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Lesertelefon : „Es ist so wichtig, darüber zu reden“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Gestern war Welttag der Suizidprävention / Experten beantworteten Fragen während unseres Telefonforums und gingen auf die Sorgen der Leser ein

svz.de von
erstellt am 10.Sep.2014 | 20:55 Uhr

Ein Arbeitskollege war nach mehreren Suizidankündigungen viele Wochen im Krankenhaus. Jetzt arbeitet er wieder. Aber wir haben den Eindruck, dass es ihm noch nicht gut geht. Wie können wir uns verhalten?

Sprechen Sie Ihren Kollegen an und sagen Sie ihm, dass Sie sich Sorgen machen und unsicher sind, wie Sie sich ihm gegenüber verhalten sollen. Fragen Sie ihn direkt, welche Unterstützung er von den Kollegen benötigt, was ihm guttut und was nicht. In größeren Betrieben gibt es inzwischen oft auch eine betriebliche Gesundheitsförderung, über die auch Beratungsangebote bei psychosozialen und anderen Problemen angeboten oder vermittelt werden. Wichtig ist, dass Sie die Situation Ihres Kollegen nicht ignorieren, sondern mit ihm im Gespräch sind.

Liegt eine Depression vor, kann eine Behandlung manchmal eine längere Zeit in Anspruch nehmen. Selbst bei erfolgreicher Behandlung kann die Belastbarkeit noch über Monate eingeschränkt sein. In solchen Fällen wird oft das Hamburger Modell zum Wiedereinstieg in den Beruf empfohlen: Der Betroffene arbeitet anfangs nur zwei oder vier Stunden, ohne dass der Firma finanzielle Probleme dadurch entstehen. Manchmal ist auch die Wiederaufnahme in die Klinik erforderlich. Zum Beispiel, um die medikamentöse Behandlung zu intensivieren. Insgesamt sind die Chancen auf eine längerfristige Besserung bei den meisten Betroffenen sehr gut.

