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Eltern und Kind

22. November 2017 | 03:09 Uhr

Erziehung : Wie sicher leben Kinder heute?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Welt wird für Kinder immer gefährlicher – glauben viele Eltern. Aber stimmt das?

Straßenverkehr, Unfälle, Gewalt: Die Welt wird für Kinder immer unsicherer – so der vorherrschende Eindruck. In einer Umfrage gaben 78 Prozent der Mütter und 66 Prozent der Väter an, dass sie den Alltag von Kindern für gefährlicher halten als früher. „Die meisten Eltern glauben, dass die Umwelt für ihre Kinder unsicherer geworden ist“, glaubt auch Psychologe Wilfried Kahl. Mit der Wirklichkeit hat das allerdings wenig zu tun.

„Die Sicherheit für Kinder hat zugenommen“, sagt Dr. Gabriele Ellsäßer, die für das Statistische Bundesamt zu Unfällen und Gewalt bei Kindern forscht. Ihre jüngste Studie zeigt zwischen 2001 und 2010 einen „beeindruckenden Abwärtstrend der Verletzungen mit Todesfolge“ in Deutschland – nämlich um 37 Prozent. „Es ist sehr, sehr viel passiert“, sagt Ellsäßer.

Beispiel Verkehrsunfälle: Starben 1983 auf deutschen Straßen noch 796 Kinder, ist die Zahl seither kontinuierlich gesunken und lag 2013 bei 58 Kindern – ein Rückgang um 93 Prozent in 30 Jahren, der vor allem auf Tempolimits, Verkehrsberuhigungen und verpflichtende Kindersitze zurückzuführen ist.

Beispiel häusliche Unfälle: 2003 starben 19,3 Kinder pro 100  000 Einwohner bei Heim- und Freizeitunfällen, 2012 waren es 10,7 (Rückgang um 45 Prozent). Ob kindersichere Verschlüsse bei Medikamenten und Putzmitteln, Sicherheitsschalter in Steckdosen, Herdschutzgitter, Rauchmelder oder Fensterriegel: „Viele Maßnahmen haben zur Sicherheit beigetragen. Das sieht man am Rückgang tödlicher Verletzungen in sämtlichen Bereichen“, sagt Ellsäßer.

Auch Unfälle in Schwimmbädern, Teichen oder Plantschbecken werden seltener: 1998 ertranken in Deutschland 106 Kinder, 2012 waren es 33.

Tödliche Verletzungen durch Gewalt gingen zwischen 2001 bis 2010 um 27 Prozent zurück. Traurige Ausnahme ist Gewalt gegen Säuglinge – etwa das Schütteln schreiender Babys –, die auf hohem Niveau bleibt. „Doch auch hier wird etwas getan. Und durch Aufklärung und aktive Unterstützung von Familien wie durch das Projekt ,Frühe Hilfen’ erwarten wir künftig einen wahrnehmbaren Effekt“, hofft Ellsäßer. Bei alledem spielt zudem der medizinische Fortschritt eine Rolle. „Selbst schwerst verletzte Kinder können heute gerettet werden“, weiß die Ärztin.

Auch bei der Kriminalität gibt es positive Entwicklungen. Wurden 2009, im ersten Jahr der Erhebung dieser Daten, 69  458 Kinder Opfer von Straftaten, waren es 2013 noch 61  609. Beim sexuellen Missbrauch von Kindern zeigt sich: Die Zahlen schwanken von Jahr zu Jahr, was auch an verändertem Anzeigeverhalten liegt. So ist in der Kriminalstatistik vermerkt, dass die Öffentlichkeit „besonders nach aufsehenerregenden Medienberichten sensibilisiert“ sei. Langfristig ist dennoch ein Abwärtstrend erkennbar. Wurden 1993 sowie zehn Jahre später jeweils exakt 15  430 Missbrauchsfälle erfasst, sank die Zahl 2013 auf 12  437.

Straßenverkehr, Unfälle, Gewalt: „Objektiv wird die Welt für Kinder sicherer“, sagt Gabriele Ellsäßer. Aber wieso nehmen viele Eltern es anders wahr? Psychologen wissen, dass die subjektive Risikowahrnehmung selten mit dem tatsächlichen Risiko übereinstimmt. So beeinflusst laut einer Untersuchung das gestiegene Verkehrsaufkommen – und nicht die Unfallstatistik – die Ängste von Eltern. Zudem sind viele Risiken, wie der sexuelle Missbrauch, heute präsenter in den Medien. Leicht lässt sich das Gefühl erhöhter Gefahr also sicher nicht tilgen. Gute Gründe dafür gibt es aber nicht.

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