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Lesertelefon : Erst muss die Sucht zur Qual werden

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Heute geht es bei unserem Lesertelefon Extra um das Thema Sucht. Viele Suchtkranke sehen in ihrem Alkohol- oder Drogenkonsum kein problematisches Verhalten. Experten beantworteten Leserfragen.

svz.de von
erstellt am 18.Apr.2012 | 08:31 Uhr

Wie kann ich meine Frau vom Alkohol abbringen? Ist mein Sohn schon computersüchtig, wenn er am Wochenende fast den ganzen Tag über ein neues Spiel spielt? Was soll ich tun, wenn mein Mann unser Geld verspielt? Diese und andere Fragen zur Sucht beantworteten die Suchttherapeutinnen Beate Lüttge und Antje Stang sowie der Diplompsychologe Tom Skibbe von der Suchtberatungsstelle der Suchthilfezentrum gGmbH "Haus der Begegnung Neubrandenburg".

Meine Schwester hat seit Jahren ein großes Alkoholproblem. Wie kann ich ihr helfen?

Sie haben wahrscheinlich schon oft versucht, ihr zu helfen, und die Hilfe ist abgelehnt worden. Ihre Schwester sieht die Probleme wahrscheinlich gar nicht. Was Sie tun können, ist, Ihre Hilfe anzubieten, wenn es darum geht, dass ihre Schwester suchtspezifische Angebote annehmen möchte. Versuchen Sie, den Kampf um den Alkohol aufzugeben. Widmen Sie sich selbst. Sie können Ihre Schwester nicht ändern und nicht zwingen.

Mein Sohn (12 Jahre) hat zum Geburtstag ein neues Computerspiel bekommen. Er sitzt nun am Wochenende den ganzen Tag vor dem PC und spielt. Muss ich jetzt Angst haben, dass mein Kind computerspielsüchtig wird?

Ein neues Computerspiel ist für ihr Kind natürlich sehr interessant und spannend. Ihr Kind ist fasziniert vom neuen Spiel und möchte es zu Ende spielen. Meist ist es so, dass das Interesse schnell abflaut. Das lange Spiel am PC kann nur eine Phase sein und sollte keinen Grund zur Sorge bieten.

Gedanken um das Spielverhalten Ihres Kindes sollten Sie sich dann machen, wenn schulische und häusliche Pflichten vernachlässigt werden, wenn sonst wichtige Interessen, Hobbys und soziale Kontakte in den Hintergrund rücken. Holen Sie sich in diesem Fall professionellen Rat bei Fachleuten.

Ich habe vermutlich ein Alkoholproblem, habe dazu im Internet einen Test ausgefüllt. Ich schaffe es nicht, ganz auf Alkohol zu verzichten. Brauche ich eine stationäre Entgiftung?

Sprechen Sie in jedem Fall mit dem Arzt Ihres Vertrauens. Der Arzt wird das entgegengebrachte Vertrauen sehr gern annehmen und sie beraten.

Ob eine ambulante oder eine stationäre Entgiftung sinnvoll ist, entscheidet der Arzt aus medizinischer Notwendigkeit. Ein Entzug könnte auch mit Komplikationen verbunden sein. Deshalb ist ärztliche Hilfe notwendig.

Der Entzug bezieht sich aber ausschließlich auf körperliche Symptome. Die psychische Abhängigkeit kann in einer anschließenden Entwöhnungsbehandlung behandelt werden. Die Behandlungsdauer beträgt zwölf Wochen. Der Antrag muss beim zuständigen Rentenversicherungsträger gestellt werden. Dabei unterstützt Sie Ihre Suchtberatungsstelle.

Mein Schwiegersohn ist Schauspieler. Um sein Lampenfieber besser zu ertragen, kifft er immer wieder. Das bereitet mir Sorgen.

Konfrontieren Sie Ihren Schwiegersohn mit Ihrer Sorge. Bringen Sie ihm gegenüber Ihre Wertschätzung zum Ausdruck und machen Sie gleichzeitig deutlich, dass sein Konsumverhalten für Sie inakzeptabel ist. Verdeutlichen Sie, dass der Versuch problematisch ist, seine unangenehmen Gefühle vor einem Auftritt über den Drogenkonsum zu regulieren. Irgendwann wird er diese Gefühle ohne den Konsum der Droge gar nicht mehr aushalten. Damit wären die ersten Schritte auf dem Weg in die Abhängigkeit beschritten. Machen Sie darauf aufmerksam, dass er eine Mitverantwortung dafür trägt, dass Sie sich sorgen.

