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Gluten, Laktose und Co : Der Feind auf meinem Teller

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Viele Deutsche glauben, Gluten, Laktose oder Fruktose mache sie krank. In Wirklichkeit leiden nur wenige unter einer Lebensmittelunverträglichkeit.

svz.de von
erstellt am 24.Mär.2017 | 21:00 Uhr

Menschen, die bestimmte Lebensmittel nicht vertragen, erleben oft eine regelrechte Odyssee, bis sie eine Diagnose haben. Schuld sind in der Regel Unverträglichkeiten, in manchen Fällen auch Allergien. Inzwischen verzichten zwölf Prozent der Deutschen auf Lebensmittel, in denen Laktose, Fruktose oder Gluten enthalten sind. Doch nicht jeder, der Weizen oder Kuhmilch von seinem Speiseplan streicht, hat dafür medizinische Gründe. Der Glaube, dass manche Lebensmittel uns krank machen, hat sich in den letzten Jahren mehr und mehr durchgesetzt und der Lebensmittelindustrie eine ganz neue Einkommensquelle verschafft. Der Ernährungsmediziner Prof. Dr. Christian Sina, der das Institut für Ernährungsmedizin an der Universität Lübeck leitet, und die Ökotrophologin und Ernährungstherapeutin Alina Kistenmacher erklären, was es mit dem Trend auf sich hat.

Die Zahl der Menschen, die auf Laktose, Fruktose oder Gluten verzichten, hat sich in den letzten Jahren verdreifacht. Woher kommt das?

Prof. Dr. Christian Sina: Das kann verschiedene Gründe haben. Zum einen spielt das subjektive Erleben dabei eine Rolle. Das Meiden bestimmter Nahrungsmittel führt bei manchen Menschen zu einem besseren Allgemeinbefinden, die Symptome wie Blähungen oder Durchfall, die man mit bestimmten Nahrungsmitteln assoziiert, gehen zurück. Zum anderen spielt auch die Berichterstattung in den Medien eine Rolle, die uns suggeriert, dass bestimmte Lebensmittel nicht gut für uns sind. Um sich vermeintlich gesund zu verhalten, wird dann darauf verzichtet.

Alina Kistenmacher: Bei den Unverträglichkeiten ist es denkbar, dass heute einfach spezifischere Diagnostik betrieben wird und daher das Bewusstsein steigt. Jeder Mensch hat eine unterschiedlich große Toleranzschwelle, die je nach Stressaufkommen und Ernährungsstatus variieren kann. Außerdem nehmen wir heute viel mehr Milch und Fruchtsäfte zu uns, so dass es zu einem Überangebot von Laktose und Fruktose im Darm kommt. Das kann dann zu Beschwerden führen. Ein möglicher Grund für eine steigende Anzahl der Allergien kann zum Beispiel sein, dass wir heute in einer relativ keimarmen Umgebung leben, so dass das Immunsystem mitunter verstärkt auf Allergene reagiert.

Wann spricht man von einer Unverträglichkeit, wann von einer Allergie?

Sina: Eine Nahrungsmittelallergie setzt die Aktivierung des Immunsystems durch in der Regel ein einzelnes Allergen voraus, das durch die Bindung an spezifische Antikörper klassischerweise unmittelbar nach der Nahrungsmittelaufnahme zu deutlichen Symptomen wie Hautrötung, Durchfall, Blutdruckabfall und Atemnot führt. Dieses kann bis zum Schock führen. Ein typisches Beispiel ist die Erdnussallergie. Bei einer Unverträglichkeit ist die Ursache für die Beschwerden nicht die Aktivierung des Immunsystems, sondern eine verminderte Verstoffwechslung, meist von Zuckerverbindungen wie Laktose oder Fruktose.

Kistenmacher: Auch aus ernährungsphysiologischer Sicht wird mit einer Unverträglichkeit ganz anders umgegangen als mit einer Allergie. Während die Nahrungsmittelallergie den konsequenten Ausschluss der Haupt- und Kreuzallergene erfordert, kann bei einer Nahrungsmittelunverträglichkeit nach einer Eliminationsphase eine individuelle Toleranzschwelle ermittelt werden, so dass hier kein lebenslanger Verzicht erforderlich ist.

Etwa ein Prozent der Bevölkerung in Deutschland leidet unter Zöliakie. Trotzdem steigt der Absatz glutenfreier Lebensmittel. Was versprechen sich die Menschen davon?

Sina: Wenn eine Zöliakie und eine Weizenmehlallergie ausgeschlossen wurden, gehen wir von einer Glutensensitivität aus. Die Ursachen sind noch nicht abschließend geklärt. Wahrscheinlich ist, dass die Personen auf spezielle Inhaltsstoffe im Weizen empfindlich reagieren. Daneben grassieren aber auch Theorien, dass Gluten angeblich an der Entstehung zahlreicher Erkrankungen wie Depression und Autismus beteiligt sein soll. Dieses ist wissenschaftlich nicht haltbar, führt aber doch bei einigen Personen zu dem Entschluss auf Gluten zu verzichten.

