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Essen und Trinken

19. Oktober 2017 | 09:29 Uhr

Süßspeise : Der Krieg um das Tiramisu

vom
Aus der Onlineredaktion

Zwei Regionen in Italien streiten um die Erfindung der weltberühmten Süßspeise

Das Tiramisu ist zweifellos eine der schmackhaftesten Süßspeisen auf dieser Welt. Dennoch wird derzeit verbittert um seine Erfindung gestritten. Protagonist der Auseinandersetzung ist der italienische Nordosten, genauer gesagt die Regionen Venetien mit der Hauptstadt Venedig und Friaul Julisch Venetien weiter östlich. Seit Jahrzehnten bereiten hier vornehmlich Mütter ihren Kindern schmackhafte Crèmes aus Eigelb und Zucker zu. Das mit Mascarpone, Löffelbiskuits und Kakao perfektionierte Tiramisu hat sich erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts etabliert, es dann aber in Windeseile auf die Speisekarten in der ganzen Welt geschafft.

Anlass der jüngsten Auseinandersetzung ist ein Dekret des italienischen Ministeriums für Landwirtschaft und Ernährung von Ende Juli. Darin wird das Tiramisu in die Liste der traditionellen Speisen der Region Friaul Julisch Venetien aufgenommen. Für Venetien und insbesondere für die etwa 100 Kilometer westlicher gelegene Stadt Treviso, die bislang exklusiven Anspruch auf die Erfindung erhob, ist das ein schwerer kulinarischer Schlag.

Luca Zaia, Gouverneur von Venetien, protestierte deshalb auch unüberhörbar. „Ich bin wirklich wie vom Blitz getroffen. Das bedeutet, das Ministerium ignoriert nicht nur fünf Millionen Menschen im Veneto, für die das Tiramisu eines ihrer typischen Gerichte ist, sondern auch die Tatsache, dass eine ganze Industrie um dieses Produkt herum existiert.“ Man werde rechtlich gegen die Entscheidung vorgehen.

Dafür, dass der „Tiramisu-Krieg“ (Corriere della Sera) ausgerechnet im Sommer 2017 seinen Höhepunkt erreichen musste, sind zwei Turiner Gourmets verantwortlich. Clara und Gigi Padovani begannen mit aufwändigen Recherchen über die wahre Herkunft des Tiramisu und legten eine Monographie im vergangenen Jahr vor. Ihr eigentlich sehr diplomatisches Ergebnis: Es gibt nicht ein Originalrezept für das berühmteste italienische Dessert, sondern gleich vier, zwei aus dem Friaul und zwei aus Venetien.

Kriterium für die Originalität der Rezepte war die Existenz handfester Beweise, etwa historische Speisekarten, Rechnungen oder Fotos. Unter diesen Gesichtspunkten stach die von der Köchin Norma Pielli in den 1950er Jahren kreierte Süßspeise namens „Tirimi su“ hervor, deren Existenz auf einer Rechnung des Hotels Roma in Tolmezzo (Friaul) vom 13. Dezember 1959 einwandfrei nachzuweisen war. Noch früher datiert eine Fotografie aus dem Jahr 1950, auf der die Food-Historiker ein Dessert namens „Tirime su“ des Kochs Mario Cosolo ausmachten. Cosolo wirkte damals im Restaurant „Al Vetturino“ in Pieris bei Gorizia (Görz). Die mit Sahne und Schokolade angereicherte Speise wurde als „Coppa Vetturino Tirime su“ feilgeboten, also als „Kutscher-Becher Tirime su“. Die Bezeichnung Tiramisu (Zieh mich hoch) bezieht sich auf die energetische Wirkung, die der auf Eigelb und Zucker basierenden Süßspeise zugeschrieben wird.

In Venetien sind sie jetzt ein wenig bedrückt angesichts des ministerialen Dekrets zugunsten der Konkurrenz. Dafür stammt aus Treviso die bessere Geschichte über die Genese des Tiramisu, hier nahmen die Recherchen der Padovanis überhaupt erst ihren Ausgang. Allarmiert von der Nachricht, das Traditionslokal „Le Beccherie“ der Familie Campeol würde schließen, machte sich das Paar 2014 umgehend nach Treviso auf, ließ sich das berühmte Tiramisu-Rezept zubereiten und bekam von der Wirtstochter die zugehörige Geschichte erzählt. Die Schwiegermutter habe ihr nach den Mühen einer Geburt eine Creme aus Eigelb, Zucker, Kaffee und Keksen zubereitet. 1970 sei dann Mascarpone-Creme hinzugefügt worden, die Gäste waren begeistert und das Tiramisu geboren.

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