Mein Enkel ist nach einer Drogentherapie und anschließender Abstinenz wieder rückfällig geworden. Jetzt steht seine Wohnungsräumung an. Er lässt sich nicht helfen. Wie kommen wir an ihn heran? Es ist so schwer, als Angehöriger zusehen zu müssen, wie der eigene Enkel immer weiter abstürzt.

Versuchen Sie Ihrem Enkel immer das Gefühl zu vermitteln, dass er jederzeit zu Ihnen kommen kann, wenn er Hilfe zum Ausstieg aus der Drogenszene braucht. Sie helfen ihm nicht, wenn sie ihm unter anderem Sorgen abnehmen, Schulden bezahlen, Geld leihen… So schwer es auch ist - wenn jemand keine Hilfe annehmen möchte, können wir alle nicht helfen. Ein Süchtiger ändert erst dann sein Verhalten, wenn die Qual der Sucht größer wird als die Qual des Aufhörens. Um mit der Enttäuschung besser fertig zu werden, müssen Sie begreifen, dass auch Sie gegenüber der Krankheit genauso machtlos sind wie der Betroffene selbst.

Meine Frau hört einfach nicht auf zu trinken. Es ist mir oft sehr peinlich. Meine Freunde raten mir, sie einfach fallen zu lassen. Aber das kann ich nicht. Wir sind schließlich 26 Jahre miteinander verheiratet.

Einerseits wollen Sie Ihre Frau nicht fallen lassen, andererseits kann es so aber auch nicht weitergehen. Vermutlich sind Ihre bisherigen Hilfeversuche gescheitert. Sie konnten Ihre Frau nicht ändern, aber Sie können sich ändern.. Das bedeutet, dass Sie nicht länger die Aufgaben und die Verantwortung für Ihre Frau übernehmen. Sie muss spüren, dass Sie die Verantwortung für ihr Leben selbst übernehmen muss. Alkoholkranke sind in der Regel davon überzeugt, dass sie ihren Alltag allein meistern können und sehen ihr Problem als gar nicht so schlimm. Durch das Nichthelfen helfen Sie Ihrer Frau zu erkennen, wo sie im Moment steht. Die Konsequenzen ihres Alkoholkonsums werden für sie sichtbar. So entsteht ein Leidensdruck bei Ihrer Frau, der für eine Veränderung Vo raussetzung ist. Bieten Sie ihr Begleitung beim Aufsuchen von Hilfen an. Machen Sie ihr deutlich, dass Sie mit ihrem Alkoholproblem ihr Leben nicht meistern kann.

Mein Mann steckt unser Geld regelmäßig in Spielautomaten. Ich habe Angst, dass wir uns irgendwann verschulden. Was kann ich tun?

Wichtig ist, dass Sie Ihrem Mann kein Geld borgen. Sie helfen ihm nicht, wenn Sie seine Schulden bezahlen oder für ihn lügen. Er muss die Konsequenzen, die aus seinem Spielverhalten entstehen, allein tragen. Sprechen Sie mit ihm und machen ihm klar, welche Konsequenzen sein Verhalten gegenüber der Familie hat. Machen Sie ihm keine Vorhaltungen und diskutieren Sie nicht über das verlorene Geld. Es ändert nichts an der Situation. Suchen Sie sich Hilfe bei einer Suchtberatung.

Ich nehme seit Jahren das Schmerzmittel Tramal. Bereits vor einiger Zeit habe ich gemeinsam mit meinem Hausarzt versucht, das Opiat auszuschleichen. Das ist wegen der Entzugserscheinungen jedoch nicht gelungen. Ich selbst glaube, weil ich im Kopf dazu noch nicht bereit war.

Unter diesen Umständen sollten Sie mit Ihrem Hausarzt darüber nachdenken, ob statt einer ambulanten nicht eine stationäre Entzugsbehandlung geeigneter für Sie wäre. Im Rahmen des Schutzes einer Station können die emotionalen Krisen, die sich im Verlauf eines Entzugs ergeben, in unterstützenden Gesprächen aufgefangen werden. Gleichzeitig fallen dort die zusätzlichen Alltagssorgen als Extrabelastung zunächst weg. Eine Entgiftungs- bzw. Entzugsbehandlung ist jedoch allein in der Regel nicht hinreichend. Sie richtet sich vorwiegend auf die körperliche Seite der Abhängigkeit. Für die psychische Bewältigung der Sucht, auch auf längere Sicht, ist in der Regel eine Entwöhnungsbehandlung notwendig, die auf psychotherapeutischer Ebene eine langfristig tragfähige Abstinenz sichern hilft.

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