Kistenmacher: Es gibt heute deutlich mehr Hersteller, die glutenfreie Produkte produzieren. Während man vor einigen Jahren spezielle glutenfreie Produkte eher exklusiv in Reformhäusern bekommen hat, sind diese heute in jedem gut sortierten Supermarkt erhältlich. Hinzu kommt, dass viele Verbraucher denken, sich damit etwas „Gutes“ zu tun, da gerade der Slogan „frei von“ subjektiv mit einer gesünderen oder leichteren Lebensweise assoziiert wird. Dabei sind glutenfreie Brote aus ernährungsphysiologischer Sicht für den Verbraucher ohne Zöliakie nicht unbedingt besser. Sie enthalten häufig weniger Ballaststoffe und mehr schnell verfügbare Kohlenhydrate als die glutenhaltige Dinkel-, Weizen- oder Roggenvollkornbrot-Variante.

Der Unverträglichkeits-Hype ist in die Kritik geraten. So zweifeln Forscher zum Beispiel an der Existenz der Histaminintoleranz als Krankheit. Also alles nur Einbildung?

Kistenmacher: Eingebildet sind Beschwerden nie. Jedoch ist die Frage, ob eine histaminarme Ernährung dauerhaft die Lösung des Problems ist. Hauptursache ist ein Mangel an enzymatischem Abbau im Darm oder ein Ungleichgewicht an Enzymen auf der einen und Histaminkonzentration auf der anderen Seite.

Sina: Eine akkurate Diagnose einer Histaminintoleranz ist häufig nicht möglich, weil sie nur mit bestimmten Geräten möglich ist. Aber wir diagnostizieren immer mal wieder Patienten, die von einer Meidung besonders histaminhaltiger Produkte wie Alkohol, Käse, Nüsse und Schokolade profitieren.

Frauen sollen deutlich häufiger von Nahrungsmittelunverträglichkeiten betroffen sein als Männer, Großstädter eher als Landbewohner. Woran liegt das?

Sina:Dieses Ergebnis könnte dadurch bedingt sein, dass Frauen meist besser als Männer auf ihre Gesundheit achten und eher einen Arzt aufsuchen. Gleiches mag auch für den Unterschied von Großstädter und Landbewohner gelten. Daneben spielen aber auch andere Faktoren wie Stress und unregelmäßige Mahlzeiten, wie in Großstädten häufig zu finden, eine wichtige Rolle. Das ist aber insgesamt spekulativ und basiert nicht auf harten wissenschaftlichen Daten.

Hat der Verzehr von gluten- oder laktosefreien Lebensmittel Auswirkungen aufden Körper, wenn man gar nicht unter einer Unverträglichkeit leidet?

Sina: Leider führt die Diagnose Laktoseintoleranz häufig zu einer generellen Meidung von Milchprodukten was meist gar nicht notwendig ist. So weisen zahlreiche verarbeitete Milchprodukte wie z.B. Käsesorten nur minimale Mengen an Laktose auf, so dass diese durchaus verzehrt werden können. Dadurch kommt es in manchen Fällen zu einem Calciummangel.

Kistenmacher: Bei einer glutenfreien Ernährung ist wichtig, welche Alternativen man sich aussucht. Glutenfreie Ersatzprodukte haben oft den Nachteil, aufgrund des geringen Ballaststoffanteils deutlich weniger zu sättigen, was dazu führen kann, dass mehr gegessen werden muss, um den Hunger zu stillen, womit die Energiezufuhr insgesamt steigt.

Viele Menschen klagen zum Beispiel nach dem Verzehr von asiatischem Essen über Unwohlsein. Gibt es eine Unverträglichkeit von Glutamat?

Sina: Glutamat-Unverträglichkeit gehört in die Gruppe der sogenannten Pseudoallergien. Diese führen zu allergietypischen Symptomen, basieren aber im Gegensatz zur Allergie nicht auf einer Aktivierung des Immunsystems durch Bindung eines Allergens an einen spezifischen Antikörper.

Kistenmacher: Glutamat kommt in unterschiedlichsten Lebensmitteln als Geschmacksverstärker der Richtung „Umami“ mit ganz unterschiedlichen Bezeichnungen vor, zum Beispiel als E-Nummern. Häufig reicht eine Reduktion der Glutamataufnahme, um die Beschwerden zu verbessern.

Spielt unsere Ernährung eine Rolle bei der Entwicklung von Unverträglichkeiten und Allergien?

Kistenmacher: Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir weniger Unverträglichkeiten hätten, wenn wir uns wieder bewusst für eine naturbelassenere, abwechslungsreiche und bunte Ernährung entscheiden würden. Unser Vorteil ist, dass uns heutzutage jeden Tag alle Lebensmittel zur Verfügung stehen, wir müssen sie nur bewusst und in den richtigen Mengen einsetzen.

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