdamer Bahnhof sieht es aus wie an vielen Orten in Deutschland. Die Bockwurst als Inbegriff des schnellen Snacks. Während sich die Reisenden vor den Vitrinen vielleicht überlegen, wie sich ihre Entscheidung auf Bauch, Herz und Cholesterinspiegel auswirkt, beschäftigen sich Forscher ganz in der Nähe mit einer anderen Frage: Wie wirken sich diese Entscheidungen auf die Umwelt aus?

Derzeit wird ein Kulturkampf ums Essen gefochten: Verfechter des täglichen Schnitzels gegen Vegetarier und Veganer, die oft als Moralapostel mit verqueren ethischen Vorstellungen wahrgenommen werden. Mit Moral aber haben die Wissenschaftler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) auf dem Telegrafenberg – zumindest bei ihrer Arbeit – wenig zu tun. Sie halten sich an Zahlen und Fakten, die sie von Organisationen und Instituten aus der ganzen Welt beziehen.

Auch Benjamin Bodirsky arbeitet am PIK. Der promovierte Volkswirt forscht zum Thema Landnutzung: Wie wirkt sich die Landwirtschaft auf das Klima aus – und umgekehrt? Er und seine Kollegen arbeiten an einem Modell, das u. a. abbildet, was Menschen essen und wie ihre Nahrung produziert wird.

wej-170501-pik3Der promovierte Volkswirt und Klimaexperte Benjamin Bodirsky aus Potsdam Der promovierte Volkswirt und Klimaexperte Benjamin Bodirsky aus Potsdam true 

Diese Fragen werden umso drängender, je mehr Menschen auf der Erde leben. „Im Jahre 2050 wird der weltweite Nahrungsbedarf im Vergleich zum Jahre 2000 um 60 bis 70 Prozent gestiegen sein“, sagt Bodirsky. Nicht nur die Menge an Essen ändert sich, auch die Ansprüche und Vorlieben wechseln. Das heißt: Wenn das Einkommen steigt, erhöht sich zum Beispiel auch der Bedarf an Zucker und Öl.

Um ihre Schlüsse aus der Masse an Daten ziehen zu können, entwickeln die Wissenschaftler verschiedene Szenarien. Von Grundannahmen ausgehend, konstruieren sie die Situation im Jahre 2050. Je nachdem, ob die Menschen mehr kaufen oder ob effizienter produziert wird, ergeben sich unterschiedliche zukünftige Welten. „Die weltweiten Essgewohnheiten nähern sich denen der Industrienationen an“, erläutert Bodirsky. Menschen in Indien beispielsweise würden bis 2050 wahrscheinlich ähnliche Essgewohnheiten haben wie wir in Deutschland.

Salamibrötchen und Bockwurst für alle? Der Klimaexperte erklärt, dass der Fleischkonsum weltweit steigt – die paar Vegetarier hin oder her. Mal abgesehen von den Folgen für die Gesundheit, sei das auch ökologisch problematisch. „Tiere fressen ein Vielfaches der Kalorien, die nachher in ihrem Fleisch enthalten sind“, sagt er. Man verfüttert also mehr Energie an das Tier, als nachher rauskommt.

wej-170501-pik9Forscht zur Verschwendung von Lebensmitteln: Der Geoökologe Prajal Pradhan rät dazu, vor dem Einkauf nachzudenken. Forscht zur Verschwendung von Lebensmitteln: Der Geoökologe Prajal Pradhan rät dazu, vor dem Einkauf nachzudenken. true 

Viel sinnvoller ist es also, das Soja direkt zu essen und nicht den Umweg über das Schnitzel zu nehmen. Dabei komme es natürlich darauf an, wie und wo Tiere gehalten werden. Wenn sie auf der Weide stehen, fressen sie den Menschen nichts weg. Bei Soja und anderem extra für Tiere angebautem Kraftfutter sieht das anders aus.

Problematisch sind – gerade bei Kühen – aber auch die Treibhausgase, die bei ihrer Verdauung entstehen und zum Klimawandel beitragen. „Etwa ein Fünftel der weltweit ausgestoßenen Treibhausgase stammt aus der Landwirtschaft.“

In der Wissenschaft sei man sich daher einig, dass ein geringerer Fleischkonsum sich günstig aufs Klima auswirken würde. Allerdings stellt sich die Frage, wie stark man eingreifen solle. Bodirsky selbst hält es für unrealistisch, dass Menschen ganz aufs Fleisch verzichten.