Ich mache mir Sorgen um meinen 41-jährigen Sohn, der seit vielen Jahren allein lebt, arbeitslos ist, zunehmend Ängste vor Behörden entwickelt. Jetzt gibt es Probleme mit dem Jobcenter, deshalb hat er nun gedroht, sich das Leben zu nehmen. Wir als Eltern kommen nicht mehr an ihn heran. Ich vermute, dass er depressiv ist, er will aber auf gar keinen Fall zu einem Arzt gehen.
Ich kann gut verstehen, dass Sie sich deshalb Sorgen machen, vor allem weil Ihr Sohn weit entfernt lebt. In dem Gesundheitsamt in Ihrer Kreisverwaltung gibt es einen Sozialpsychiatrischen Dienst (SpDi), in dem ein Nervenarzt und ein Sozialarbeiter tätig sind. Dort können Sie als Eltern anrufen, Ihre Sorgen schildern und mit den Mitarbeitern zusammen überlegen, auf welche Weise eine Kontaktaufnahme zu Ihrem Sohn am sinnvollsten möglich ist. Die Mitarbeiter des SpDi haben die Aufgabe und die Möglichkeit, Menschen aufzusuchen, bei denen psychische und andere Probleme aufgetreten sind. Sie werden sowohl versuchen, Ihren Sohn in Bezug auf das Jobcenter zu unterstützen, als auch gegebenenfalls eine weiterführende Behandlung zu vermitteln.
Ich habe über den Weltsuizidpräventionstag gelesen und bin sehr traurig geworden. Mein Vater hat sich vor 24 Jahren das Leben genommen, damit komme ich immer noch nicht zurecht. Am Anfang habe ich nicht gewusst, dass auch ich Hilfe brauche. Bis heute wissen ganz wenige von dem Suizid, nicht einmal meine Kinder. Und mir fällt es bis heute schwer, Worte dafür zu finden und ich weiß auch nicht, mit wem ich darüber reden könnte.
Damals hat Ihre Mutter Hilfe bekommen und Sie als Tochter waren mit Ihrem Schmerz allein. Bis heute suchen Sie nach einer Möglichkeit, die Trauer zu bewältigen. Bei der Telefonseelsorge können Sie jederzeit anrufen und versuchen, für Ihre Gefühle und Gedanken Worte zu finden, um auch nach einer so langen Zeit zu lernen, darüber zu reden und zu spüren, dass das wichtig und gut ist. Gemeinsam mit dem Telefonseelsorger können Sie auch besprechen, ob weitergehende Hilfe wie zum Beispiel eine Angehörigengruppe nach Suizid oder eine psychotherapeutische Begleitung für Sie wichtig sein kann.
Ein Bekannter hat mir gegenüber angedeutet, dass es ihm nicht gut geht und er überlegt, ob er seinem Leben ein Ende setzen sollte. Wie soll ich mich verhalten? Kann ich das Thema Suizid direkt ansprechen oder bringe ich ihn damit erst richtig auf den Gedanken?
Wenn Sie es sich zutrauen, dieses Thema gegenüber Ihrem Bekannten anzusprechen, ist dies der direkte Weg, ihm eine Brücke zur Entlastung zu bauen. Sie brauchen nicht zu befürchten, dass Sie ihn dadurch tatsächlich erst auf den Suizidgedanken bringen. Dadurch, dass Sie den Mut haben, dieses Thema anzusprechen, sagen Sie Ihrem Bekannten, dass er Ihnen wichtig ist und Sie Sorgen um ihn haben und ihm helfen wollen. Oft ist das schon der erste Schritt heraus aus der Krise. Falls Sie sich selbst nicht trauen, das Gespräch zu führen, überlegen Sie, ob es Menschen gibt, die Sie um Unterstützung bitten können und die Sie für kompetent halten, zum Beispiel Seelsorger. Sie können sich in diesem Fall auch an den Sozialpsychiatrischen Dienst in dem Gesundheitsamt wenden, in dessen Zuständigkeitsbereich Ihr Bekannter wohnt.
Ich mache mir Sorgen um einen Freund, der mir gegenüber von seinen großen Problemen berichtet hat, die er nicht mehr bewältigen kann. Beim letzten Treffen war er sehr verzweifelt. Seitdem erreiche ich ihn weder per Telefon, noch per E-Mail. Ich habe Angst, dass er sich etwas angetan hat.
Bei Gefahr für Gesundheit und Leben ist die Leitstelle unter Telefon 112 der richtige Ansprechpartner. Von dort aus kann der Einsatz eines Notarztes ausgelöst werden. Bedenken, dass Sie gegen den Willen Ihres Freundes handeln, kann ich nachvollziehen. Aber für mich hätte Vorrang, das Leben des Freundes zu retten, selbst auf die Gefahr hin, dass ich ihn gegebenenfalls als Freund verliere.
Wegen meiner vielen Probleme bin ich, glaube ich, depressiv geworden. Ich habe schon oft überlegt, ob es nicht das Beste wäre, meinem Leben ein Ende zu setzen. Aber eigentlich möchte ich doch lieber weiterleben. Eigentlich würde ich gerne in eine Klinik gehen, aber ich habe Angst, dass man mich gleich in die geschlossene Psychiatrie steckt. Stimmt das?
Nein, diese Sorgen brauchen Sie nicht zu haben. Auf einer geschlossenen Station einer psychiatrischen Klinik werden nur die Menschen behandelt, die krankheitsbedingt einer Behandlung nicht zustimmen können und daher die Klinik verlassen wollen, obwohl weiterhin das Risiko einer Eigen- oder Fremdgefährdung besteht. Nur in solchen Fällen kann ein Richter anordnen, dass jemand in der geschlossenen Station untergebracht wird. Sie haben dagegen selber ein Interesse daran, dass Ihnen geholfen wird. Daher würde der aufnehmende Arzt in der Klinik mit Ihnen zusammen überlegen, welche Station für Sie in Ihrer Situation die geeignete Behandlung anbieten kann.
Wenn ich mit Suizidgedanken in der Telefonseelsorge anrufe, muss ich dann befürchten, dass Sie auch gegen meinen Willen und ohne mein Wissen ein Rettungsfahrzeug rufen?
Nein, das müssen Sie nicht. Sie bleiben vollkommen anonym. Wir sehen auf dem Display keine Rufnummer von Ihnen, haben so keine Adresse, an die wir Hilfe schicken können. Das, was wir aber miteinander haben, ist das Gespräch über Ihre Situation. Meine Erfahrung ist, dass es zunächst sehr entlastend ist, über die eigenen Suizidgedanken mit jemandem zu reden, der auch anonym bleibt und man so nicht befürchten muss, sich später hierfür rechtfertigen zu müssen. In einem Seelsorgegespräch können wir Ihre Lebenssituation nicht grundlegend verändern, aber durch das Gespräch kann sich die Sicht auf die Situation verändern. Die aussichtslosen Grübeleien können unterbrochen werden und neue Impulse können entstehen.
Ich rufe seit 23 Jahren bei der Telefonseelsorge immer dann an, wenn es mir besonders schlecht geht. Dann bin ich besonders verletzbar und brauche mehr Schutz als sonst. Wie kann ich erkennen, ob der Mensch auf der anderen Seite mich wirklich ernst nimmt und ob ich ihm vertrauen kann?
Diese Frage ist von zentraler Bedeutung, sowohl im Beratungs- und Therapiekontext als auch bei der Telefonseelsorge und ist leider immer nur individuell zu beantworten. Vertrauen Sie Ihrem Bauchgefühl, dieses weiß sehr gut, ob es für Sie stimmt oder nicht. Wenn nicht, haben Sie den Mut, das Gespräch zu beenden. Aber geben Sie die Suche nicht auf und versuchen Sie es später wieder.

