Wohltat oder Werbemasche? : Was gluten- und lactosefreie Lebensmittel wirklich bringen

Im Vergleich zu herkömmlichen Lebensmitteln haben einige glutenfreie Produkte einen höheren Fettgehalt, während der Anteil an Ballaststoffen, Vitaminen und Mineralstoffen geringer ist.
Im Vergleich zu herkömmlichen Lebensmitteln haben einige glutenfreie Produkte einen höheren Fettgehalt, während der Anteil an Ballaststoffen, Vitaminen und Mineralstoffen geringer ist.

Sind lactose- oder glutenfreie Lebensmittel wirklich gesünder – oder nur eine clevere Marketingstrategie?

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05. Oktober 2019, 10:00 Uhr

Mönchengladbach/Bonn | Glutenfreie Nudeln, lactosefreie Milch – das Geschäft mit den "frei von"-Lebensmitteln floriert. Ökotrophologin Sonja Lämmel vom Deutschen Allergie- und Asthmabund (DAAB) sagte: "Solche Ersatzprodukte sind ein Segen für Zöliakiepatienten, Weizenallergiker und Menschen mit einer Lactoseintoleranz. Sie helfen den Betroffenen im Alltag." Aber man solle sie mit Bedacht auswählen.

Ohne Unverträglichkeit kein Grund zum Kauf

Für alle ohne eine Unverträglichkeit seien sie überflüssig. Lämmel: "'Frei von'-Lebensmittel werden als eine Art Lifestyle-Argument eingesetzt und als Produkte für jedermann vertrieben und beworben. Das ist falsch."

Ob eine Lebensmittelunverträglichkeit besteht, sollte nie selbst diagnostiziert werden, sondern immer von einem Arzt. Allerdings kann man eine solche Unverträglichkeit nicht medikamentös therapieren. Stattdessen prüft ein Ernährungstherapeut mit einem Ernährungs-Symptom-Tagebuch, was der Betroffene nicht verträgt.

Ökotrophologin Silke Restemeyer von der Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) sagte: "Oft ist das Weglassen des Lebensmittels mit krankheitsauslösenden Inhaltsstoffen die einzig sinnvolle Therapie."

Lactose: Völliger Verzicht oft unnötig

Bei einer Lactoseunverträglichkeit könn der Körper den natürlichen Milchzucker in einem Lebensmittel nicht spalten, sagte Lämmel. Sie ist eine der häufigsten Intoleranzen und führt zu Darmbeschwerden wie Blähungen und Durchfällen. Im Handel werden die dafür speziellen Produkte mit "lactosefrei" und einem Sternchen gekennzeichnet, da immer ein Rest-Lactosegehalt besteht. Diese Unverträglichkeit ist mengenabhängig und "nur sehr wenige Personen mit einer Intoleranz müssen komplett auf Lactose verzichten", sagt Restemeyer.

Die ausgezeichneten Produkte sind also nur sinnvoll, wenn die Alternativen viel Lactose enthalten, wie Milch und Creme fraiche. Angela Clausen von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen sagte: "Bei diesen 'Frei von'-Produkten wurde die Lactose im Vorfeld durch den Zusatz des Enzyms Lactase gespalten. Es entstehen die zwei Einfachzucker Glucose und Galactose und die Milch wird etwas süßer."

Glutenfreie Produkte: Darauf müssen Sie achten

Die Zöliakie dagegen ist eine schwere Darmerkrankung, bei der sich Betroffene strikt ohne Gluten, also Klebereiweiß, ernähren müssen. Bei glutenfreiem Brot beispielsweise "werden die gängigen Getreidesorten wie Dinkel oder Weizen rausgenommen, weil sie Gluten enthalten und durch Pseudo-Getreide wie Hirse oder Quinoa ersetzt", sagte Ökotrophologin Lämmel. Und weiter: "Aber damit geht der Teig nicht mehr auf, also arbeiten die Hersteller mit Trieb- oder Verdickungsmitteln.»"

Außerdem haben einige glutenfreie Lebensmittel einen vergleichsweisen höheren Fettgehalt, während der Anteil an Ballaststoffen, Vitaminen und Mineralstoffen geringer ist, sagte Restemeyer. "Ich sage meinen Patienten immer, dass sie nicht eins zu eins auf Ersatzprodukte umstellen, sondern generell weniger Kohlenhydrate zu sich nehmen sollten", ergänzte Lämmel.

Auch deswegen ist ein freiwilliger Verzicht auf glutenhaltige Lebensmittel nicht ratsam, wie es in Zeitschriften oder Erfahrungsberichten im Internet oft heißt. Verbraucherschützerin Clausen: "Den Leuten wird eingeredet, dass sie sich mit dem Kauf eines Ersatzproduktes etwas Gutes tun und dass normales Getreide dick oder krank macht. Das kritisieren wir."

Unnötiger Hype um Ersatzprodukte

Laut dem Ernährungsmediziner Hans Hauner von der TU München leiden nur etwa 0,5 bis 1 Prozent der Deutschen an einer echte Glutenunverträglichkeit, also eine Zöliakie. In Frankreich glauben aber mittlerweile schon 30 Prozent, dass sie Gluten nicht vertragen würden. Hauner: "Bei uns wird die Zahl ähnlich sein, hier werden ja die gleichen Blogs gelesen und den gleichen Stars zugehört."

Denn auch die Prominenten erklärten oft, dass man so schlank werde, sagte Lämmel: "Aber man muss sich immer die Ernährung im Ganzen anschauen. Warum geht es den Menschen besser, wenn sie die Glutenlast reduzieren? Sie essen damit weniger Kohlenhydrate, was die Bäuche ruhiger machen kann."

Ähnlich ist es bei lactosefreien Produkten. Die DGE und das Bundeszentrum für Ernährung zitieren eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung, wonach rund 80 Prozent der Käufer von lactosefreien Lebensmitteln keine nachgewiesene Intoleranz haben. Doch hier gibt es noch ein anderes Problem: "Ich kann mir selbst eine Unverträglichkeit heranzüchten", sagt Lämmel, und ergänzt: "Wenn ich meinem Körper längere Zeit keinen Milchzucker gebe, verlernt er, diesen zu spalten."

"Frei von" als Werbestrategie

Trotzdem ebbt dieser Hype nicht ab – und die Industrie zieht daraus ihren eigenen Nutzen. Gab es vor 15 Jahren kaum "Frei von"-Produkte, werden nun sogar Produkte, die von Natur aus lactose- oder glutenfrei sind, damit gekennzeichnet. "Wir haben schon Mineralwasser gefunden, auf dem glutenfrei stand", sagte Verbraucherschützerin Clausen. Man spiele mit dem Unwissen der Käufer, so Clausen.

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