Einseitige Ernährung schuld? : Er ernährte sich nur von Pommes und Chips: Jugendlicher fast taub und blind

Weil ein Junge sich ausschließlich von Pommes und Chips ernährt hat, ist er heute fast blind und taub.
Weil ein Junge sich ausschließlich von Pommes und Chips ernährt hat, ist er heute fast blind und taub.

Ärzte machten den Fall in einem Fachjournal öffentlich.

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03. September 2019, 21:59 Uhr

London | Ein Junge aus Großbritannien soll sich jahrelang im Wesentlichen von Pommes und Chips ernährt haben. Er ignorierte Warnungen von Ärzten, weigerte sich, Obst, Gemüse oder Vitaminpräparate zu essen. Nun ist sein Sehnerv geschädigt. Zudem ist er fast taub. Wie die britische BBC berichtet, sei der Junge normalgewichtig, aber dabei vollkommen mangelernährt. Der Fall wurde im US-Fachjournal "Annals of Internal Medicine" vorgestellt. Der Tagesspiegel berichtete in Deutschland zuerst über diesen besonders krassen Fall der Mangelernährung. (Lesen Sie auch: Eltern wegen streng veganer Ernährung der Tochter verurteilt)

Eine Portion Pommes am Tag

Der Speiseplan des 17-jährigen Jungen ist erschreckend: Der Teenager habe sich "von einer Portion Pommes täglich aus dem örtlichen 'Fish and Chips'-Laden" ernährt, zitiert die BBC zitiert die behandelnde Ärztin Denize Atan von der Augenklinik in Bristol. Außerdem habe er Chips gegessen, gelegentlich Weißbrot oder eine Scheibe Schinken. Obst oder Gemüse aß er jedoch nie.

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Der Hausarzt des Jungen (heute 19) stellte bei ihm bereits vor fünf Jahren einen Vitamin B12-Mangel fest. Der Junge ignorierte jedoch die Ratschläge, gesünder zu essen oder wenigstens Vitaminersatzpräparate zu nutzen (auch wenn die Ärzte betonen, dass diese Präparate die Ernährung lediglich unterstützen, aber keine ausgewogene Ernährung ersetzen können). Der Junge erklärte laut der Augenärztin, er habe eine Aversion gegen die Konsistenz vieler Lebensmittel. Laut dem Fachbericht leidet der Betroffene an der Essstörung ARFID (Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder, deutsch: Vermeidende/Einschränkende Ernährungsstörung).

Der "Independent" zitierte seine Mutter mit den Worten: "Er hat kein Sozialleben, er musste sein Studium abbrechen, weil er nichts hört oder sieht. Es ist ein Albtraum."

Gehör und Sehfähigkeit eingeschränkt

Im Alter von 15 Jahren klagte der Junge über eine Einschränkung beim Sehen und Hören. Erst zwei Jahre später stellten Ärzte fest, dass der Sehnerv irreparabel geschädigt war. Die Autoren der Studie betonen, dass mit einer schlechten Ernährung häufig Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Übergewicht oder Krebs in Verbindung gebracht würden. Jedoch könne sie ebenso das Nervensystem (vor allem den Sehnerv) schädigen, besonders in Kombination mit Rauchen oder Trinken.

Zweifel an den Darstellungen der Ärzte

Der Ernährungsforscher Stefan Kabisch vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam hält den beschriebenen Zusammenhang zwischen Fehlernährung und Seh- und Hörverlust allerdings für nicht wahrscheinlich. Auch Hans Konrad Biesalski von der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin meint, dass vermutlich andere gesundheitliche Auffälligkeiten die Beschwerden zumindest mitverantworten.

Er denke nicht, dass die Seh- und Hörprobleme des Patienten allein mit seiner Ernährung zu tun haben, sagt hingegen Stefan Kabisch vom DIfE. Es sei keine Frage, dass sich der Junge nicht gesund ernährt habe. "Seine Vitamin-Werte sind dafür aber immer noch relativ gut, sie liegen im niedrigen Normalbereich und können meines Erachtens die Seh- und Hörstörungen nicht erklären."

Stoffwechselstörung vermutet

Bei Menschen mit einem massiven Mangel an Vitamin B12 komme es etwa zu Kribbeln in den Füßen und später zu Gangstörungen. Im beschriebenen Fall seien solche Beschwerden nicht aufgetreten. Womöglich habe der Patient eine Stoffwechselstörung, die dazu führe, dass er das aufgenommene Vitamin B12 nicht ausreichend nutzen könne. Die Ernährung liefere also trotz der schlechten Nahrungsauswahl genügend Vitamin B12, der Körper verwerte es nur nicht korrekt. Die weiteren Mangelerscheinungen hätten ein eigenständiges Potenzial für Gesundheitsstörungen, könnten aber den Gehör- und Sehverlust auch nicht sinnvoll erklären.

Ernährungswissenschaftler Biesalski weist darauf hin, dass Lebensmittel wie die beschriebenen bei hoher Energiedichte nur eine geringe Nährstoffdichte haben. Er vermutet, dass bei dem Patienten zu der schlechten Ernährung weitere Probleme hinzukommen, wie etwa eine ungünstige genetische Veranlagung. "Dass eine langfristige sehr schlechte Ernährung eine Schädigung des Sehnervs nach sich zieht, ist bekannt, wenn auch sehr selten. Meist tritt das im Zusammenhang mit exzessivem Alkoholkonsum auf." Dennoch sollten Augenärzte bei unklarem Sehverlust auch an die Ernährung denken, auch bei normalgewichtigen Patienten.

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