Helikopter-Eltern : „Wie oft hat er geniest?“

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Sie begleiten ihr Kind bis in die Schulklasse, halten Händchen beim Rutschen und verlangen Bestnoten: Helikopter-Eltern umschwirren ihre Zöglinge Tag und Nacht. Auszüge aus dem alltäglichen Wahnsinn.

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21. September 2018, 20:45 Uhr

Im Gespräch über die morgendliche Routine des Kindes erzählte die Mutter mir, dass sie ihrem Sohn jeden Morgen die Klobrille warmfönt, damit ihm nicht so kalt auf dem Thron ist.

Es gibt hier in Hamburg Eltern, die ihren Kindern im Sandkasten Handtücher unter den Popo legen, damit die Hose nicht dreckig wird.

Neulich habe ich eine Mutter betreut, die die Kleidung ihres Babys mit einem speziellen desinfizierenden Waschmittel wusch. Eine Hygienemaßnahme konnte ich ihr aber zum Glück wieder ausreden: vor dem Stillen ihre eigene Brust zu desinfizieren.

Beim Elternabend der ersten Klasse wurden die Eltern darum gebeten, mittags nicht mehr in die Schülermensa zu kommen, um ihren Kindern das Essen klein zu schneiden.

Eine Mutter, die ihr „Nein“ sofort zurücknahm, weil ihr Zweijähriges das Gesicht weinerlich verzog: „Mein Kind soll niemals weinen müssen“.

Ein Vater zerriss vor meinen Augen das Zeugnis seines Sohnes und fragte, wie ich mir anmaßen könne, solche Noten zu vergeben.

Ich werde nie vergessen, wie ich mit anderen Müttern einer privaten Kita darüber diskutieren musste, ob eine Biogurke aus dem Supermarkt für das Frühstück der Kleinen geeignet sei. Supermarkt-Bio sei eben kein echtes Bio.

Wer packt denn zum Abschluss der Woche die Taschen der Kinder?

Unsere Tochter benötigt dringend ihr Handy, da sie uns jeden Abend anrufen muss, um zu erzählen, ob es ihr gut geht.

Ein Elternpaar forderte einen Physiotherapeuten in der Schule, der die Kinder einmal die Woche massieren sollte.

Bei uns gibt es ein drei Jahre altes Kind, das angeblich eine Nahrungsphobie hat. Von uns Erziehern wollen seine Eltern jetzt, dass wir vor dem Kind mit den Fingern essen, dabei ein Lied singen und dem Kind gleichzeitig unsere Finger anbieten, damit es daran lutschen kann. Zudem sollen wir bei dem Kind vor jeder Mahlzeit eine Massage im Mund machen.

Während einer partiellen Sonnenfinsternis wurde es um die Mittagszeit herum draußen dunkler. Plötzlich klopfte es, und da standen die Eltern und die Großmutter eines der Kinder: Die drei hatten Sorge, dass die Sonnenfinsternis ihren Sprössling verwirren oder beunruhigen könnte.

Eine Mutter rief in der ersten Pause im Sekretariat an. Sie wollte von mir wissen, wie oft ihr Sohn in den ersten beiden Schulstunden geniest habe.

Ein Paar hatte den gesamten Dielenboden seiner Altbauwohnung mit bunten Klebestreifen markiert, damit sie ihre Schritte so platzieren konnten, dass die Dielen nicht knarzten. Und ein Vater hatte tatsächlich Angst, die Klospülung zu betätigen, wenn das Baby schlief. Er pinkelte deshalb ins Waschbecken.


Alle Beispiele stammen aus dem Buch „Ich muss mit auf Klassenfahrt – meine Tochter kann sonst nicht schlafen!“ von Lena Greiner und Carola Padtberg, Ullstein Verlag 2018, 224 S., 10 Euro, ISBN 978-3548377940

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