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Demokratischer Kindergarten : Wo Kinder entscheiden

vom
Aus der Onlineredaktion

In Deutschlands erstem demokratischen Kindergarten regelt eine Verfassung den Alltag.

svz.de von
erstellt am 18.Mär.2017 | 16:00 Uhr

Noah (6) kommt ins Zimmer und geht zu zwei Holzrahmen auf dem Tisch. In dem einen liegt ein fröhlicher, in dem anderen ein trauriger Smiley. Der obere Rahmenbereich ist mit Papier bedeckt. Er legt beherzt einen kleinen Stein auf das fröhliche Gesicht und verlässt den Raum. Die Erzieherin Marion Maaß schiebt den Stein unter das Papierblatt, und Emilia (5) kommt hinein – sie tut es Noah gleich. So geht es, bis alle sechs Kinder aus dem Kinderrat ihre Stimme abgegeben haben.

Das Szenario beschreibt eine geheime Wahl im Pinneberger Awo-Kindergarten (Kita) Dolli-Einstein-Haus (Schleswig-Holstein), der ersten demokratischen Kita in Deutschland. Am Ende kommen die Kinder zusammen wieder herein und die Erzieherin hebt die weißen Blätter von den Rahmen. Alle Steine befinden sich beim lachenden Smiley. Die Frage, ob weiterhin ein Gruppentausch stattfinden soll, wurde einstimmig mit „Ja“ beantwortet. „Also machen wir das“, sagt Pia (5) zufrieden. Sie darf nun am Whiteboard ein kindgerechtes Symbol für die Entscheidung anmalen, fürs Protokoll. Das malen die Ratskinder in ihrer Funktion als „Weitersager“ ab und bringen es dann ihren Gruppen mit.

Der Kinderrat ist ein festes, in der Verfassung des Kindergartens verankertes demokratisches Organ, das einmal monatlich zu wichtigen Themen des gruppenübergreifenden Kitalebens Probleme kindgerecht bespricht, Lösungen findet und darüber abstimmt. Er besteht aus je zwei Kindervertretern der Gruppen, die von eben diesen in den Kinderrat gewählt werden. Gruppeninterne Belange werden wöchentlich im Gruppenrat entschieden. Für individuelle Probleme können Kinder Beschwerdezettel einreichen: Auf ein vorgedrucktes Formular zeichnet das Kind sein Problem und bespricht es mit der Erzieherin. Jeder Antrag wird den Verantwortlichen weitergeleitet, besprochen und dann bewilligt, dem Kind verändert vorgelegt oder begründet abgelehnt.

„Man muss es nicht höher hängen, als es ist“, kommentiert Leiterin Ute Rodenwald das System. „Kinder in Entscheidungen mit einzubeziehen ist nichts bahnbrechend Neues. Aber durch unsere Verfassung, Strukturen und klare Rechte und Pflichten entsteht eine neue Sicherheit. Dem Ganzen ist die Willkür des Erziehers genommen.“ Hier zeigt sich, dass Partizipation und Demokratie im Kindergarten nichts mit Grenzenlosigkeit zu tun haben, im Gegenteil. Auf die Einhaltung der gemeinsam erarbeiteten Regeln achtet jeder – Erzieher und Kindern untereinander. Kinder müssen sich selbst eine Meinung bilden und diese auch äußern. Soll ein Kind im Rahmen einer Ratssitzung entscheiden, ob Cowboys, Indianer und Co. zum Fasching Waffen mitbringen dürfen, muss es sich fragen: Was kann passieren? Kann ich das mit meiner Entscheidung verantworten? Und so kommen die Kinder in der Ratssitzung selbst darauf, die Patronen zu Hause lassen.

„Der Punkt ist die Dezentralisierung von Macht“, erläutert Rodenwald. Die Partizipation sei ein wirksames Instrument, Machtkämpfe zu vermeiden, die unbedingt gewonnen werden müssten, weil sonst der Verlust der erzieherischen Autorität drohe. Die Regeln und Absprachen zeigen sich in der Kita des Dolli-Einstein-Hauses als eine Alternative. Durch die verbindliche Verfassung werden Grenzen gewahrt, und trotzdem kann auf rein personenbezogene Autoritäten weitgehend verzichtet werden.

Es ist zu beobachten, wie Kinder Verantwortungsgefühl in einem sicheren Rahmen kennen lernen, ihr Urteilsvermögen schulen und motiviert werden, ihre Meinung zu bilden und zu äußern. Laut Rodenwald entwickelten sie so nicht nur wichtige Fähigkeiten, sondern wüchsen zu Persönlichkeiten heran, die für eine demokratische Gesellschaft gebraucht würden. „Ich erinnere gerne an Willy Brandts Aussage: ‚Mehr Demokratie wagen‘. Dass die Leute sich in der heutigen Gesellschaft nicht mitgenommen fühlen, hat einen Grund“, so Rodenwald. Überzeugt war auch Sozialministerin Kristin Alheit (SPD): Im Januar zertifizierte sie das Dolli-Einstein-Haus als erste von acht schleswig-holsteinischen Kitas offiziell zur „Demokratie-Kita“.

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