Aber er rät, weniger Tierprodukte zu essen und sie stattdessen durch Gemüse zu ersetzen – gerade in Kantinen, wo viele Leute mehr Fleisch zu sich nehmen, als sie es zu Hause tun würden. „Vor 50 Jahren haben wir ja auch nicht jeden Tag Fleisch gegessen.“ Häufig müsse das Mittagessen vor allem möglichst billig sein – auch an Schulen. „Das ist ein Unding.“ Ob Bluthochdruck oder erhöhter Blutzucker: „Heute sterben mehr Menschen an Fehlernährung als an Unterernährung.“

Bodirskys Spezialgebiet ist der Stickstoffkreislauf – keines, das sich besonders gut als Gesprächsthema für Partys eigne, gibt er lachend zu. Das könnte sich ändern, wenn die Problematik stärker ins öffentliche Bewusstsein dringt – so wie es beim Kohlendioxid passiert ist.

Stickstoff wird als Düngemittel verwendet. „Allerdings werden global nur etwa 50 Prozent des Stickstoffs von den Pflanzen aufgenommen.“ Der Rest findet sich als Nitrat im Grundwasser, als Lachgas oder als Ammoniak in der Luft. Lachgas hat eine klimaerwärmende Wirkung, Ammoniak verbindet sich mit Schwefel oder Stickoxiden zu krebserregendem Feinstaub und weht über die Innenstädte.

Diese Nährstoffe fördern zum Beispiel die Algenblüte in Gewässern, wodurch dem Wasser der Sauerstoff entzogen wird. Es braucht Jahrzehnte, bis die Nitrate im Meer ankommen, sagt Bodirsky. „Wir spüren jetzt die Folgen der Überdüngung in den 1970er- und 1980er-Jahre. Inzwischen habe sich das Problem auch durch neue Düngemittelverordnungen gebessert, auch wenn weiterhin noch viel zu tun sei, berichtet der Volkswirt. Weniger Überdüngung auf den Feldern ist eine Möglichkeit, das Problem anzugehen. Aber was ist mit den Konsumenten, den hungrigen Reisenden am Potsdamer Bahnhof?

Das erklärt Prajal Pradhan ein Stockwerk höher. Der Geoökologe beschäftigt sich mit der Verschwendung von Lebensmitteln – und präsentiert bestürzende Zahlen. Etwa ein Drittel der weltweit produzierten Nahrung findet seinen Weg nicht in die Mägen der Menschen. „Das ist keine große Überraschung“, sagt der aus Nepal stammende Wissenschaftler, der in Potsdam zum Thema Ernährungssicherung promoviert hat. Schließlich würden – jedenfalls in den Industrienationen – ständig Lebensmittel weggeworfen.

Zehn Prozent gehen bei der Verarbeitung und beim Transport verloren. Pradhan hat sich die übrigen 20 Prozent vorgenommen, das, was in Supermärkten, aber vor allem in Privathaushalten im Müll landet.

Wie viel das wirklich ist, lässt sich schwer messen. Die Wissenschaftler berechneten deswegen anhand von demografischen Daten, wie viel Essen Menschen weltweit brauchen und wie viel produziert wird. Die Differenz ist das, was an Nahrungsmitteln verloren- geht. In Deutschland sind für jeden Menschen pro Tag etwa 3500 Kalorien verfügbar, aber nur etwa 2500 werden tatsächlich benötigt.

Beim Abbau der nicht verwerteten Lebensmittel entsteht das Treibhausgas Methan, erläutert der Wissenschaftler. Auch bei der Produktion, beim Transport und beim Kochen wird Energie verbraucht und Kohlendioxid ausgestoßen. Problematisch ist die Verschwendung deshalb nicht nur aus moralischen, sondern auch aus ökologischen Gründen.

Weniger wegzuwerfen könnte ein Mittel sein, Hunger zu bekämpfen, sagt Prajal Pradhan. Um das zu erreichen, müssten sich aber auch Gesetze ändern. In Frankreich etwa ist es Großhändlern inzwischen verboten, noch genießbare Lebensmittel wegzuwerfen. Stattdessen müssen sie gespendet oder als Tierfutter verwendet werden.

„Vieles kann man aber auch selbst machen“, sagt Pradhan und verweist auf Foodsharing-Projekte, bei denen nicht genutzte Lebensmittel an andere Menschen weitergegeben werden. In Städten wie Berlin und Potsdam gibt es Online-Börsen, bei denen man vor einem Urlaub Reste aus dem Kühlschrank loswerden kann.

Pradhans Vorschlag: „Vor dem Einkaufen nachdenken.“ Und klar: Auch die Bockwurst am Bahnhof immer schön aufessen!  

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