Bin ich krank, wenn ich über Suizid nachdenke?

Suizidgedanken sind Ausdruck des Wunsches, dass eine schwer auszuhaltende Situation sich verändern soll. Diese Gedanken haben zunächst keinen Krankheitswert, sondern werden von fast allen Menschen mindestens einmal in ihrem Leben gedacht. Grenzsituationen gehören zum menschlichen Leben dazu. Problematisch wird es, wenn sie sich verfestigen und nur noch um den Suizid kreisen. Dann ist es unbedingt wichtig, Hilfe zu suchen und anzunehmen. Das ist ein schwerer Schritt. Unterstützung von außen anzunehmen, müssen wir lernen. Niemand kann alles alleine. Auslöser für Suizidgedanken können aber auch im Rahmen psychischer Erkrankungen wie Depressionen, Psychosen oder Suchterkrankungen auftreten, die unbedingt ärztlicher Behandlung bedürfen.

Mein Ehemann hat sich im März dieses Jahres das Leben genommen. Das war ganz furchtbar für mich. Ich habe gehofft, dass ich mit der Zeit darüber hinwegkommen würde, habe auch mit unseren Kindern und mit meiner Freundin viel darüber gesprochen. Trotzdem ist es mir Monat für Monat immer schlechter gegangen. Ich weine jetzt viel, habe starke Schlafstörungen und will eigentlich gar nicht mehr aus dem Haus gehen. Was soll ich tun?
Dies klingt so, als wenn sich aus der nachvollziehbaren Trauer heraus jetzt eine depressive Symptomatik entwickelt hat. Ich würde Ihnen raten, dass Sie einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie aufsuchen. Dieser kann entscheiden, ob eine ambulante Behandlung ausreichend ist oder auch eine Behandlung in einer Klinik oder Tagesklinik vermitteln.





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