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Neue Ehrlichkeit : Wir bereuen unsere Kinder!

vom
Aus der Onlineredaktion

Eltern gestehen, dass sie ihre Sprösslinge lieber nicht bekommen hätten. Der Gipfel einer neuen Ehrlichkeit

svz.de von
erstellt am 04.Sep.2016 | 09:00 Uhr

Eltern bereuen ihre Kinder. Und Deutschland hört nicht auf zu diskutieren. Das Buch „Regretting motherhood“ hatte im vergangenen Jahr die Debatte entfacht: Die israelische Soziologin Orna Donath interviewt darin 23 Frauen, die zwei Dinge gemeinsam haben: Sie sind Mütter. Und sie bereuen es. Sie lieben ihre Kinder, sagen sie. Aber sie würden, stünden sie vor der Wahl, sie nicht noch einmal bekommen.

In Deutschland, mehr als in anderen Ländern, schlugen die Wellen hoch: Endlich traut sich mal jemand, so etwas zu sagen, fanden die einen. Herzlos!, echauffierten sich die anderen. Eine Journalistin der „Zeit“ warf jenen Müttern vor, sie sähen ihre Kinder als Wellness-Schädlinge ihres optimierten Lebens – und sollten aufhören zu jammern. Andere Kolumnistinnen begrüßten das Buch als Ausgangspunkt einer Diskussion über Mutterschaft. Und eine Soziologin erklärte, die Geständnisse hätten mit dem überfrachteten Mutterbild zu tun; die Ansprüche an Mütter seien einfach zu hoch.

Kürzlich bekam die Debatte dann neuen Zunder, denn, wenig überraschend: Auch in Deutschland gibt es reumütige Eltern. Eine Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov zeigte, dass sogar ein Fünftel der Eltern in Deutschland keine Kinder bekommen würden, wenn sie noch einmal entscheiden könnten.

Die Aussage ist für viele schwer verständlich, klingt grausam – und liegt im Trend. Denn die Zeiten, in denen man Kinderfrust nicht beim Namen nennen durfte, sind vorbei. Mütter reden heute mit Hingabe darüber, wie schön es ist, mal ganz ohne den Nachwuchs auf dem Sofa zu liegen, Essen zu gehen oder in den Urlaub zu fahren. Natürlich erzählen sie immer noch gern, was ihr Sprössling schon Tolles kann. Aber sie geben auch zu, dass er jeden Morgen beim Haarebürsten brüllt und überhaupt furchtbar bockig ist. Ja, inzwischen ist es fast schon schick, endlich mal die Wahrheit zu sagen über Kinder: Dass sie anstrengend sind. Dass sie kleine Tyrannen sind. Dass sie uns den letzten Nerv rauben. Gefühlt erscheinen wöchentlich Bücher zum Thema: Sie heißen „Kinderkacke“, „Die Mutterglück-Lüge“ oder „Gleich klatscht es, aber keinen Beifall“, und in ihnen ist – mal witzig, mal blöde – nachzulesen, wie uns das Leben ohne Tiefschlaf, aber mit Babybrei auf der Bluse umhaut.

Sich nicht nur über Kinder zu beschweren, sondern sie gänzlich zu bereuen, ist letztlich der Gipfel dieser neuen Ehrlichkeit – und durchaus befreiend. Denn natürlich muss gesagt werden, was ist. Veränderung und Verständnis gibt es schließlich nur, wenn alles auf den Tisch kommt: die Überforderung. Die fehlende Leichtigkeit. Das Ringen um die richtige Erziehung. Eine Arbeitswelt, die Vätern immer noch keine Stundenreduzierung verzeiht – und Müttern nur auf Kosten der Karriere. Leute, die sich über bereuende Eltern aufregen, über laute Kinder aber auch.

Eltern, die sehen, dass es anderen genauso geht, gehen entspannter in die nächste Runde mit ihrem Wildfang. Eltern, die keine Kinder möchten, fällt es leichter, dem gesellschaftlichen Druck („Keine Kinder? Werdet ihr das nicht bereuen?!“) zu widerstehen. Aber wie jeder Trend löst auch dieser irgendwann einen Abwehrmechanismus aus. Wenn man eine halbe Stunde mit einer Freundin über seine Kinder lamentiert hat, die nebenan friedlich spielen, kommt der Punkt, an dem man sich fragt, was man hier eigentlich tut. Wenn man auf das x-te Buch stößt, das das Leben mit Kind als Martyrium schildert, empfindet man das Buch selbst als Martyrium.

Deshalb: Es ist gut, dass Eltern endlich ehrlich sein können. Und sie sind auch nicht grausam, wenn sie ihre Kinder bereuen – sofern sie denen das nicht auf die Nase binden. Doch während wir uns abarbeiten und beklagen, sollten wir doch nicht zulassen, dass das so groß gewordene Lamento unseren Blick trübt für das riesenhafte Glück, das uns unsere Kinder geben. Und wir sollten nicht vergessen, dass Elternsein neuerdings nicht nur anstrengend sein, sondern auch immer noch Spaß machen darf.

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